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Insolvenz der Senivita SE : Abermals Wirbel um Mittelstandsanleihe

Obwohl Seniorenheime boomen, ging der Betreiber SeniVita in die Insolvenz. Die Umstände sind fragwürdig. Bild: dpa

Der Entwickler von Pflegeheimen, Senivita Social Estate ist insolvent. Fragwürdige Immobiliengeschäfte des fristlos entlassenen Vorstandschefs stehen im Zwielicht.

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          Als vor einigen Jahren der Markt für Mittelstandsanleihen für Furore sorgte, war einer der Kritikpunkte, dass die von deutschen Ratingagenturen vergebenen Bonitätsnoten irreführend seien, da zu gut ausgefallen. Den Spitzenwert erreichte seinerzeit der kleine Pflegeheimbetreiber Senivita gGmbH (heute Dr. Wiesent gGmbh) mit einer anfänglichen Note von „A-“, einer Note, die ansonsten Milliardenkonzerne wie Daimler oder die Deutsche Post nur mit Mühe erreichen. Später wurden die Agenturen zurückhaltender, so auch bei der Senivita-Tochtergesellschaft Senivita Social Estate. Deren Wandelanleihe wurde im Jahr 2016 mit der Note „BB“ bewertet. Dass auch das etwas hoch gegriffen gewesen sein mag, zeigte sich spätestens mit dem Insolvenzantrag Ende Januar dieses Jahres. Im Zuge dessen erhebt nun der gemeinsame Vertreter der Anleihegläubiger, der Rechtsanwalt Gustav Meyer zu Schwabedissen, schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Vorstandschef Horst Wiesent sowie den Treuhänder One Square.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nicht nur sei von einer Umsetzung des vereinbarten Sanierungsprogramms nichts zu sehen gewesen. Vielmehr hätten beide zusammen Vermögenswerte verkauft, die zur Sicherungsmasse der Anleihegläubigern gehörten, ohne dass der Erlös diesen zugutegekommen sei. Dass es eine solche Sicherungsmasse überhaupt gab, war der Tatsache geschuldet, dass die Nöte der Senivita Social Estate, die seit 2015 einen Bilanzverlust von mehr als 20 Millionen Euro aufgehäuft hatte, schon lange vor dem Insolvenzantrag begonnen hatten. Anfang 2019 wurde das Kapital herabgesetzt, wenige Monate danach erfolgte ein Forderungsverzicht der Senivita Sozial gGmbH. Der Versuch, die Wandelanleihe in eine neue Anleihe umzutauschen, scheiterte. Schließlich wurde im April 2020 mit den Gläubigern der Wandelanleihe eine Verlängerung der Laufzeit und eine Änderung der Zinsmodalitäten vereinbart – und die Sicherungsmasse geschaffen.

          Nur kurze Zeit später wurde klar, dass die Senivita Social Estate die für Mai vereinbarte Zinszahlung von 2 Prozent nicht würde leisten können, und so wurde diese bis Ende September gestundet. Im September aber zeigte sich, dass die Zinsen auch nicht pünktlich würden gezahlt werden können. An dieser Stelle kam es wohl zum Bruch zwischen Gläubigern und Unternehmen. Denn während Meyer zu Schwabedissen eine weitere Stundung bis März 2021 anbot, verkaufte das Unternehmen 75 Wohnungen aus dem Sicherungsbestand und zahlte die Zinsen. Diesen Vorgang aber hält Meyer zu Schwabedissen für rechtswidrig. Zum einen geht es um die Freigabe der Sicherheiten, zum anderen um die Verwendung des Erlöses.

          SENIVITA SOC.WS 15/25

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          Er habe der Freigabe von Sicherheiten mehrfach widersprochen, sagt Meyer zu Schwabedissen. Diese hätte daher nie geschehen dürfen – zumal er den Treuhandvertrag wegen eines von ihm darin erblickten Interessenkonfliktes schon vorher gekündigt habe. Denn nach seinen Angaben hat One Square im Zusammenhang mit der Transaktion ein Honorar von mutmaßlich 720.000 Euro erhalten, wobei sich dies nicht aus dem Treuhandvertrag ergibt, der niedrigere, pauschale Vergütungen vorsieht.

          One Square weist die Vorwürfe zurück. Man habe als Sicherheitentreuhänder zu jeder Zeit in Übereinstimmung mit den vertraglichen Regelungen gehandelt. Im Übrigen sei man als Sicherheitentreuhänder zur Vertraulichkeit verpflichtet und könne daher zu Fragen keine inhaltliche Stellungnahme abgeben. Weitere Auskünfte gebe nur die Insolvenzverwaltung.

          Tatsächlich ist wohl strittig, ob der Treuhandvertrag von Meyer zu Schwabedissen gekündigt werden konnte. Denn es handelt sich um einen dreiseitigen Vertrag, zu dem als dritte Partei die Senivita Social Estate gehört. Er habe Wiesent auch zum gemeinsamen Handeln bewegen wollen, sagt der gemeinsame Vertreter. Das sei aber nicht geschehen, und er räumt auch ein, dass die Rechtslage bei einem dreiseitigen Vertrag nicht einfach sei. Auch hinsichtlich der Auslegung des Treuhandvertrags bezüglich einer Freigabe der Sicherheiten gibt es offenbar unterschiedliche Auffassungen. Meyer zu Schwabedissen wurden indes nach eigenem Bekunden auch keine Unterlagen über die umstrittenen Transaktionen zugänglich gemacht.

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