https://www.faz.net/-gv6-985w4

Mehrfach überzeichnet : Gelungenes Börsendebüt für Healthineers

  • Aktualisiert am

Gut gelaunt: Der Chef der Siemens-Gesundheitssparte Healthineers, Bernd Montag, am Freitag zum Börsenstart. Bild: EPA

Der Einstand ist geschafft: Trotz einer technischen Panne ausgerechnet zum Handelsstart kann sich Healthineers über einen guten Börsenauftakt freuen. Die Medizintechnik-Tochter von Siemens folgt damit einem Trend.

          3 Min.

          Nach Verzögerungen wegen technischer Probleme hat die Siemens-Medizintechnik-Tochter Healthineers am Freitag ein gelungenes Börsendebüt gegeben: Der erste Xetra-Kurs von 29,10 Euro lag knapp 4 Prozent über dem Ausgabepreis von 28 Euro, gegen Mittag notierten die Papiere dann zeitweise um gut 1,7 Prozent im Plus bei 29,75 Euro.

          Die Emission sei mehrfach überzeichnet gewesen, sagte ein Siemens-Sprecher. Allerdings hatte das Unternehmen zuvor leichte Abstriche beim Ausgabepreis der Papiere machen müssen, der in der unteren Hälfte der ursprünglich angepeilten Spanne von 26 bis 31 Euro lag.

          Ausgerechnet zu einem der größten Börsengänge in der deutschen Geschichte hatte zuvor eine technische Panne den Börsenhandel in Frankfurt um mehr als eine Stunde lahmgelegt. Wegen Störungen des elektronischen Handelssystems Xetra habe sich der Auftakt verzögert, wie die Deutsche Börse mitteilte. Auch an der Terminbörse Eurex gab es Probleme. Gründe der Panne wurden zunächst nicht genannt.

          Weltmarktführer bei bildgebenden Systemen

          Healthineers ist unter anderem Weltmarktführer bei bildgebenden Systemen wie Röntgen- und Ultraschallgeräten sowie Magnetresonanztomographen (MRT). Durch den Börsenstart fließen Siemens rund 4,2 Milliarden Euro zu. Siemens-Chef Joe Kaeser will der Tochter mit dem Gang aufs Parkett mehr Chancen auf Wachstum und Zukäufe verschaffen. Außerdem soll Healthineers flexibler und agiler am Markt agieren können und so wettbewerbsfähiger werden.

          Siemens hat im Zuge des Börsengangs einen Minderheitsanteil von 15 Prozent der Aktien abgegeben. Der Konzern hatte mehrfach betont, langfristig Mehrheitsaktionär bleiben und die ertragreiche Tochter unterstützen zu wollen. Im vergangenen Geschäftsjahr (per Ende September) kam Siemens Healthineers bei einem Umsatz von 13,8 Milliarden Euro auf ein operatives Ergebnis von knapp 2,5 Milliarden Euro.

          SIEMENS HEALTH.AG NA O.N.

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Über die technischen Probleme zum Handelsauftakt dürfte die Siemens-Führung zunächst nicht erfreut gewesen sein. Verunsichern wollten sich die Manager davon aber nicht lassen. „Wir konzentrieren uns auf den IPO und freuen uns über die Aufnahme in den Handel“, sagte ein Sprecher in München vor dem Start. „IPO“ („Initial Public Offering“) steht für Börsengang und die Erstplatzierung einer Aktie.

          Bewusst für Börsenplatz Frankfurt entschieden

          Das Management hatte sich bewusst für einen Börsengang in Frankfurt statt an der Wall Street in New York entschieden, da Frankfurt eines der weltweit größten Wertpapierhandelszentren sei, dessen Bedeutung vor dem Hintergrund des Brexit weiter zunehmen werde, wie Siemens-Vorstand Michael Sen im November erklärte.

          „Wenn Anleger bei diesem Börsengang Gewinne machen, könnte das die Anlegerstimmung längerfristig heben“, sagte Stratege Tobias Basse von der NordLB. Mit einem Erlös von 4,2 Milliarden Euro ist Healthineers die viertgrößte Neuemission in Deutschland seit dem Jahr 2000. Siemens Healthineers dürfte damit voraussichtlich im Juni in den Nebenwerteindex M-Dax einziehen.

