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Amerikas Aktienmärkte : Starke Schwankungen belasten den Börsenhandel

  • -Aktualisiert am

Nur ansatzweise in Weihnachtsstimmung: Die Wall Street in New York Bild: AFP

Momentan gibt es an den Märkten der Welt zwar keine aggressiven Verkäufer, aber offenbar sind Kaufinteressenten rar. Wie entscheidet die Federal Reserve?

          Die Schwankungen an den internationalen Aktienmärkten setzen sich fort. Nach heftigen Kursverlusten an der Wall Street am Montag ging die Verkaufswelle am Dienstag zunächst an den asiatischen Börsen weiter. In Europa erholten sich die Kurse im Handelsverlauf nach anfänglich stärkeren Verlusten. Der Dax drehte im Handelsverlauf ins Plus und notierte im Nachmittagshandel mit freundlicher Tendenz. Die amerikanischen Aktienbörsen eröffneten am Dienstag mit deutlichen Aufschlägen. Anlass der Schwankungen war abermals die Furcht vor einem schwächeren Wirtschaftswachstum angesichts des Handelsstreits zwischen den Vereinigten Staaten und China. Dazu belastete am Montag und Dienstag der starke Rückgang der Rohölpreise, was Händler auf ein Überangebot zurückführten.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          „Der Ausverkauf findet weiterhin in einem geordneten Rahmen statt“, kommentierte JJ Kinahan, der bei der amerikanischen Direktbank TD Ameritrade die Anlagestrategie für Aktien verantwortet. „Ich glaube, es handelt sich nicht so sehr um aggressive Verkäufer wie um einen Mangel an Kaufinteressenten“, folgerte er. Händler hielten sich möglicherweise zurück, um die am Mittwoch angesetzte Zinsentscheidung der amerikanischen Notenbank abzuwarten. An den Märkten wurde überwiegend mit einer weiteren Leitzinserhöhung gerechnet.

          Trump in Richtung Notenbank: „Unglaublich!“

          Börsianer werden ihr Augenmerk aber besonders stark auf den weiteren Ausblick und die Kommentare des Fed-Vorsitzenden Jerome Powell richten, da es zuletzt Indizien für eine leichte Abschwächung des amerikanischen Wirtschaftswachstums gab, etwa im Häusermarkt. Zudem hatte der amerikanische Präsident Donald Trump die avisierten Leitzinserhöhungen der Fed wiederholt kritisiert. Erst am Montag hatte Trump es auf Twitter als „unglaublich“ bezeichnet, dass die Notenbanker die Zinsen anheben wollten. Seine Vorgänger hatten sich nicht öffentlich zu Zinsentscheidungen der Notenbank geäußert. Powell hatte im vergangenen Monat in einer Rede gesagt, dass sich der Leitzins aktuell in der Nähe des neutralen Zinses bewege, also des Zinsniveaus bei dem die Geldpolitik weder stimulierend noch dämpfend wirke. An den Börsen wurde das als Hinweis verstanden, dass die Fed im kommenden Jahr vorsichtiger agieren wird.

          Zu schnell steigende Zinsen gelten als Gift für den Aktienmarkt, weil sich die Finanzierung von Unternehmen über Anleihen oder Kredite verteuert. Zudem bieten höhere Zinsen für Staatsanleihen Anlegern eine sicherere Alternative zu Risikoanlagen wie Aktien. Die nunmehr seit fast zehn Jahren dauernde Aktienhausse wurde von den lange Zeit extrem niedrigen Zinsen beflügelt. Die Fed hatte die Leitzinsen im Zuge der Finanzkrise im Jahr 2008 auf nahezu Null gesenkt und erst im Dezember 2015 wieder vorsichtig an der Zinsschraube gedreht.

          „Wenn die Geldpolitik nicht ihre Richtung ändert, wird es zu einem Crash kommen“, fürchtet Steven Ricchiuto, der für die Vereinigten Staaten zuständige Chefvolkswirt des japanischen Wertpapierhauses Mizuho Securities. „Es hängt eine Menge davon ab.“ Besonders vom Zinstrend belastet wurden die Kurse kleinerer amerikanischer Aktiengesellschaften. Amerikanische Nebenwerte befinden sich laut dem Russell-2000-Index in einer Baisse, weil ihre Kurse seit dem jüngsten Höchststand um mehr als 20 Prozent nachgegeben haben. Standardwertebarometer wie der Dow Jones, der S&P 500 und der technologielastige Composite-Index der elektronischen Börse Nasdaq sind bisher nicht so stark gefallen. „Der Markt ist tückisch“, sagte Paul Brigandi, der den Wertpapierhandel bei der Fondsgesellschaft Direxion leitet. Die Stimmung der Anleger habe sich nachhaltig gewandelt. „Früher dauerten Rückschläge nur kurz. Das ist dieses Mal anders.“ Brigandi wies darauf hin, dass Anleger zum ersten Mal seit dem Platzen der spekulativen Internetblase nach der Jahrtausendwende in diesem Jahr Kursrückschläge nicht mehr automatisch nutzten, um Aktien zu günstigeren Kursen zu erwerben.

          Während längerer Haussephasen und selbst während der Finanzkrisen-Baisse vor zehn Jahren folgten Anleger noch dieser Faustregel. Die „Buy-the-Dip“-Regel besagt, dass Anleger bei Kursrückschlägen kaufen sollen, um günstigere Einstiegskurse zu erhalten. In einer Haussephase ist das eine erfolgreiche Strategie, weil die Aktienkurse nach Rückschlägen weiter steigen. In einer Baisse geht diese Strategie aber nicht auf, weil die Kurse in einen längerfristigen Abwärtstrend übergehen.

          Die Unsicherheit der Anleger macht sich auch an den starken Geldabflüssen aus Investmentfonds fest. Nach Angaben der Bank of America haben Anleger in der zweiten Dezemberwoche die Rekordsumme von 39 Milliarden Dollar aus global anlegenden Aktienfonds abgezogen. „Wir haben davor gewarnt, dass die Märkte 2018 für zeitweilige Rückschläge anfällig waren, falls das amerikanische Säbelrasseln in der Handelspolitik in die Tat umgesetzt würde“, sagte Richard Turnill, globaler Chefanlagestratege der Fondsgesellschaft Blackrock. „Aber das Ausmaß der geopolitischen Auswirkungen auf die Märkte hat uns überrascht.“

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