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Sorge vor Ausbreitung : Coronavirus beunruhigt die Finanzmärkte

Angesichts der starken Ausbreitung der neuen Lungenkrankheit hat China seine Maßnahmen am Wochenende deutlich verschärft. Bild: dpa

Die Sorgen der Anleger nehmen zu. Finanzmarktprofis meinen: Die kommenden zwei bis vier Wochen werden wohl entscheidend – und turbulent.

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          Die rasche Ausbreitung der durch das Coronavirus hervorgerufenen Lungenkrankheit hat am Montag die Finanzmärkte in Atem gehalten. Börsianer befürchten einen erheblichen Dämpfer für das Wachstum in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt mit globalen Auswirkungen. Die Aktienkurse in vielen Ländern gaben nach, unter anderem die Titel von Fluggesellschaften verloren kräftig. Der deutsche Aktienindex Dax lag zeitweise 2,3 Prozent tiefer.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Ölpreis fiel unter 60 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) für die Nordseesorte Brent. Die Unsicherheit sorgte dafür, dass Anleger auf Gold setzten – auch wenn Analysten wie die der Commerzbank daran erinnerten, dass die Epidemie in China die Nachfrage nach physischem Gold dort gerade in der Zeit rund um das Neujahrsfest bremsen könnte. Zeitweise kostete das Edelmetall am Montag mit 1586,43 Dollar je Feinunze (rund 31,1 Gramm) so viel wie zuletzt während der Iran-Krise vor drei Wochen.

          „Kurzfristig erdrückender Faktor“

          Viele Anleger bewegte die Frage: Wie stark und wie lange kann die Krankheit mit ihren schrecklichen Auswirkungen auch die Finanzmärkte belasten? Die Stimmen aus Banken klangen am Montag beunruhigter als noch in der vergangenen Woche. Analyst Jim Reid von der Deutschen Bank nannte das Coronavirus „den kurzfristig erdrückenden Faktor“ für die Finanzmärkte. Mit der Zunahme von Erkrankungen und Todesfällen wachse auch die Unsicherheit unter den Marktteilnehmern: „Der Fokus dürfte sich nun darauf richten, wie sehr sich das Virus in den anstehenden Konjunkturdaten Chinas spiegelt.“

          n der vergangenen Woche hatte der Asien-Chefvolkswirt der Bank, Michael Spencer, die Auswirkungen des Virus auf die Wirtschaft noch als begrenzt bezeichnet. Stefan Schneider, Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, spricht nun davon, falls die Ausbreitung weiter so schnell voranschreite, dürfte die Zahl der Infizierten in China und Hongkong binnen Tagen die der „Sars“-Infektion des Jahres 2003 überschreiten: „Die wirtschaftlichen Auswirkungen könnten dann beträchtlich werden.“

          Gerade habe sich die Konjunktur dank der expansiven Geldpolitik in aller Welt auf Erholungskurs befunden, sagte Andreas Hürkamp, Leiter Aktienstrategie der Commerzbank. Die Unsicherheit durch das Coronavirus dämpfe nun diese monetär induzierte Erholung. In der kommenden Gewinnsaison könnten einige Unternehmen die Corona-Unsicherheit als einen Grund für einen gedämpften Ausblick heranziehen. „Die vom Markt erwartete Erholung der Dax-Unternehmensgewinne von 10 Prozent für das Geschäftsjahr 2020 ist durch das Coronavirus daher nochmals unwahrscheinlicher geworden“, sagt Hürkamp: „Wir erwarten derzeit ein Wachstum von 2 bis 4 Prozent.“

          Die Sars-Krise im Jahr 2003 habe die Märkte vor allem in der Phase belastet, in der Sars stark in den Medien diskutiert worden sei. Demnach könnte das Coronavirus den deutschen Aktienmarkt so lange im Griff haben, wie es zum Beispiel Sondersendungen zum Virus in den öffentlichen Sendern gebe, sagt Hürkamp. Im Jahr 2003 habe Sars nach und nach den Schrecken für die Märkte verloren, als die Medienberichterstattung sich beruhigte: „Ich erwarte eine ähnliche Entwicklung beim Coronavirus.“

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          Die nächsten zwei bis vier Wochen würden entscheidend und brächten zusätzliches Risiko für die Märkte, sagt Cédric Spahr, Aktienstratege der Schweizer Bank Sarasin. Die Ausbreitung des Virus nehme die Form einer mathematischen S-Kurve an und befinde sich in einer Phase exponentiellen Wachstums. Es gebe zumindest Fragezeichen, ob die chinesischen Gesundheitsbehörden schnell genug reagiert hätten oder ob eine eher lange Inkubationszeit dazu geführt habe, dass die Zahl der angesteckten Menschen zunächst unterschätzt worden sei.

          Betroffen an den Aktienmärkten seien zum Beispiel China-Werte des zyklischen Konsums, außerdem Fluggesellschaften und die Tourismusbranche. „Quarantänemaßnahmen für sieben Megastädte in China bedeuten auf jeden Fall, dass gewisse Spuren im Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zu spüren sein werden“, sagte Spahr: „Zyklische Aktien aus Europa und Exportwerte mit einem Fokus auf China oder Asien insgesamt gehören zu den betroffenen Titeln, etwa auch schweizerische Uhrenhersteller.“

          Einen gleichsam historischen Vergleich mit der Ausbreitung der Sars-Erreger 2002/2003 und deren Auswirkungen auf die Ölmärkte hat die Investmentbank Goldman Sachs veröffentlicht. Falls sich Erfahrungen von damals übertragen ließen, könnte die globale Ölnachfrage in diesem Jahr um 260.000 Barrel je Tag zurückgehen. Zwei Drittel davon könnte der Treibstoff für Flugzeuge ausmachen. Das wiederum könnte den Ölpreis um 2,90 Dollar je Liter fallen lassen, schreiben die Analysten Damien Courvalin und Callum Bruce.

          Die Ölfachleute der Commerzbank sagen, ölmarktspezifische Nachrichten träfen im gegenwärtigen Umfeld auf „taube Ohren“ – vor wenigen Wochen noch hätten Nachrichten über einen Rückgang der Ölförderung in Libyen durch die dortigen Auseinandersetzungen den Ölpreis noch steigen lassen – jetzt aber habe das Coronavirus die Märkte fest im Griff.

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