          Nächste Woche wird die Deutsche Bank mit ihrem Vermögensverwalter DWS folgen. Auch der Autokonzern Volkswagen plant angeblich, sein Lkw-Geschäft abzuspalten. „Der Trend ist klar“, sagt Carsten Stäcker von der Unternehmensberatung PwC: Große Firmen mit vielen Geschäftsbereichen spalten sich immer weiter au

          Vor 20 Jahren sah die Welt der Konzerne noch anders aus. Ein Industriekonglomerat wie Mannesmann war gleichzeitig Automobilzulieferer, Anlagenbauer, Mobilfunkanbieter und Luxusuhrenhersteller. „Diese klassischen Konglomerate des alten Zuschnitts gibt es heute immer weniger“, sagt Stäcker, der Firmen und Eigentümer beim Börsengang berät. Grund dafür ist die wachsende Macht der Anleger.

          Der Druck zur Abspaltung

          „Der Druck der Aktionäre ist größer geworden“, sagt Stäcker. „Das Unternehmensmanagement stellt sich darauf ein“. Internationale Investoren bringen eigene Vorstellungen ein und diskutieren mit den Vorstandschefs über deren Strategie und Aufstellung. Häufig sorgt das dafür, dass sich Konzerne mehr auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, um die Rendite zu erhöhen. Unternehmensteile, die nicht zum Kerngeschäft gehören, werden dementsprechend abgestoßen.

          Der Chemieriese Bayer etwa brachte erst sein Chemie- und Polymergeschäft unter dem Namen Lanxess an die Börse und später sein Kunststoffgeschäft unter dem Namen Covestro. Seitdem konzentriert sich Bayer auf Pharma- und Agrarchemie.

          Durch diese Börsengänge entsteht auch mehr Transparenz über die Situation der einzelnen Geschäftsteile. Das kann laut Stäcker für die Firmen von Vorteil sein: „Manche Konzerne sind sehr diversifiziert aufgestellt, so dass die Werte ihrer einzelnen Aktivitäten nicht vollständig an der Börse widergespiegelt werden“.Beispiel Siemens: Während der Konzern als Ganzes derzeit etwa 100 Milliarden Euro wert ist, bewerten die Anleger die Gesundheitstechnik-Tochter Healthineers mit rund 28 Milliarden Euro. Das ist mehr als der rechnerische Anteil von 26 Prozent am Gewinn des industriellen Geschäfts.

          Dass sich Siemens nun von 15 Prozent seiner Anteile an Healthineers trennt, spült 4,2 Milliarden Euro in die eigene Tasche - Geld, mit dem Siemens Investitionen in anderen Unternehmensteilen finanzieren kann. Healthineers bekommt mehr Freiheit und kann selbständig Fremdkapital eintreiben. Investoren, die gezielt nach Beteiligungen im Gesundheitsbereich suchen, müssen nicht mehr die Aktie des gesamten Siemens-Konzerns kaufen.

          Auch wenn die jüngsten Abspaltungen aus der Energiebranche - Uniper von Eon und Innogy von RWE - nach nur kurzer Eigenständigkeit wieder vom Markt verschwinden sollen, sind das laut Stäcker nur Einzelfälle. „Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass sich abgespaltene Unternehmen überwiegend besser als der Gesamtmarkt entwickelt haben.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          AKKs Schutzzonen-Vorstoß : Befreiungsschlag oder Sargnagel

          Kramp-Karrenbauers Vorstoß zur Errichtung einer Schutzzone in Syrien entspricht der Forderung, Deutschland solle mehr Verantwortung in der Weltpolitik übernehmen. Doch schon der Außenminister zieht das Verspotten vor.

          Trump und die Demokraten : Loben, um zu tadeln

          Die Demokraten seien zwar eine „lausige“ Partei, aber immerhin hielten sie zusammen, sagt der amerikanische Präsident. Mit seiner Bemerkung zielt Trump auf die eigenen Republikaner.
          Libra: Facebooks angekündigte Kryptowährung

          Libra : Das Scheitern der Facebook-Währung

          Facebook will die Digitalwährung Libra einführen. Immer mehr Unterstützer springen ab. Ist die Idee zu verrückt für diese Welt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.