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Staatsanleihen : Investoren schätzen Griechenland wieder

Die griechische Flagge weht über der Innenstadt Athens. Bild: AP

Die Risikoprämien des Euro-Krisenlands gehen seit Jahresanfang deutlich zurück. Auch die griechische Wachstumsprognose für 2019 liegt über dem EU-Durchschnitt. Jetzt will das Land Schulden schon früher zurückzahlen.

          Griechenland genießt am Kapitalmarkt wieder Vertrauen. Das spiegelt nicht nur die erfolgreiche Plazierung einer zehnjährigen Anleihe am 5. März wider, sondern der Rückgang des Risikoaufschlags beeindruckt noch mehr: Seit Jahresanfang ist die Rendite der zehnjährigen Anleihe Griechenlands von 4,3 auf unter 3,3 Prozent gesunken, was am Anleihemarkt mit entsprechenden Kursgewinnen verbunden ist. Sinkt die Rendite um einen Prozentpunkt oder 100 Basispunkte, geht das einher mit vergleichsweise hohen Kursaufschlägen. Die Rendite des noch immer hochverschuldeten Landes befindet sich auf dem niedrigsten Niveau seit September 2005.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch die Börse Athen profitiert von der griechische Renaissance: Der Leitindex ASE ist seit Jahresanfang um 26 Prozent gestiegen. Auch wenn sich die Aktienmärkte in der ganzen Welt von den Kursverlusten der zweiten Jahreshälfte 2018 erholt haben, die griechische Entwicklung stellt die meisten anderen Märkte in den Schatten. Die Kursgewinne des ASE sind die zweithöchsten in diesem Jahr unter den 94 führenden Aktienindizes. Investoren, die schon im Jahr 2015 Vertrauen in die Regierung des linken Ministerpräsidenten Alexis Tsipras hatten, sind seitdem belohnt worden: Der Gesamtertrag aus griechischen Staatsanleihen beträgt 231 Prozent. Dahinter folgt das ebenfalls von einer linken Koalition regierte Portugal mit 23 Prozent. Im Vergleich dazu brachten Bundesanleihen in diesem Zeitraum 7 Prozent und französische Staatsanleihen 9 Prozent ein.

          IWF mit mit knapp 32 Milliarden Euro beteiligt

          Seit dem Tiefpunkt der griechischen Wirtschaft im Jahr 2012, als die Arbeitslosenquote bis auf den Rekordwert von 27,7 Prozent gestiegen war, hat das Land mit seinem Wachstum Deutschland und Frankreich überholt. In diesem Jahr wird ein Wachstum von 1,9 Prozent erwartet, womit Griechenland über dem EU-Durchschnitt von 1,4 Prozent liegt.

          Nun will das Land auch die letzten Kapitel des Rettungsprogramms von Eurogruppe, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) abarbeiten. Nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters will Griechenland noch in dieser Woche beim Euro-Krisenfonds ESM die Genehmigung beantragen, in diesem und im nächsten Jahr fällig werdende IWF-Kredite über insgesamt 3,7 Milliarden Euro vorzeitig zurückzahlen zu dürfen. Der ESM habe schon signalisiert, dass er eine frühzeitige Ablösung der Kredite für sinnvoll halte, berichtete Reuters unter Berufung auf „mit den Vorgängen vertrauten Personen“. Der IWF soll dies demnach ähnlich sehen. Deutschland und die Niederlande seien dagegen skeptisch, weil sie den Rückzug des IWF aus der Kontrolle von Wirtschaftsreformen befürchteten. Schon vergangene Woche hatte der griechische Finanzminister Euklid Tsakalotos darauf verwiesen, dass die Schulden an den IWF zu teuer seien und sich Griechenland an den Finanzmärkten billiger refinanzieren könne.

          Für die beiden im Rahmen der Hilfsprogramme vergebenen IWF-Kredite muss Griechenland jeweils 5 Prozent zahlen. Am Kapitalmarkt erhält Griechenland zehnjährige Schulden um gut 1,7 Prozentpunkte günstiger. In der fünfjährigen Laufzeit liegt die griechische Rendite seit einigen Wochen unterhalb der amerikanischen: Am Dienstag notierten fünfjährige griechische Anleihen mit einer Rendite von 2,14 Prozent, während amerikanische Titel in dieser Laufzeit einen Marktzins von 2,39 Prozent aufwiesen. Insgesamt muss Griechenland dem IWF bis 2024 rund 9,3 Milliarden Euro zurückzahlen. Der IWF hatte sich am griechischen Rettungsprogramm seit 2010 mit knapp 32 Milliarden Euro beteiligt. Der größte Teil ist bereits von den Griechen zurückgezahlt worden. Griechenlands letztes Spar- und Reformprogramm endete im August 2018. Seitdem muss sich das Land wieder eigenständig an den Finanzmärkten finanzieren.

          Fast 100 Basispunkte weniger

          Vor kurzem erhielt Griechenland von der Eurogruppe die Freigabe für 970 Millionen Euro, weil Reformfortschritte erfüllt wurden. Das Geld, das in Kürze ausgezahlt werden soll, ist Teil eines Gesamtpakets von rund 5 Milliarden Euro, das – abhängig vom jeweiligen Reformfortschritt – bis Juni 2022 in halbjährlichen Tranchen an Griechenland überwiesen werden soll. Die Eurogruppe hatte im vergangenen Sommer beschlossen, einen Teil der Zinsgewinne, die die EZB sowie die nationalen Notenbanken aus dem EZB-Anleihekaufprogramm für finanzschwache Eurostaaten (SMP) erzielt hatten, an Griechenland weiterzureichen.

          DZ-Bank-Analyst Daniel Lenz sieht den Markt als aufnahmefähig für neue griechische Staatsanleihen. Dies lässt sich seiner Ansicht nach auch an dem geringeren Renditeabstand zwischen griechischen und italienischen Titeln erkennen. Am Jahresanfang waren es noch 170 Basispunkte, nun sind es fast 100 Basispunkte weniger. Die deutliche Korrektur der Defizitprognose nach oben durch die italienische Regierung ist nach Ansicht von Lenz am Markt bislang gelassen aufgenommen worden. Er begründet das damit, dass die EU-Kommission wegen Brexit und Europawahlen ein Defizitverfahren nicht vor der Sommerpause einleiten wird. Allerdings könnte im Herbst der Konflikt zwischen Brüssel und Rom wieder aufflammen. Bantleon-Portfoliomanager Uwe Pyde hält dagegen italienische Staatsanleihen für unterstützt durch die EZB und die Politik.

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