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Staatsanleihen : Katastrophenszenarien für Italiens Spread

Das Kolosseum in Rom: Wie steht es um die Solidität der italienischen Staatsfinanzen? Bild: dpa

Wie steht es um die Solidität der italienischen Staatsfinanzen? Für den Herbst zeichnen diverse Experten unterschiedliche Szenarien auf.

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          Für den Herbst wird Italien von Oppositionspolitikern und von kritischen italienischen Ökonomen ein Katastrophenszenario vorhergesagt oder herbeigewünscht. Die jüngste Aussage in dieser Richtung stammte am Dienstag von Benedetto Della Vedova, Vorsitzender der kleinen Splitterpartei „+Europa“. „Im Herbst werden die Finanzmärkte dieser Regierung die Quittung für ihre unsoliden Haushaltspläne geben, mit immer höheren Risikozuschlägen für die Staatstitel.“

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Die Aussicht auf hohe Haushaltsdefizite und steigende Staatsschulden würden nach dieser Vorstellung irgendwann die Risikozuschläge für Staatstitel weiter in die Höhe wachsen lassen, womit die Zweifel an der Solidität der italienischen Staatsfinanzen wachsen könnten und Italien dann auf eine Regierung von Sanierern oder auf Hilfe von außen angewiesen wäre.

          Auch in Brüssel gibt es offenbar Politiker, die hoffen, dass kritische Akteure an den Finanzmärkten ausgabenfreudige italienische Politiker effektiver in die Schranken weisen als irgendwelche Vertragsverletzungsverfahren. Zur Drohkulisse gehören auch Gefahren für die Banken, die gut ein Sechstel der italienischen Staatstitel besitzen und bei steigenden Zinsen ihre Anlagen abwerten müssten. „Bei einem Risikozuschlag von vier Prozentpunkten wären viele Banken zu Kapitalerhöhungen gezwungen, noch dazu in einem ungünstigen Moment“, sagt Anlagestratege Alessandro Fugnoli vom Mailänder Finanzhaus Kairos Partners.

          Misstrauen gegenüber Italiens gegenwärtiger Regierung der Fünf-Sterne-Bewegung und der rechtspopulistischen Lega drückte sich schon zum Amtsantritt am 1. Juni 2018 in Form eines auf drei Prozentpunkte verdoppelten Risikozuschlags („Spread“) für zehnjährige italienische Staatstitel gegenüber den deutschen aus. Zuletzt pendelte der Risikozuschlag der Italiener zwischen 2,5 und 2,9 Prozentpunkte, bei etwa dem Vierfachen dessen, was etwa Portugal als Zinszuschlag für seine zehnjährigen Staatstitel gegenüber den deutschen Bundesanleihen zahlen muss.

          Mario Draghi dämpft Erwartungen

          Doch die Erwartungen eines weiter steigenden Spread hat vor wenigen Tagen EZB-Präsident Mario Draghi gedämpft. Als er vor einer Woche sagte, dass die wirtschaftliche Entwicklung wohl weiter mit geldpolitischen Instrumenten stimuliert werden müsse, fiel der italienische Spread auf nur noch 2,3 Prozentpunkte, einen Tiefstwert der vergangenen Monate.

          Für Alessandro Fugnoli von Kairos ist damit der Weg bis zum Ende des Jahres vorgezeichnet: Die globale Geldpolitik sei 2019 stark expansiv. Und diese Tendenz werde Unsicherheiten in Italien ausgleichen, etwa im Fall von Neuwahlen und einer weiter rechts orientierten antieuropäischen Politik in Rom. „Kurzfristig bestimmen die Spannungen um den Haushalt zwischen Rom und Brüssel den Spread“, sagt Fugnoli. Doch für die Märkte sei das alles schon dagewesen, im vergangenen Dezember beim Streit um den Haushalt 2019. „Bei gleicher Art von Spannung wird es weniger Ängste an den Märkten geben.“

          Für Francesco Previtera, Chefökonom von Banco BPM, ist in diesem Sommer auch ein Risikozuschlag in einem Band von nur 1,8 bis zwei Prozentpunkten denkbar. Voraussetzung dafür sei, dass eine diplomatisch gestimmte italienische Regierung in der Lage sei, die Verhandlungen über Italiens Defizit mit den Personaldiskussionen in Brüssel zu verbinden. Zu den optimistischen Szenarien gehört für Previtera von BPM, dass die Regierung einen offenen Haushaltskonflikt mit der EU vermeidet und zudem die Wachstumsaussichten für Deutschland und Italien besser werden. Ein pessimistisches Szenario beinhaltet auch den Sturz der Regierung im Herbst und einen Sparhaushalt, der von Sanierern gemacht werden muss.

          Wann ziehen sich Anleger zurück?

          Mehr Details zu einem solchen pessimistischen Szenario liefert der regierungskritische Analyst und Kommentator Mario Seminerio: „Wenn sich die Regierung als Opfer beschreibt und offen gegen die Vorgaben aus Brüssel vorgeht, werden die Märkte den Spread explodieren lassen“, sagt Seminerio vorher. Dann werde man sehen, ob die gegenwärtige Regierung Stehvermögen habe oder ob sie dann die Sanierungsarbeit einem Fachmann überlasse, auf den dann aus dem Oppositionslager rhetorische Salven geschossen würden.

          Andrea Montanino, Chefvolkswirt des Unternehmerverbandes Confindustria warnt davor, dass die Situation schnell umschlagen könne: „In einer Zeit niedriger Zinsen bietet Italien Renditen, die Anlegern Freude machen.“ Wenn an den Märkten aber das Gefühl entstehe, das Risiko sei zu groß im Verhältnis zu einer Rendite von zwei oder drei Prozent, dann könnten sich viele Anleger schlagartig zurückziehen. Auch das gegenwärtige Niveau des Spreads sei schließlich langfristig nicht tragbar, sagt Montanino.

          Denn in Italien liege der Zins derzeit oberhalb des nominellen Wachstums, und das erzeuge eine Tendenz zu einer höheren Schuldenquote. „Der Spread ist vor allem ein Risikofaktor, dem Italien ausgesetzt ist“, sagt der ehemalige IWF-Fachmann und Professor Carlo Cottarelli, der an der Mailänder Università Cattolica ein Institut zur Beobachtung der Staatsfinanzen betreibt. Zwar seien Finanzkrisen wie 1992 und 2011 selten, doch wenn es dazu kommt, dann könne der Spread kräftige Sprünge machen, sagt Cottarelli. „Allzu leicht verliert man dann fünf Prozent des Volkseinkommens in einem Jahr, und wir brauchen dann zehn Jahre, um das wieder aufzuholen.“

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