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Interview über Indexfonds : „ETF bedrohen den Kapitalismus“

Renaud de Panta ist seit 1998 einer von sieben Teilhabern der Pictet-Gruppe mit Sitz in Genf. Die Bank wurde im Jahr 1805 gegründet und verwaltet heute rund 500 Milliarden Schweizer Franken an Anlagegeldern. Bild: Pictet

Renaud de Planta ist Teilhaber der Genfer Privatbank Pictet. Er warnt: Indexfonds (ETF) verzerrten die Preise, gefährdeten den Wettbewerb und könnten das Finanzsystem ins Wanken bringen.

          Herr de Planta, was haben Sie gegen ETF?

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gegen die Idee grundsätzlich habe ich nichts. ETF bilden die Wertentwicklung eines Index wie des Dax nach, solche Indexfonds sind an und für sich nichts Schlimmes. Bei Pictet haben wir eine gewisse Erfahrung in diesem Geschäft: In den 1980er Jahren waren wir das erste Haus in der Schweiz, das Indizes und Indexfonds für Stiftungen und Pensionskassen konstruiert hat. Einer unserer Indizes ist sogar ein Referenzindex in der Schweiz. Wenn die Schweizer wissen wollen, wie es um ihre Pensionskassen steht, schauen sie darauf.

          Trotzdem zählen Sie zu den wenigen Bankern, die unermüdlich vor Indexfonds warnen. Warum?

          Mich besorgt das Ausmaß des Enthusiasmus, mit dem die Anleger ETF kaufen, und die Geschwindigkeit, in der immer mehr Geld indexiert angelegt wird. Allerdings denken viele Marktteilnehmer über die Folgewirkungen nicht gründlich genug nach.

          Warum sollte man dies tun? ETF sind günstiger als klassische Fonds. Für Anleger ist das ideal.

          Aus Sicht des einzelnen Anlegers mag das häufig richtig erscheinen. Aber unabhängig davon sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der ETF-Boom eine Fülle von mitunter unangenehmen Nebenwirkungen mit sich bringt.

          Was meinen Sie konkret?

          Es gibt kurzfristige Nebenwirkungen, die die Finanzmärkte betreffen. Und es gibt mittelfristige Nebenwirkungen, die die Wirtschaft und Gesellschaft im Ganzen verändern. Das ist eine dramatische Entwicklung.

          Sie übertreiben.

          Ganz und gar nicht. Schauen wir auf die Finanzmärkte. Wegen der ETF erleben wir eine Polarisierung der Marktliquidität. Lassen Sie mich erklären, was ich damit meine: Um einen Index exakt nachzubilden, kaufen ETF in der Regel alle Aktien eines Index im Verhältnis ihres aktuellen Börsenwertes. Ein Dax-ETF kauft also alle 30 Dax-Aktien. Diese Käufe finden vorwiegend zum Börsenschluss oder manchmal auch zur Börseneröffnung statt. Dies geschieht umso mehr, je mehr die ETF an Anlagegeldern einsammeln. Und da haben wir das Problem: Der Handel von Wertpapieren konzentriert sich zunehmend auf den Börsenschluss, zwischendurch wird dagegen kaum gehandelt. Dies führt zu relativ starken Kursausschlägen in den Minuten, bevor die Märkte schließen.

          Das klingt verkraftbar.

          Zugestanden: Diese Entwicklung ist nicht existenzbedrohend für die Märkte. Aber je mehr die Indexfonds wachsen, umso stärker verschlechtert dies die Liquidität. Solche faktischen Einschränkungen des Handels sind für Wertpapiermärkte immer unangenehm.

          Allein das wird Anleger nicht davon abhalten, ETF zu kaufen.

          Vielleicht nicht, aber dies ist ja nicht die einzige Nebenwirkung. Überlegen Sie doch einmal, was passiert, wenn immer mehr Anleger in Indexfonds investieren. Dann kaufen immer mehr Indexfonds die gleichen Wertpapiere im gleichen Moment. Dies führt zu einer höheren Korrelation zwischen den Wertpapieren eines Index, also zu einem höheren Gleichlauf. Entweder die Kurse aller Wertpapiere steigen zugleich und im gleichen Maße an, oder die Kurse fallen zugleich und im gleichen Maße. Viele Anleger sind sich dessen gar nicht bewusst, denke ich.

          Warum sollte ein solcher Gleichlauf uns Anleger beunruhigen?

          Zum einen erhöht dies die Volatilität, die Kurse schlagen also stärker in die eine oder die andere Richtung aus. Und zum anderen passiert etwas, was ich für noch wesentlich problematischer halte: Viele Anleger kaufen gewissermaßen blind ETF, ohne sich lange zu überlegen, ob die Kurse der zum Index gehörenden Aktien überhaupt noch den wahren Wert der Unternehmen widerspiegeln. Darauf hat unlängst auch die Europäische Zentralbank aufmerksam gemacht: Es gibt erste Hinweise darauf, dass nicht mehr die Preise der Aktien die Preise der ETF bestimmen, sondern dass es umgekehrt ist. Anders ausgedrückt: Die Preisfindung an den Finanzmärkten ist gestört. Ich finde, dies muss uns in einer Marktwirtschaft Sorgen machen.

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