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Russland vs. Amerika : Zum Teufel mit dem Dollar

  • -Aktualisiert am

Mehr Rubel, weniger Dollar: Keine leichte Aufgabe für Wladimir Putin Bild: AP

Russland will sich von der amerikanischen Währung lösen, doch ohne Hilfe wird das schwierig. In der kurzen Frist gibt es keine Alternative zum Dollar.

          3 Min.

          Wladimir Putin nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Wenn es um das Thema Sanktionen gegen Russland geht, schon gar nicht. Doch jüngst drohte er vor Managern der Energieindustrie den Amerikanern nicht etwa, sondern warnte sie väterlich: „Mir scheint, dass unsere amerikanischen Partner einen strategischen Fehler begehen.“ Die Vereinigten Staaten würden mit den Strafmaßnahmen gegen Staaten wie Russland oder Iran das Vertrauen in den Dollar als universelle Reservewährung untergraben, erklärte Putin weiter und ergänzte, Washington säge damit am Ast, auf dem das Land sitze.

          Für Russland wäre nichts willkommener als ein Sturz der Amerikaner. Kein anderes wirtschaftliches Druckmittel ist so gefährlich für andere Staaten wie die amerikanische Währung. Dies liegt daran, dass ohne den Dollar praktisch keine grenzübergreifenden Geschäfte getätigt werden können. Die EZB rechnet derzeit damit, dass die amerikanische Valuta zwei Drittel der internationalen Schulden und einen ähnlichen Anteil an den globalen Reservebeständen ausmache. Erdöl und Gold werden in Dollar gehandelt.

          Anreize für Rubel-Verträge

          Der Kreml sucht daher seit Jahren nach Möglichkeiten, um sich aus den Dollar-Fängen zu befreien. Doch so einfach ist es nicht. Das Halten von Dollars ist für viele Russen eine bequeme Möglichkeit, um sich gegen den Wertverfall des Rubels abzusichern. Ein jüngst vorgestelltes Maßnahmenpaket des Kremls will daher den Dollar nicht verbieten. Die Überlegungen zielen darauf ab, die Rolle des Dollars im Außenhandel zu reduzieren und eine unabhängige Finanzinfrastruktur zu schaffen.

          Am offensichtlichsten hat bereits die Notenbank gehandelt. Die Zentralbank hat in den letzten Monaten praktisch alle ihre amerikanischen Staatsanleihen verkauft. Laut den neusten Daten hielt Russland Ende August noch knapp 3 Milliarden Dollar in Treasuries. Anfang des Jahres stand Russland noch für knapp 100 Milliarden der amerikanischen Staatsschulden gerade.

          Die anderen Maßnahmen sind weniger dramatisch. Finanzminister Anton Siluanow will Händlern, die Verträge mit ihren Partnern in Rubel abschließen, Steuervorteile gewähren. Daneben sollen die Rückführungsbestimmungen von Exporteinnahmen gelockert und Unternehmen bei der Umstellung unterstützt werden. Mehrere Konzerne prüfen bereits Möglichkeiten, Geschäfte im Ausland abzuschließen, ohne dafür Dollar zu verwenden. So erklärte Alrosa, ein großer Produzent von Rohdiamanten, dass das Unternehmen im Sommer ein Pilotprojekt mit einem chinesischen Kunden abgeschlossen habe, der in Yuan bezahlt.

          Daneben will Russland sein eigenes Zahlungssystem weiter fördern. 2014 stoppten die Kreditkartenunternehmen Visa und Mastercard zeitweilig die Transaktionen für zwei Banken. Das führte dem Kreml schmerzhaft vor Augen, wie abhängig das Land von den amerikanischen Anbietern ist. Moskau reagierte mit dem Aufbau eines neuen, unter Aufsicht der Zentralbank entwickelten Zahlungssystems. Das lässt sich nicht einfach von außen abschalten. Doch die Bezahlalternative stieß nur auf eine geringe Nachfrage.

          Ohne Ausland läuft es nicht

          Also bediente sich der Kreml der Macht seines Regierungsapparates. Das Parlament verabschiedete vor einem Jahr ein Gesetz, wonach die gesamte Verwaltung ihre Löhne nur auf Konten, die mit dem russischen System funktionieren, überweisen dürfen. Dies ist nicht zu unterschätzen. In Russland arbeiten ungefähr 30 Millionen Menschen beim Staat. Seither hat sich der Marktanteil immerhin auf etwas über 20 Prozent gesteigert. Doch das System hat noch seine Tücken, und die russischen Bankkarten sind im Ausland unbrauchbar. Daher soll künftig nach den Plänen der Regierung ausländischen Unternehmen Zugang zum Inlandszahlungsverkehrssystem verschafft werden.

          Ohne Hilfe aus dem Ausland werden die bisher praktisch wirkungslosen Maßnahmen der Russen auch weiterhin keinen Erfolg haben. Doch die Unruhe wächst. Die Handelspolitik von Donald Trump erzürnt auch westliche Partner. Politische Führer, die früher die Hegemonie des Dollars akzeptiert haben, beschweren sich jetzt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte im September, es sei „absurd“, dass europäische Unternehmen europäische Flugzeuge in amerikanischer Währung kaufen. Bundesaußenminister Heiko Maas meinte vor kurzem, Europa solle im internationalen Zahlungsverkehr mehr Unabhängigkeit von Amerika erlangen. China ließ zu Beginn des Jahres gar Taten folgen und stellte die Dominanz des Dollars auf den globalen Energiemärkten mit einem auf Yuan lautenden Rohöl-Future-Kontrakt in Frage.

          Fachleute sind sich zwar einig, dass in der kurzen Frist keine Alternative zum Dollar verfügbar ist. Denn eine neue „Weltwährung“ müsste von einer Mehrheit der Anleger akzeptiert werden. Der Dollar ist nicht nur weit verbreitet, hinter ihm stehen auch die funktionierenden Institutionen, die Rechtssicherheit, ein starkes Militär und die große Wirtschaftsmacht der Amerikaner. Politiker, die sich eine Welt ohne starken Dollar wünschen, müssen anerkennen, dass ein „neuer Dollar“ nicht von oben diktiert werden kann. Die Entscheidung über ihre Ersparnisse fällen die Individuen unabhängig und nicht nach geopolitischen Kriterien.

          Doch sollte das Vertrauen der Anleger in den Dollar schwinden, dann könnte er seine zentrale Rolle verlieren. Ein solches Szenario wäre kein Weltuntergang. Die amerikanische Notenbank müsste dann das tun, was alle anderen Zentralbanken tun müssen, wenn globale Investoren in Panik geraten: die Zinsen auf schmerzhafte Niveaus anheben, um zu verhindern, dass spekulatives Geld das Land verlässt. Aber vor diesem Vertrauensverlust hat Putin die Amerikaner ja schon gewarnt.

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