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Geldanlage : Schweizer Börsenneulinge enttäuschen

Im nächsten Jahr könnte Bewegung kommen in das wichtigste Börsenbarometer der Schweiz. Bild: Reuters

Zuletzt haben sich so viele Schweizer Unternehmen an die Börse getraut wie schon lange nicht mehr. Die bisherige Bilanz der Notierungen ist aber ernüchternd. Analysten warten das Jahr 2019 ab.

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          Im nächsten Jahr könnte Bewegung kommen in das wichtigste Börsenbarometer der Schweiz, den Swiss Market Index (SMI). Denn dann will der Basler Pharmakonzern Novartis sein Geschäft mit Augenheilprodukten (Alcon) abspalten und an die Börse bringen. Nach Schätzungen von Analysten könnte Alcon auf einen Börsenwert von 20 bis 30 Milliarden Franken kommen. Damit wäre das Unternehmen ein heißer Kandidat für den SMI. Aber noch ist es nicht so weit. Anfang März müssen zunächst die Novartis-Aktionäre ihr Plazet geben. Und dann muss ja auch noch das Kapitalmarktumfeld stimmen.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Zuletzt haben sich so viele Schweizer Unternehmen an die Börse getraut wie schon lange nicht mehr. 2017 gab es sechs Börsengänge mit einem Volumen von insgesamt 4,5 Milliarden Franken. Damit lag die Schweizer Börse in Europa auf Platz drei hinter der London Stock Exchange und der Nasdaq Nordic in Stockholm. Im laufenden Jahr ist die Dynamik ungebrochen: Es gab bisher sechs Initial Public Offerings (IPO) und drei sogenannte „Direct Listings“. Bei Letzterem werden im Gegensatz zu einem IPO keine neuen Aktien ausgegeben und verkauft, sondern lediglich die schon bestehenden Aktien eines Unternehmens an der Börse notiert und somit handelbar gemacht.

          Das Facebook für Reiche

          Die bisherige Bilanz dieser Notierungen ist ernüchternd. Gemessen an den aktuellen Kursen der neun Börsenneulinge, hat sich der Einstieg für die Anleger bisher nur in zwei Fällen gelohnt. Nur Sensirion, ein Hersteller von Mikrosensoren, und das Medizintechnikunternehmen Medartis werden zu Kursen oberhalb der jeweiligen Ausgabepreise gehandelt. Die Schwäche der übrigen Novizen hat nicht nur mit der allgemeinen, von allerlei geopolitischen Unsicherheiten befeuerten Volatilität am Markt zu tun.

          Es gibt auch unternehmensspezifische Gründe. Das als „Facebook für Reiche“ beworbene Unternehmen Asmallworld stürzte nach anfänglichem Höhenflug an der Börse ab, nachdem die deutsche Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) eine Untersuchung wegen des Verdachts der Marktmanipulation eingeleitet hatte. Zugleich wurden Zweifel am Geschäftsmodell des sozialen Netzwerks laut.

          Es wurde kein Wertpapier gefunden!

          Auch der Kurs des Logistikdienstleisters Ceva Logistics tauchte nach dem Börsendebüt im Mai ab. Das Unternehmen nutzte den Mittelzufluss vor allem für den Abbau der viel zu hohen Schuldenlast – kein sonderlich phantasieträchtiges Unterfangen. Im Fall des Pharmaunternehmens Polyphor scheinen die Emittenten und die begleitenden Banken UBS und Deutsche Bank den Preis allzu sehr nach oben ausgereizt zu haben. Der Kurs liegt mit 32,80 Franken fast 14 Prozent unterhalb des Ausgabepreises. Gleiches gilt für den Zahnradmaschinenbauer Klingelnberg. Angesichts derartiger Tiefschläge verwundert es nicht, dass der Maschinenbauer Oerlikon seine IPO-Pläne kurzerhand auf Eis gelegt hat.

          Oerlikon wollte die Getriebe- und Antriebssparte namens Graziano Fairfield abspalten und am 11. Juli an die Börse bringen. Doch wenige Tage vor diesem Termin blies der Vorstand das Manöver ab. Ein Sprecher begründete dies mit dem sich verdüsternden wirtschaftlichen Umfeld und der Verunsicherung infolge des aufziehenden Handelskriegs. Das Interesse der Investoren, die bei Börsengängen inzwischen offenkundig selektiver vorgehen, ließ auf jeden Fall zu wünschen übrig.

          Für Nachschub sorgen Private-Equity-Häuser

          Trotzdem herrscht in so mancher Bankabteilung, die im provisionsträchtigen Geschäft mit IPOs unterwegs ist, weiterhin Zuversicht. Im Laufe des zweiten Halbjahrs dürften noch zwei bis drei Firmen an die Schweizer Börse kommen, erwartet Jens Haas, Investmentbanker der Credit Suisse. Für Nachschub sorgten Private-Equity-Häuser, die Unternehmen aus ihrem Portfolio an die Börse brächten. Auch gewinne die Schweizer Börse an Anziehungskraft, zumal der Konkurrenzplatz London wegen des Brexits mit allerlei Ungewissheiten konfrontiert sei.

          Andere Beobachter interpretieren den großen Strom an Börsengängen indes als Alarmsignal. Denn der Blick zurück lässt ein erstaunliches Muster erkennen: In Jahren, in denen sich die IPOs besonders häuften, kam es im jeweiligen Jahr danach zu einem kräftigen Abschwung an der Schweizer Börse. So zum Beispiel 2007, als zehn Unternehmen neu aufs Parkett kamen. Kurz danach peitschte die Finanzkrise alle Aktienkurse in den Keller.

          Der große Einbruch ist in diesem Jahr bisher ausgeblieben. Berauschend ist die Entwicklung aber auch nicht. Der SMI ist seit Anfang Januar um gut 5 Prozent auf 8940 Punkte gefallen, wobei Titel wie ABB, Swisscom, Lafarge-Holcim, Credit Suisse und UBS besonders schlecht abschnitten. Unter den 20 Unternehmen, die im SMI geführt werden, haben bisher nur fünf eine eindeutig positive Kursentwicklung zu verzeichnen. Dabei ragt Swatch mit plus 20 Prozent heraus. Der Uhrenhersteller profitiert von der wieder anziehenden Nachfrage in Asien und scheint sich über Handelskonflikte keine großen Gedanken machen zu müssen.

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