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Scherbaums Börse : LVMH und der Faktor China

  • -Aktualisiert am

Der neue LVMH-Laden in Paris. Bild: Reuters

Die Luxusbranche – und damit auch der Branchenführer LVMH – hat in den vergangenen Jahren zunehmend von Chinas Aufstieg profitiert. Die Sorgen um Evergrande und die jüngste Politik Pekings könnten das Wachstumstempo der Branche ausbremsen.

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          Über China und die Chancen für Anleger in Asien gab es in den vergangenen zwei Jahren zuhauf Analysen und Einschätzungen. Die einen mahnen zur Vorsicht, das andere Lager sieht nach wie vor in dem Land ein riesiges Potential. Zuletzt hat jedoch die Schuldenkrise des zweitgrößten chinesischen Immobilienentwicklers Evergrande die Finanzmärkte erschüttert, das „chinesische Lehman“ wurde schon von manchem heraufbeschworen. Aktuell scheint es nicht danach auszusehen.

          Dennoch bleibt beispielsweise nach Ansicht von Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel, China „für internationale Investoren ein politisch schwer berechenbares Umfeld.“ Einerseits würden langfristige Pläne, wie der Aufbau der Neuen Seidenstraße oder die gezielte Förderung besonders zukunftsträchtiger Technologien (Made in China 2025) konsequent umgesetzt, andererseits „besteht jederzeit die Möglichkeit, dass es zu abruptem politischen Kurswechsel kommen kann, beispielsweise wenn die oberste Priorität der chinesischen Regierung, der soziale Friede, in Gefahr gerät“, so Mumm. Der Chefvolkswirt der Privatbank ist nicht der einzige, der skeptisch in Richtung China schaut.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          Auch und gerade Europas Luxusgüterindustrie stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Denn China ist seit vielen Jahren so etwas wie das gelobte Land für die weltweite Luxusgüterindustrie. Dank des wirtschaftlichen Aufschwungs boomt auch der private Konsum. Entsprechend sind auch Statussymbole wie Handtaschen, Schmuck oder Modeartikel heiß begehrt. Zudem konnte China die Folgen der ersten Corona-Welle besonders schnell abschütteln und der Luxusgüterindustrie ebenfalls zu einer schnellen Erholung verhelfen.

          Zuletzt enttäuschende Konjunkturdaten

          Den jüngsten Konjunkturdaten zufolge geht China wirtschaftlich gerade etwas die Luft aus und die Pekinger Regierung scheint dem Privatsektor nun deutlich genauer auf die Finger zu schauen als in der Vergangenheit. Unter Präsident Xi Jinping werden kommunistische Ideen nun wieder deutlich mehr in den Fokus gerückt. Zudem spielt das Thema Datenschutz für die Regierung eine wichtige Rolle, während der Kampf gegen ausufernde Schulden im Privat- und Unternehmenssektor ebenfalls vorangetrieben wird. Als Ergebnis sollen beispielsweise Bildungsunternehmen keine Profite mehr erwirtschaften. Der Konzern Tencent wurde mit der Beschränkung der Zeit, die Kinder online Videospiele spielen dürfen, hart getroffen. Auch anderen Tech-Konzernen wie Alibaba weht ein ganz neuer Gegenwind entgegen. Es wird befürchtet, dass andere Branchen von Regulierungsseite ebenfalls genauer beäugt werden könnten. Zudem versucht die chinesische Regierung bei jedem noch so kleinen Corona-Ausbruch einzugreifen. Welche Auswirkungen dies auf die Wirtschaft hat, zeigte sich an den August-Einzelhandelsdaten. Der Einzelhandelsumsatz legte im Vorjahresvergleich lediglich um 2,5 Prozent zu, nachdem der Zuwachs im Juli noch bei 8,5 Prozent gelegen hatte.

          Die China-Sorgen sind unter anderem auch ein Grund, warum Aktien von Luxusgüteranbietern wie LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton zuletzt ihre Erholungsrallye unterbrechen mussten. Mit China hatte der Konzern in den vergangenen Jahren viel Geld verdient und damit LVMH-Chef Bernard Arnault nicht nur zum reichsten Europäer, sondern zeitenweise auch zum reichsten Menschen der Welt gemacht.

          Starke LVMH-Halbjahresbilanz

          Der Kurs der Aktien des weltweite Branchenführers der Luxusgüterindustrie erlebte einen steilen Anstieg. Im Sog des Corona-Börsen-Crashs brach zwar der LVMH-Kurs zwischen Januar und März 2020 um mehr als 35 Prozent auf 279 Euro ein, ging aber gleich danach in den Höhenflug über. Dabei hatte sich der Kurs bis Mitte dieses Jahres verzweieinhalbfacht und markierte im August ein neues Rekordhoch bei 715,80 Euro.

          Das Ganze wurde auch durch beeindruckende Geschäfteergebnisse befeuert. LVMH meldete allein für das erste Halbjahr 2021 ein Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr um 56 Prozent auf 28,7 Mrd. Euro. Organisch lag das Plus bei 53 Prozent. Zudem wurde das Vorkrisenniveau übertroffen. Gegenüber 2019 stiegen die Erlöse organisch um 11 Prozent an. Darüber hinaus wurde das Wachstumstempo im Juni-Quartal gegenüber dem Auftaktquartal 2021 gesteigert.

          Weiteres Potential für die LVMH-Erfolgsgeschichte hält (bisher) die erwartete Erholung der Reise- und Tourismusaktivitäten bereit – haben sich in der Vergangenheit doch gerade Urlauber sehr ausgabefreudig gezeigt. Zudem will LVMH auch in Zukunft vom Wachstumspotenzial in der Region Asien-Pazifik, insbesondere eben China, profitieren. Seitens der Konzernführung gibt es daran keinen Zweifel. In der Vergangenheit hatten Aspekte, wie der intensivierte Korruptionskampf, auch schon zu Rücksetzern bei den Erlösen in der Luxusgüterindustrie geführt. Jedoch waren diese Phasen nicht von Dauer.

          Konstanter langjähriger Aufwärtstrend


          Außerdem hat LVMH mit der Übernahme des US-Edeljuweliers Tiffany für noch mehr Diversifikation in seinem Konzern-Portfolio gesorgt. Angesichts von 75 Marken sowie mehr als 5000 Geschäften weltweit ist dieses im Fall von LVMH ohnehin sehr hoch, zumal die Diversifikation nun mit den neuen Vertriebskanal Online weiter gestärkt werden soll.

          Lässt man das Thema China völlig weg, so scheint LVMH eine Aktie zu sein, die im Depot in der Fashion-Sprache als ein „must have“ gelten dürfte. Die Aktie notiert aktuell wieder deutlich über der 200-Tage-Linie und notiert bereits seit Anfang 2009 in einem übergeordneten Aufwärtstrend. Der Kurs legt seitdem im Schnitt um 24 Prozent pro Jahr zu. Auch für konservative Anleger dürfte LVMH interessant, da die Papiere in der Vergangenheit nur vergleichsweise kurzfristige und moderate Rücksetzer verzeichneten.

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