https://www.faz.net/-gv6-977h7

Bezahlsystem : Chinas Antwort auf Paypal

Nur den QR-Code scannen: Anders als die Deutschen zahlen die Chinesen gern mit dem Smartphone. Bild: ddp Images

Hunderte Millionen Chinesen zahlen mit der Smartphone-App Alipay. Ginge sein Betreiber Ant Financial – zu Deutsch: Finanzameise – an die Börse, wäre er so viel wert wie Goldman Sachs.

          4 Min.

          Jedes Jahr am elften November feiern in China nicht etwa die Karnevalisten. Es ist der „Tag der Alleinstehenden“, auf Englisch „Singles’ Day“. Das Internetkaufhaus Alibaba hat den Tag für seine Zwecke vereinnahmt und zum größten Online-Einkaufstag der Welt gemacht: ein Fest der Sonderangebote.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Waren im Wert von 25 Milliarden Dollar hat Alibaba über seine Plattform beim jüngsten „Singles’ Day“ verkauft. In den Vereinigten Staaten gaben die Konsumenten zwischen Thanksgiving und „Cyber Monday“, einer fünftägigen Rabattparty mit dem „Black Friday“ als Höhepunkt, 5 Milliarden Dollar weniger aus.

          Bereits diese Dimension in China ist beeindruckend. Noch erstaunlicher ist aber, wie die Chinesen ihre Einkäufe am „Singles’ Day“ bezahlen: mit Alipay, der elektronischen Geldbörse Alibabas, Chinas Antwort auf das amerikanische Paypal. Auch wenn die Bargeldproduktion nach den Angaben von Notendruckereien in China stabil bleibt: in Städten wie Schanghai scheint das Bargeld heute fast ausgestorben zu sein. Wo sie sich auch zum Kaffee niederlassen, einkaufen gehen oder dem Bettler am Straßenrand einen kleinen Geldbetrag spendieren, die jungen bis mittelalten Chinesen zücken dabei nicht ihre Geldbörse, sondern ihr Smartphone.

          Alipay deckt etwa die Hälfte des Markts ab

          In den zu Alibaba gehörenden Supermärkten der Kette „Hema Xianhsheng“ darf zeitweise sogar nur noch mit Alipay bezahlt werden. Eine halbe Milliarde Menschen in China nutzt ihr Smartphone zum Bezahlen. 8 Billionen Transaktionen liefen in China in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres über mobile elektronische Zahldienste. Alipay deckt etwa die Hälfte des Markts ab, den es sich mit seinem Konkurrenten Wechat des Tencent-Konzerns teilt. Das amerikanische Paypal kam im gesamten vergangenen Jahr gerade einmal auf rund eine halbe Billion Zahlungsbewegungen.

          ALIBABA GR.HLDG SP.ADR 8

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Kreditkarten haben in China nie den großen Durchbruch geschafft. Seine Bevölkerung hat in der Masse das Zahlungsmittel übersprungen wie auch den Personalcomputer und bringt immer mehr Zeit mit dem Smartphone zu, auch für das Bezahlen. „Alibabas wertvollster Besitz“ wird Alipay genannt, das der Mutterkonzern aus Hangzhou inzwischen umgetauft hat: in Ant Financial, die Finanzameise.

          Geht es nach Alibaba, dann beginnt an den Finanzplätzen auf dieser Welt bald das große Krabbeln. Ant Financial soll an die Börse, lange schon. Bisher hat Alibaba den Schritt nicht gewagt, oder die Regierung hat ihn nicht erlaubt, das weiß man in China nie so genau. Nun aber haben Alibaba und sein Gründer Jack Ma wieder ein Drittel der Anteile von Ant Financial übernommen, das sie zuvor bei Alibabas eigenem Börsengang 2014 ausgegliedert hatten. Das könnte darauf hindeutet, dass die Wertpapiere der Ameise bald auf dem Parkett gehandelt werden könnten.

          Ende der neunziger Jahre, als Jack Ma Alibaba gründete, besaßen weniger als 2 Prozent der Chinesen einen Computer, und ähnlich hoch war auch der Anteil der Besitzer von Kreditkarten. Während in den Vereinigten Staaten das Internetkaufhaus Amazon und die Auktionsplattform Ebay aufblühten, sagten die Fachleute China keine große Zukunft im Internethandel voraus. Die Mehrheit der Menschen lebte auf dem Land und hatte umgerechnet ein Einkommen von durchschnittlich 200 Dollar im Jahr.

