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Staatsanleihen : In Europa ziehen die Renditen nur langsam an

Das italienische Finanzministerium Bild: Bloomberg

Amerikanische Staatsanleihen locken mit einer Rendite von 3 Prozent. Werden europäische Staatsanleihen jetzt auch lohnenswerter?

          3 Min.

          Der Anstieg der Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen auf 3 Prozent wirft die Frage auf, ob auch die Renditen europäischer Staatsanleihen deutlich steigen werden. Denn die Erfahrung lehrt, dass der amerikanische Kapitalmarkt als größter Kapitalmarkt der Welt auf alle anderen Märkte wirkt – wenn auch nicht immer gleich stark. So sind in den vergangenen Wochen auch in Europa die Renditen der Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten gestiegen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen hat zum Beispiel seit Anfang April von 0,5 auf 0,64 Prozent zugelegt. Das ist aber nur ein kleiner Hüpfer, und nach Schätzungen mehrerer Finanzhäuser dürfte bis Jahresende gerade einmal die Marke von 1 Prozent erreicht werden.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Jede Aussicht auf steigende Renditen von Staatsanleihen in der Eurozone ruft Pessimisten auf den Plan, die düster verkünden, die Renditen könnten gar nicht steigen, weil dann die südeuropäischen Länder, und hier nicht zuletzt Italien, innerhalb kurzer Zeit unter steigenden Zinslasten zusammenbrechen würden. Schließlich beläuft sich die italienische Staatsschuld auf 2,3 Billionen Euro, was rund 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht.

          Entspannte Reaktion des Marktes

          Ein Blick auf die Zahlen zeigt hingegen, dass ein auf einen raschen Zusammenbruch setzendes Schreckensszenario in absehbarer Zeit ziemlich unwahrscheinlich ist. Denn zum einen tragen nahezu alle Staatsanleihen Festzinskupons, die während der gesamten Laufzeit festgeschrieben sind. Selbst wenn die Marktrenditen steigen sollten, blieben diese Kupons unverändert. Steigende Renditen am Markt würden sich auf die neu zu begebenden Anleihen auswirken, aber nicht auf die im Umlauf befindlichen Papiere. Das heißt: Es würde Jahre dauern, bis sich höhere Renditen spürbar auf die Zinskosten eines Staates niederschlagen.

          Im Falle Italiens würde es sogar sehr lange dauern, denn die durchschnittliche Laufzeit der italienischen Staatsanleihen beträgt siebeneinhalb Jahre. „Wir verfügen über eine Analyse der Schuldentragfähigkeit. Wir haben einen Schock durch stark steigende Zinsen simuliert, und es zeigt sich, dass die italienische Staatsschuld wegen der langen durchschnittlichen Laufzeit der Anleihen relativ nachhaltig und widerstandsfähig ist“, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Peter Praet vor ein paar Wochen.

          Da diese lange durchschnittliche Laufzeit an den Finanzmärkten kein Geheimnis ist, haben sie bisher gelassen auf die politische Unsicherheit in Italien sowie auf die am Markt verbreitete Vermutung reagiert, dass die Europäische Zentralbank in der zweiten Jahreshälfte ihr Anleihekaufprogramm einstellen wird. Schon auf die Reduzierung der monatlichen Anleihekäufe der EZB von in der Spitze 80 Milliarden Euro über 60 Milliarden Euro auf jetzt 30 Milliarden Euro hatte der Markt entspannt reagiert.

          Zinskupon von 3,7 Prozent

          Ein zweiter Punkt kommt hinzu. Die seit mehreren Jahren sehr niedrigen Renditen haben es den Staaten erlaubt, auch langfristig zu sehr niedrigen Renditen Anleihen auszugeben. Die Schweizer Vermögensverwaltung Pictet hat in einer Grafik die durchschnittliche Rendite der Staatsanleihen mehrerer Euroländer mit der aktuellen Rendite zehnjähriger Staatsanleihen verglichen. Im Falle Italiens beträgt die durchschnittliche Rendite der im Umlauf befindlichen Staatsanleihen annähernd 3,5 Prozent. Gegenwärtig beträgt die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen aber nur 1,77 Prozent, und die Renditen von Papieren mit kürzeren Laufzeiten sind noch niedriger. Mit anderen Worten: Die Marktrenditen müssten erheblich steigen, damit sich die Zinskosten Italiens spürbar erhöhten.

          Bild: F.A.Z.

          Zwei Beispiele mögen dies belegen. In ein paar Wochen wird eine siebenjährige Staatsanleihe Italiens fällig, die im Jahre 2011 mit einem Zinskupon von 3,7 Prozent an den Markt gekommen war. Aktuell beträgt die Rendite siebenjähriger italienischer Staatsanleihen 1,27 Prozent – das heißt, Rom wird, wenn sich die Marktlage bis Mai nicht dramatisch ändert, die alte Anleihe durch eine neue mit einem erheblich niedrigeren Zinskupon ablösen. Im August wird eine zehnjährige Staatsanleihe fällig, die einen Zinskupon von 4,5 Prozent trägt. Auch diese Anleihe wird durch eine neue mit einem vermutlich niedrigeren Zinskupon ersetzt.

          Das heißt nicht, dass bei einer längerfristigen Betrachtung keine Risiken existieren. Nicht nur in der Fondsgesellschaft wird Italien als eine „langfristige Herausforderung“ bezeichnet, weil auf die Dauer ein so großer Schuldenberg mit einem in der jüngeren Vergangenheit nur blutarmen Wirtschaftswachstum schwer vereinbar ist. Der Markt ist auch nicht völlig blind: Nicht zufällig liegt nicht nur die Rendite spanischer zehnjähriger Staatsanleihen unter jener der italienischen Anleihen, sondern mittlerweile sogar die portugiesische.

          Und während mehrere Ratingagenturen Spanien und Portugal bessere Noten gegeben haben, tut sich derzeit in Italien nichts. Bei Standard & Poor’s hat Italien die Note „BBB“, die für gerade noch anlagewürdige Schuldner mittlerer Güte vergeben wird. Steigende Renditen würden Italien so rasch nicht umwerfen, aber auf Dauer dem Land eine weitere Herausforderung bescheren.

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