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100 Jahre Dekabank : Sparkassen-Gene und Wertpapiersparen

Kassenhalle der Deutschen Girozentrale (DGZ) in Berlin, aufgenommen im Jahr 1922. Bild: dpa

Die Deka kann mehr für die Sparkassen tun. Eine Fusion ohne Not mit der Helaba ist unrealistisch.

          Es ist ein facettenreicher Geburtstag, der an diesem Donnerstag begangen wird. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält die Festrede, der neue Sparkassenverbandspräsident Helmut Schleweis hat seinen ersten öffentlichen Auftritt am Finanzplatz Frankfurt. Pompös feiert die Sparkassengruppe in Frankfurt „100 Jahre Deka“.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dieses Jubiläum ist auch heikel: Kann man stolz sein auf eine Bank, die im Kaiserreich gegründet wurde, gewiss auch die Kriegsfinanzierung erleichtern sollte und nach 1933 von den Nazis schnell „gleichgeschaltet“ wurde?

          Die Deka hat sich zumindest ihrer gesamten Geschichte gestellt. Zum Jubiläum werden auch die kritischen Abschnitte beleuchtet. Und dem Beobachter werden Ursachen für bis heute akute Besonderheiten bewusst: Etwa warum Sparkassen das Wertpapiergeschäft ein Stück weit fremd geblieben ist.

          Von der Zahlungsabwicklung zum Wertpapiersparen

          Die Geschichte der Deka bietet dafür eine gute Erklärung: Gegründet wurde vor 100 Jahren schließlich keine Fondsgesellschaft, wie man sie heute kennt. Die Deutsche Kapitalanlagegesellschaft, von der die Deka ihren Namen bekam, ist „nur“ ihre zweite Wurzel. Diese gibt es erst seit 1956.

          Vor 100 Jahren wurde vielmehr die Deutsche Girozentrale gegründet, die ein Zahlungsverkehrsnetz mit Sparkassen und Landesgirokassen (den heutigen Landesbanken) spannte. Diese erste Wurzel der Deka passt perfekt zur DNA der Sparkassen. Ihre Kunden sparen mittels Sparbuch und Bausparvertrag und eben eher nicht mit Fonds oder Aktien.

          Die kommunalen Sparkassen bündeln die Spargroschen in regionalen Girozentralen. Diese legen das Geld der Kleinsparer am Kapitalmarkt an. So funktionieren Landesbanken noch immer. In der Deka dagegen dominiert heute nicht mehr das Bank-, sondern das Fondsgeschäft.

          Fondssparen so wertvoll wie nie zuvor

          Dass sich Sparkassen und ihre Kunden mit Wertpapiersparen nach wie vor schwertun, zeigt ein Vergleich mit Dekas größtem Rivalen: Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, liegt gemessen an den verwalteten Kundenvermögen vorn, obwohl die Sparkassen doppelt so viele Privatkunden wie die VR-Banken haben.

          Die Sparkassen sollten aber jetzt in der Niedrigzinsphase mehr denn je auf die Fonds und Zertifikate der Deka setzen. Für ihre Kunden sind diese Wertpapiere fast der einzige Weg, um sinnvoll fürs Alter vorzusorgen. Und den Sparkassen bringt der Wertpapierverkauf Gebühren, mit denen sie einen Teil der wegfallenden Zinserträge ausgleichen können. Es ist überfällig, dass die oft unterdurchschnittlichen Deka-Aktienfonds jetzt endlich mithalten.

          Entlastung der Sparkassen

          Erste Erfolge zeigen sich, 2017 haben die Sparkassen so viele Deka-Fonds verkauft wie nie zuvor. Allerdings verteuert der Gesetzgeber das Wertpapiergeschäft mit vielen neuen Anforderungen an Banken. Der Versuch, Fehlberatung zu unterbinden, ruft einen Wust an Bürokratie hervor. Das Tempo, mit dem Sparkassen den Betrieb aufgeben und untereinander fusionieren, hat angezogen.

          Als größter Fusionstreiber gelten ausufernde Vorschriften etwa im Meldewesen, die von einer einzelnen Ortsbank kaum mehr bewältigt werden können. Die Sparkassen sehnen sich nach Entlastung, und die Deka kann sie ihnen in gewissem Umfang bieten.

          An einen Broker, den die Deka gekauft hat, könnten die Sparkassen alle Wertpapierdepots ihrer Kunden auslagern. Durch die zentrale Verwaltung würde das Wertpapiergeschäft für alle günstiger. Doch diese Einsicht wächst nur langsam. Schon heute kann eine Sparkasse in ihr Online-Banking den S-Broker integrieren, aber nur 10 Prozent tun es. Auch wenn es am Sparkassen-Gen „Selbständigkeit“ rührt: Für mehr Zusammenarbeit spräche viel.

          Oft rückt die Deka auch in den Blick, wenn die hohe Zahl der Landesbanken beklagt wird. Auch sie leiden unter den geringen Zinseinnahmen. Eine Fusion mit der Deka, die von den Gebühren aus dem Fondsverkauf lebt, erscheint da verlockend, um eine bessere Balance der Erträge zu erreichen. Gerade in Frankfurt kursiert die Idee, aus Deka und der nur wenige Meter entfernt residierenden Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) ein „echtes Spitzeninstitut“ der Sparkassen zu formen. Doch eine solche Fusion ohne Not ist wenig realistisch. Das hat mit der Eignerstruktur zu tun.

          Die Landesbanken, die erst die Deutsche Girozentrale und dann die Deka gründeten und sie anschließend als Rivalen ansahen, mussten 2011 ihre Anteile an die Sparkassen verkaufen. Seither können Landesbanken die Deka nicht mehr klein halten. Das heißt aber nicht, dass sich die Sparkassen einig wären. Die relativ an Stärke und Einfluss gewinnenden Sparkassen im Süden Deutschlands haben kein Interesse an einem starken Spitzeninstitut in Frankfurt. Die bayerischen Sparkassen sind vorrangig an der Bayern LB, die baden-württembergischen Sparkassen an der LBBW interessiert. Auch diese Landesbanken bieten Fonds und Zertifikate an.

          Sparkassen mögen Wettbewerb unter den Zentralinstituten in ihrer Gruppe. Auch wollen sie möglichst viel selbst organisieren. Diese Gene nicht weiterzuentwickeln muss man sich leisten können. Die Kunden heute sind wechselwillig wie nie zuvor. Wem die Sparkassen zu teuer sind, der findet deutlich mehr gute und günstige Angebote außerhalb der Sparkassengruppe als vor 100 Jahren.

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