          Bis zum Jahr 2003 hatten die Kunden für die Waren, die sie auf Alibaba erstanden hatten, bei ihrer Bank oder bei der örtlichen Post einen Überweisungsträger ausfüllen müssen, der, vom Bankbeamten gestempelt, schließlich in die Alibaba-Zentrale gefaxt wurde, woraufhin das Unternehmen den Versand der Pakete genehmigte. Dann kam Alipay – und veränderte Chinas Finanzmarkt für immer. Mit der App können heute auch Anlageprodukte gekauft werden, ein Taxi bestellt, Überweisungen an Freunde innerhalb von Zehntelsekunden getätigt und Kinokarten gekauft werden. Damit ähnelt Alipay stark seinem Konkurrenten Wechat.

          Bevor Alibaba im Jahr 2014 an die Börse ging, gliederte Jack Ma den Zahlungsdienst aus seinem Konzern in einer äußerst obskuren Nacht- und Nebelaktion aus. Er hielt zwar keine Anteile mehr am Unternehmen, das damals bereits auf einen Wert von 1 Milliarde Dollar geschätzt wurde, aber dennoch die volle Kontrolle. Jedes Jahr überwies das neue Unternehmen mit dem späteren Namen Ant Financial an Alipay Tantiemen. Bis heute hat es 37,5 Prozent seines Vorsteuergewinns an Alibaba abgeführt, was im Jahr 2017 auf eine Summe von rund 300 Millionen Dollar hinauslief.

          Welche Börse wird Ma wählen?

          Im Jahr 2014 aber hatte Jack Ma Alibabas damalige Anteilseigner – den amerikanischen Suchdienst Yahoo und den japanischen Investor Masayoshi Son vom Technologiekonzern Softbank – offensichtlich mit dem Manöver überrumpelt. Nach Streit einigte man sich später. Dennoch hat sich der Alibaba-Gründer Ma die größte Perle seines Imperiums klar allein gesichert: bei der jüngsten Finanzierungsrunde über 5 Milliarden Dollar wurde Ant Financial auf einen Wert von 100 Milliarden Dollar taxiert.

          Verglichen mit der Marktkapitalisierung der größten Banken der Welt, rangierte Ant Financial damit unter den ersten zehn und wäre damit in etwa so wertvoll wie die New Yorker Investmentbank Goldman Sachs. Dass das Unternehmen an die Börse soll, davon ist bereits seit Jahren die Rede. Bisher ist nichts passiert. Unklar ist auch, welche Börse Jack Ma wählt – New York, wie damals bei Alibaba, oder Hongkong, dem Ma damals wegen hoher Transparenzanforderungen beleidigt eine Abfuhr erteilte.

          Offen ist aber, ob es überhaupt zu einem Börsengang kommt. Auf den Finanzmarkt im eigenen Land passt Chinas Regierung noch schärfer auf als auf den Rest der Wirtschaft ohnehin schon. Jack Ma weiß das, und entsprechend vorsichtig ist er im Umgang mit den Behörden. Von der ersten Woche an, in dem Alipay in Betrieb war, soll Alibaba sämtliche Zahlungsdaten seiner Kunden mit Namen der Regierung übergeben haben, freiwillig, und dann immer wieder. So wird es in Chinas Internetwirtschaft erzählt. Die Übernahme des amerikanischen Finanzdienstleisters Moneygram hat Washington Ant Financial im vergangenen Jahr prompt wegen Sicherheitsbedenken untersagt – ein herber Rückschlag für die Expansionspläne der Chinesen. Es wirkt, als gerate Jack Mas Zahlungsdienst zwischen die Fronten der Weltpolitik.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Öffnungsklausel : So packen die Länder die Grundsteuer an

          Auf Druck von CSU und Unionsfraktion wurde eine Öffnungsklausel für die Länder in das Gesetz geschrieben – wie gehen die Landesregierungen damit um? Mögliche Modelle zur Berechnung gibt es viele.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.