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Startups fit fürs Parkett : Börsenplätze buhlen um Tech-Unternehmen

Die Euronext in Paris Bild: Reuters

Die Mehrländerbörse Euronext will der Deutschen Börse Technologie-Unternehmen abluchsen. 23 Start-ups aus Deutschland bereiten sich aktuell mit einem Ausbildungsprogramm auf das Parkett vor.

          3 Min.

          Die europäische Mehrländerbörse Euronext will junge deutsche Technologie-Unternehmen zu sich locken und sagt damit der Deutschen Börse den Kampf an. Das von Paris aus gesteuerte Finanzunternehmen hat kürzlich Trainingsprogramme für deutsche Unternehmensgründer gestartet, die gezielt auf einen Börsengang an einer der Euronext-Börsen in Europa vorbereiten. Erstmals wird das neunmonatige Programm nicht nur in den Euronext-Heimatländern Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Portugal angeboten, sondern auch in Deutschland, Spanien, Italien und der Schweiz. Von den 135 Teilnehmern stammen 23 Unternehmen aus Deutschland.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          „Die Leute von Euronext sind sehr rege. Sie sind als Partner sehr aktiv. Von der Deutschen Börse kann man das nicht immer behaupten“, sagte etwa Max Ostermeier vom Medizin-Technik-Unternehmen Implandata aus Hannover, der an der Weiterbildung teilnimmt. Im Rahmen des kostenlosen Euronext-Programmes besuchen Geschäftsführer und Unternehmensvorstände abendliche Workshops, vereinbaren Termine mit Einzelbetreuung und nehmen an zwei Veranstaltungen an europäischen Managementschulen teil, darunter kürzlich die Eröffnung bei HEC vor den Toren von Paris. Die Abendsitzungen für die deutschen Unternehmen finden in München oder Berlin statt. Als Berater und Trainer wurden Investmentbanken, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Anwaltskanzleien sowie PR-Agenturen gewonnen. Verschiedene Branchenverbände unterstützen das Vorhaben ebenfalls.

          Auch die Deutsche Börse bemüht sich um junge Tech-Unternehmen, sie bietet auf der Website ein Beratungstelefon und das sogenannte Scale-Segment des Freiverkehrs an. „Doch die Aufnahmebedingungen sind ziemlich streng“, sagt Sebastian Gabert, der Vertreter von Euronext in Deutschland. Für die Einbeziehung ins Scale-Segment müssen die Unternehmen beispielsweise einen Umsatz von mindestens 10 Millionen Euro, ein positives Jahresergebnis und mindestens 20 Mitarbeiter haben. Das Gründerunternehmen Implandata, das in der Augenheilkunde tätig ist, erfüllt diese Kriterien beispielsweise noch nicht. Daher streckt es jetzt die Fühler zur Euronext aus; in zwei bis drei Jahren könnte nach Angaben des Geschäftsführers ein Börsengang anstehen. Euronext verlangt etwa nicht, dass die Unternehmen schon Gewinne erzielen. „Wir sagen auch öfter mal nein zu einem Listing-Antrag, wenn wir das Unternehmen noch nicht reif genug finden, doch insgesamt stehen wir für die Gründerunternehmen zu einem früheren Zeitpunkt zur Verfügung als die Deutsche Börse“, sagt Anthony Attia, der Chef der Paris Börse und Leiter der Aktiennotierungen von ganz Euronext.

          Ausbildungsprogramm der Euronext findet wachsenden Zuspruch

          Junge Tech-Unternehmen an die Börse zu bringen ist ein heikles Unterfangen. Viele fürchten den Druck der Quartals-Berichterstattung sowie stark schwankende Börsenkurse. Die Euronext will den Gründern diese Bedenken nehmen. Denn auf der anderen Seite garantiert eine Börsennotierung auch viel Öffentlichkeit sowie die Bewertung durch professionelle Analysten. Sie eröffnet den Alteignern neue Verkaufsmöglichkeiten, und die Unternehmen finden an der Börse Fondsanleger, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten. Nicht zuletzt können die Mitarbeiter in flüssigen Aktien bezahlt werden.

          Das Ausbildungsprogramm der Euronext findet wachsenden Zuspruch. Seit 2015 hat sich die Teilnehmerzahl auf gut das Vierfache erhöht. Allerdings ist eine Massenwanderung an die Börse bisher ausgeblieben. Von den 135 fortgebildeten Unternehmen haben sich vier zu einem Börsengang entschlossen: Osmozis, Balyo, Theranexus und Oxatis. Die Bilanz ihrer Notierungen fällt aus Anlegersicht aber mau aus. Osmosis und Balyo haben ihre Marktkapitalisierung seit der Einführung im vergangenen Jahr fast halbiert, und Oxatis verlor seit April dieses Jahres fast ein Drittel seines Wertes.

          Die Teilnehmer des Euronext-Ausbildungsprogramms wollen sich davon aber nicht entmutigen lassen. Die Teilnahme verpflichtet ja zu nichts. Die Unternehmen kommen aus unterschiedlichen Technologie-Branchen, von Biotech und Medizintechnik über Elektronik und Hardware bis zu Umweltschutz, E-Commerce und Finanzen. Sie erwirtschaften einen durchschnittlichen Umsatz von rund 10 Millionen Euro und beschäftigen etwa 100 Mitarbeiter. Zwei Drittel werden noch von Venture-Capital-Investoren finanziert. Unter den deutschen Teilnehmern stammt rund die Hälfte aus der Biotech- und Medizintechnik-Branche, die anderen beschäftigen sich mit Medien, digitalen Dienstleistungen, E-Commerce, dem allgemeinen Gesundheitswesen, Versicherung und Elektronik. Beim Stand der unternehmerischen Entwicklung reicht die Spanne vom jungen Start-up bis zum reifen Anbieter mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz. Manche Teilnehmer bleiben lieber anonym, weil sie Gerüchte eines bevorstehenden Börsenganges vermeiden wollen. Andere sind offener: Beim Euronext-Ausbildungsprogramm machen aus Deutschland neben Implandata die Unternehmen Global Savings Group, Ottonova, Shop Lesara und Numares mit.

          Auch wenn die Anwerbung junger Tech-Unternehmen für den Börsengang mühsam ist, so will Euronext nicht nachlassen. Das Weiterbildungsprogramm soll zur Etablierung eines dynamischen Gründermarktplatzes beitragen. „Wir sehen uns mit rund 350 börsennotierten gelisteten Tech-Unternehmen heute schon als führend in Europa an. Weltweit gelten wir als die größte Börse für Medizintechnik und die zweitgrößte Börse für Biotechnologie“, sagt Börsenchef Attia.

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