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Staatsanleihen : Bei wem Italien verschuldet ist

  • Aktualisiert am

Italien braucht weiterhin Geld. Bild: dpa

Italienische Staatsanleihen werden von vielen Anlegern derzeit gemieden. Wer hat sie dennoch im Depot?

          Die öffentliche Diskussion wird oft genug weniger von Fakten als bestenfalls von Hypothesen, oft nur von Meinungen beherrscht. Immer wieder kolportiert wird auch, die Staatshaushalte finanziell schwächerer europäischer Staaten hingen vom Anleihenkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) ab.

          Chiara Cremonesi, Rentenstrategin bei der Londoner Niederlassung der italienischen Bank Unicredit hat nun zusammengetragen, wer denn nun tatsächlich italienische Staatsanleihen gekauft hat und im Portfolio hat, vor allem außerhalb Italiens. Dabei ergibt sich ein durchaus differenziertes Bild.

          Um es vorweg zu nehmen: Die Bedeutung der EZB-Finanzierung ist seit 2013 deutlich gestiegen. Mehr als 50 Milliarden Euro in italienischen Staatsanleihen sind es, die die Notenbank des Euroraums hält.

          Nur ein kleiner Teil bei der EZB

          Auch wenn es sich nach viel anhört, so ist diese Bedeutung dieser mehr als 50 Milliarden Euro für den italienischen Staatshaushalt gar nicht so groß. Nur 8 Prozent der von Ausländern gehaltenen Anleihen entfallen auf die Notenbank. Das macht am Gesamtbestand italienischer Staatsanleihen gerade einmal 2 bis 3 Prozent aus.

          Tatsächlich ist der Anteil der EZB an der anleihenmäßigen Auslandsverschuldung Italiens seit 2015 tendenziell konstant und liegt unter dem Niveau der Eurokrise von 2012/2013. Wie Cremonesi schreibt, ist der Unterschied zwischen der Staatsverschuldung und der anleihenmäßigen Staatsverschuldung vergleichsweise klein.

          Ungünstige Gläubigerstruktur

          Der weitaus größte Anteil von 53 Prozent entfiel Mitte 2018 dagegen auf ausländische Nicht-Banken wie Investment- und Hedgefonds, Versicherungen, Pensionskassen und Privatanleger. Diese hatten im vergangenen Jahr ihre Positionen deutlich reduziert, ebenso wie ausländische Banken. Gewachsen ist dagegen die Bedeutung ausländischer Institutionen, die zuletzt 19 Prozent hielten. Cremonesi vermutet dahinter kurzfristig orientierte Positionen nicht-europäischer Zentralbanken.

          Insgesamt sei die Struktur der ausländischen Eigentümer für Italien ungünstig und mache das Land verwundbarer. Ausländische Privatinvestoren seien traditional die aktivsten Verkäufer, wenn der Markt unter Druck stehe. Italien unterscheide sich damit auch deutlich etwa von Deutschland: 71 Prozent der Bundesanleihen befinden sich in Händen ausländischer Institutionen und nur 4 Prozent in der Hand ausländischer Nicht-Banken.

          Auslandsverschuldung stark rückläufig

          Positiv für Italien ist indes, dass nur 30 Prozent der Anleihen überhaupt von Ausländern gehalten werden, und wenn man es genauer betrachtet sogar weniger als ein Viertel. Denn ein Gutteil liegt in der Hand von luxemburgischen oder irischen Einrichtungen, wohinter in der Regel Fonds stehen, die zumeist von italienischen Anlegern gehalten werden.

          Der Anteil der Ausländer war aber nicht immer so niedrig. Vielmehr fiel er zum Jahresende 2018 mit 24 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Vor der Finanzkrise waren dies 54 Prozent gewesen und selbst in der Eurokrise noch 30 Prozent.

          Auf einzelne Länder heruntergebrochen, waren Mitte 2018 französische Anleger die größte Gläubigergruppe. Mit einem Anteil von 21 Prozent (rund 130 Milliarden Euro) hielten sie fast ebenso viele Anleihen wie nicht-europäische Investoren insgesamt. Den zweiten Platz teilen sich Deutsche und Luxemburger (jeweils etwa 85 Milliarden Euro), wobei es sich bei letzteren wieder um Fonds handeln dürfte. Nach Schätzungen der italienischen Notenbank liegen 85 Prozent dieser Bestände letztlich wieder bei italienischen Anlegern. Eine weitere große Gruppe sind Spanier. Im Endeffekt wird also von dem Anteil, der auf ausländische Nichtbanken entfällt, mehr als die Hälfte von Franzosen, Deutschen und Spaniern gehalten.

          Herausgezogen haben sich dagegen die Briten und auch das könnte etwas mit dem Brexit zu tun haben. Denn bis zum Juni 2016 lagen noch fast 70 Milliarden Euro in Anleihen bei britischen Nicht-Banken. Im Dezember 2016 war es schon weniger als die Hälfte, im Juni 2018 weniger als ein Fünftel dessen.

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