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Eidgenossenschaft : Amerika bewegt die Schweizer Aktien

Eingangshalle der Schweizer Börse SIX Bild: dpa

Der Schweizer Aktienindex reagiert auf Bidens Sieg. Doch wird der Kursschub für Novartis und Roche von Dauer sein? Swatch und Swiss Re haben noch Aufholpotential.

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          Die Präsidentenwahl in Amerika hat am Schweizer Aktienmarkt für einige Bewegung gesorgt. Der Swiss Market Index (SMI), in dem die 20 bedeutendsten Titel versammelt sind, kletterte in der vergangenen Woche um 8 Prozent. Zu den Treibern dieser Entwicklung zählten die Pharmakonzerne Roche und Novartis, die mit einer addierten Marktkapitalisierung von 435 Milliarden Franken zu den absoluten Schwergewichten im SMI zählen. Zu Beginn der laufenden Woche legte der SMI weiter zu, was zu einem guten Teil aber auch mit dem von Biontech und Pfizer gemeldeten Durchbruch in der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs zu tun hatte.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Klammert man diesen Effekt aus, dann erklärt sich der Aufwind für die beiden Basler Pharmariesen vor allem dadurch, dass die ganz große blaue Welle, also ein Durchmarsch der Demokraten in Repräsentantenhaus und Senat, sehr wahrscheinlich ausbleibt. Dies reduziert die Gefahr, dass Joe Biden als Präsident eine viel strengere Regulierung des amerikanischen Pharmamarktes durchsetzen und die Arzneimittelpreise deutlich senken kann. Der amerikanische Pharmamarkt ist nicht nur der größte der Welt, sondern beschert den Anbietern überdies die mit Abstand höchsten Gewinnmargen. Roche und Novartis sind auf diesem Markt prominent vertreten. Gebremst wird der Reformdruck auch durch Covid-19: Biden will gewiss nichts tun, das den Elan der Forscher in der Impfstoffentwicklung schwächen könnte.

          „Die CS ist intern nicht sehr gefestigt und seit Jahren mit sich selbst beschäftigt“

          Aber wird der Aufwind für die beiden Schweizer Pharmaunternehmen, die selbst keine Impfstoffe herstellen, auch von Dauer sein? „Nein, ich sehe hier kein großes Wachstumspotential“, sagt Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank. Stucki rechnet im nächsten Jahr mit einer Erholung der Weltwirtschaft. Selbst unter Biden wird es seiner Einschätzung nach wegen der Pandemie keinen flächendeckenden Lockdown in Amerika geben. Auch in Europa habe man gelernt, lokaler und spezifischer auf die Pandemie zu reagieren. Und in China liefen die Geschäft sowieso schon wieder recht gut.

          Wegen des erwarteten Aufschwungs traut Stucki vor allem zyklischen Aktien von Industrieunternehmen wie Schindler und Lafarge-Holcim steigende Kurse zu, zumal viele Konzerne die Corona-Krise dazu genutzt hätten, ihre Kosten weiter zu senken.

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          Der Zementkonzern Lafarge-Holcim ist hierfür ein gutes Beispiel. Nicht zuletzt dank eines forcierten Sparprogramms hat das Unternehmen im dritten Quartal überraschend hohe Gewinne erzielt. Der jüngste Kurssprung auf 46 Franken dürfte aber auch mit den Perspektiven in Amerika zu tun haben, wo Biden ein milliardenschweres Infrastrukturprogramm zur Ankurbelung der Wirtschaft auflegen will. An dieser Front ist vermutlich nicht mit allzu großem Widerstand der Republikaner zu rechnen.

          Auch die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse (CS) haben in der vergangenen Wahlwoche an der Börse einen starken Satz nach oben gemacht und auch am Montag und Dienstag weiter an Wert gewonnen. Denn wenn die Republikaner ihre Mehrheit im Senat tatsächlich verteidigen können, was sich im Januar entscheidet, dürfte es kaum zu den von Biden angekündigten Steuererhöhungen kommen. Eine strengere Regulierung des Finanzmarkts ist damit ebenfalls unwahrscheinlicher geworden. Die Aktien der beiden Großbanken notieren freilich trotzdem immer noch deutlich unter ihrem Buchwert. Finanzfachmann Stucki wundert das nicht: Angesichts fortdauernd niedriger Zinsen blieben die Gewinnmargen weiter unter Druck, wobei die Credit Suisse noch schlechter dastehe als die UBS. „Die CS ist intern nicht sehr gefestigt und seit Jahren mit sich selbst beschäftigt.“ Die jüngsten Diskussionen über eine mögliche Fusion mit der UBS wertet Stucki als Zeichen der Hilflosigkeit.

          Kursplus von rund 10 Prozent möglich

          Noch stärker als die Großbanken hat es in diesem Jahr manche Schweizer Versicherer gebeutelt. Seit Anfang Januar hat die Swiss Re rund 30 Prozent ihres Börsenwertes eingebüßt. Stucki hält das für deutlich übertrieben. Die infolge der Corona-Krise zu berappenden Schäden würden vom Markt überbewertet. „Swiss Re wird wieder sehr gut verdienen“, meint Stucki und sagt deshalb steigende Kurse voraus. Auch für den Versicherer Swiss Life ist er zuversichtlich.

          Aufholpotential sieht der Anlagefachmann auch für die Aktie der Swatch-Gruppe. Der größte Uhrenhersteller der Welt ist durch die virusbedingten Ladenschließungen schwer unter die Räder gekommen. Aber nun ziehe das Geschäft im wichtigen chinesischen Markt wieder an, sagt Stucki. Dass es in China wieder richtig bergauf geht, ist auch an den Zahlen abzulesen, die der Genfer Uhren- und Schmuckkonzern Richemont jüngst vorgelegt hat. Diese waren deutlich besser als erwartet und ließen den Aktienkurs nach oben schnellen.

          Stucki erwartet, dass der SMI bis zum Ende dieses Jahres in etwa auf der aktuellen Höhe bleibt, wobei es zwischendurch zu kräftigen Schwankungen kommen könne. Im nächsten Jahr hält er an der Schweizer Börse ein Kursplus von rund 10 Prozent für möglich.

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