https://www.faz.net/-gv6-9sklw

Technische Analyse : Schweizer Aktien haben den Gipfel noch nicht erreicht

  • -Aktualisiert am

Den Gipfel scheint der Schweizer Börsen-Index SMI noch nicht erreicht zu haben. Bild: dpa

Trotz Höchstständen spricht im schweizerischen SMI-Index einiges für weitere Zuwächse.

          3 Min.

          Dass in der Schweiz vieles anders ist als hierzulande, meinen wir zu wissen. Stichworte dafür sind: allgemeines Frauenwahlrecht erst seit 1990; Militärpflichtige nehmen ihre Waffe mit nach Hause; Bürgerversicherung; weit größere Mitbestimmungsrechte der Bürger; höheres Einkommensniveau; Pünktlichkeit der Schweizerischen Bundesbahnen und so weiter.

          Dass sich die Dinge nicht immer ganz so einfach darstellen und oft etwas differenzierter betrachtet werden sollten, lässt sich gut am letztgenannten Punkt festmachen. Die Pünktlichkeit der SBB ist bei uns ja mittlerweile legendär und wird unserer Bahn als leuchtendes Beispiel vorgehalten. Dabei wird nur allzu gern vergessen, dass es – gottgegeben – viel leichter ist, ein relativ überschaubares Streckennetz in Schuss zu halten und für die Pünktlichkeit der Züge zu sorgen als ein sehr großes mit vielen Knotenpunkten. Schließlich wächst die Komplexität und damit die Beherrschbarkeit eines vernetzten Systems nicht linear, sondern exponentiell an. In einem Punkt ist in der Schweiz aber wirklich alles ohne irgendwelche Einschränkungen anders:

          Der schweizerische Aktienindex SMI (Swiss Market Index) hat schon im zurückliegenden Frühling ein neues Allzeithoch erzielt. Eine Entwicklung, von dem unser Dax nur träumen kann. Zwar fehlen ihm nur noch etwa 700 Punkte oder rund 5 Prozent bis zu seinen Bestmarken: Er hat sich damit zweifelsohne besser entwickelt, als man dies in meinen Augen erwarten durfte. Aber erstens notiert der SMI schon rund 5 Prozent über seinen früheren Bestmarken, und zweitens wird man, um einen Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen zu vermeiden, den Kursindex SMI fairerweise mit dem Kurs-Dax vergleichen müssen. Und dann liegen fast 15 Prozent zwischen den beiden.

          Relative Stärke immer gut

          Was ist von dieser Entwicklung zu halten? Zum einen ist relative Stärke immer gut. Wenn sich ein Index in einem mittelfristigen Kontext besser als ein anderer entwickelt, wird damit auch die – relative – Vertrauensfrage beantwortet. Und ohne Vertrauen geht auch an den Finanzmärkten wenig. Zum anderen sind neue Allzeithochstände immer ein ganz klares Signal an alle Pessimisten. In wenigstens 7 von 10 Fällen kommen dann schwere Zeiten auf sie zu.

          Was aber darüber hinaus die Situation beim SMI so einzigartig macht, sind die Jahre 2007, 2015 und 2018. Schon damals drang der Index in Bereiche zwischen 9500 und 9600 Punkten vor, scheiterte aber jeweils an diesem Niveau. Dass ihm nun der Ausbruch über diese Zone maximalen Widerstands gelungen ist, kann analytisch kaum unterschätzt werden.

          Wann immer es einem Chart gelingt, die rund um eine solche Zone aufkommende, extreme Abgabebereitschaft abzuarbeiten, muss dies als außergewöhnlich gutes Aufbruchssignal gewertet werden. Ja selbst wenn der Ausbruch über den Bereich von 9500 bis 9600 Punkten nicht mit neuen Höchstständen verbunden gewesen wäre, würde sich alles andere als eine zuversichtliche Einschätzung kaum rechtfertigen lassen.

          Kursanstieg sollte sich fortsetzen

          Nach dieser Vorrede wird die folgende Prognose kaum noch überraschen: Der SMI wird seinen Kursanstieg fortsetzen. Weitere 10 Prozent sollten ab jetzt in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten schon drin sein. Wie immer dürfte sich diese Entwicklung nicht auf einen Schlag vollziehen. Vielmehr wird sie wohl auch weiter, wie seit dem Sommer, von kleineren und größeren Konsolidierungen unterbrochen werden.

          Die Hauptrichtung werden sie aber kaum gefährden können. Dennoch ist mir der folgende Hinweis besonders wichtig: Sollte der SMI entgegen aller Wahrscheinlichkeit wieder gut sichtbar unter die nun zu einer absolut erstklassigen Unterstützung mutierten Zone zwischen rund 9500 und 9600 Punkte zurückfallen, wäre dies ein Krisensignal allererster Güte. Der Aufwärtstrend des letzten Jahrzehnts dürfte dann kaum mehr Bestand haben, und selbst der Unterstützungsbereich zwischen rund 8200 und 8300 Punkte würde wohl, nicht nur im schlimmsten Fall, in Gefahr geraten.

          SMI ®

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Zum Problem könnte der Schweizer Franken werden. Zwar sind in der näch-sten Zeit erst einmal keine allzu großen Veränderungen zu erwarten. Aber ob sich der Abwärtstrend des Euro fortsetzen und einem SMI-Investor hierzulande weitere Währungsgewinne bescheren wird, muss in Zweifel gezogen werden. Technisch gewinnt der Euros gerade flächendeckend an Boden – auch gegenüber dem Schweizer Franken. So erstaunlich es auch sein mag: Es ist alles andere als ausgemacht, dass das zeitlich begrenzt ist.

          Eine über lange Zeit an fast allen Fronten aus technischer Sicht kritische Situation scheint sich bemerkenswerterweise gerade dauerhaft zum Guten zu wenden. Meine skeptische Grundhaltung könnte unberechtigt gewesen sein. Aber genau deshalb werde ich mich an meinen hier des Öfteren veröffentlichen Worten messen lassen müssen: lieber eine Fehlprognose als dauerhaft schlechte Zeiten. Damit geht es uns allen, auch mir, besser.

          Übrigens: Nur noch jeder zehnte Schweizer nahm 2017 nach seinem Militärdienst sein Sturmgewehr mit nach Hause. So ganz anders als wir sind die Schweizer damit auch in diesem Punkt nicht mehr.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          AfD-Fraktionsvorsitzende Weidel, Gauland: Nach außen präsentiert sich die Partei gern als Israels größter Verbündeter-

          Die AfD und der Antisemitismus : Israels falsche Freunde

          Antisemitische Äußerungen gibt es oft in der AfD. Zugleich präsentiert sich die Partei gern als Israels treuester Verbündeter. Wie wird sich die Fraktion bei der Rede des israelischen Präsidenten im Bundestag verhalten?
          Bitte recht freundlich für die Wähler: Delegierte lassen sich vor dem SPD-Logo während des Bundesparteitags fotografieren.

          Allensbach-Umfrage : Was die Wähler bei der SPD vermissen

          Auch mit der neuen Führung kommt die SPD nicht aus ihrem Umfragetief: Die Bürger vermissen bei den Sozialdemokraten die Leistungs- und Zukunftsorientierung. Ihr Themenspektrum ist zu verengt.
          Flugzeug von British Airways

          Coronavirus : British Airways setzt Flüge nach China aus

          Das Coronavirus breitet sich aus und einzelne Unternehmen treffen Notmaßnahmen: British Airways fliegt nicht mehr nach China, Toyota stoppt dort seine Produktion und Starbucks hat in der Volksrepublik mehr als die Hälfte der Filialen geschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.