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Versicherungsprämien : Treiben die Hurrikans auch die Preise hierzulande?

Als Schäden noch günstiger waren: Unfall in Frankfurt vor acht Jahren. Bild: Picture-Alliance

Die Naturkatastrophen in Nordamerika machen 2017 zu einem der teuersten Jahre in der Versicherungsgeschichte. Rückversicherer diskutieren mit ihren Kunden über Prämien in diesem Jahr besonders vorsichtig.

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          Sechs Wochen liegen jedes Jahr zwischen Monte Carlo und Baden-Baden. An diesen beiden mondänen Orten treffen sich die Rückversicherer mit ihren Kunden, den Erstversicherern und deren Maklern, um über die Preise zu diskutieren. In diesem Jahr berichten Teilnehmer von einem besonders vorsichtigen Abtasten. Denn die Naturkatastrophen in Nordamerika machen das Jahr 2017 zu einem der teuersten in der Versicherungsgeschichte. Doch ob das zu höheren Preisen auf dem europäischen Markt führen muss, ist naturgemäß zwischen den Parteien umstritten.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Rückversicherer würden gern höhere Prämien durchsetzen, Erstversicherer sträuben sich dagegen, weil sie in den vergangenen Jahren, gemessen an den Risiken, adäquate Prämien gezahlt hätten. Doch wie auch immer dieser Streit ausgeht: Haben die Rückversicherungspreise auch Auswirkungen auf den Endkunden? Kann die Auto- oder Wohngebäudeversicherung teurer werden, weil die Hurrikans in Nordamerika gewütet haben?

          „Die Preiseffekte dieses Jahres werden über das regionale Schaden-Unfall-Geschäft in Amerika hinausgehen“, sagt Hermann Pohlchristoph, Vorstandsmitglied der Munich Re. Drei der teuersten Jahre in der Schadenhistorie habe es in den vergangenen zwölf Jahren gegeben. Doch für den deutschen Konsumenten müsse das nichts Schlechtes bedeuten. „Wir differenzieren nach Naturgefahren: Es wird eher einen Einfluss auf den Schutz gegen Naturkatastrophen in anderen Ländern haben“, sagt er.

          Die Erstversicherer stünden im Schaden-Unfall-Geschäft zunehmend unter Druck, analysiert Frank Reichelt, bei der Swiss Re unter anderem für die skandinavischen Länder und Deutschland verantwortlich. Ihre Schaden-Kosten-Quoten lägen oft nahe an den 100 Prozent, die gerade eben noch profitabel sind. Durch Zinserträge ist das in Zeiten des Nullzinses nicht mehr auszugleichen. Stiegen dann in einem Jahr die Rückversicherungspreise, müsse ein Versicherer im Jahr darauf nachziehen. „Der Erstversicherer kommt um Preiserhöhungen oder Kostensenkungen nicht herum“, sagt Reichelt. Vor allem müssten die deutschen Gesellschaften ihre Prozesse straffen. In den Vereinigten Staaten seien Prämien der Schadenversicherer nach den Sturm- und Flutschäden dieses Jahres im zweistelligen Bereich gestiegen. „Das sehe ich in Deutschland nicht“, sagt er. Doch die Versicherer müssten mehr tun, um auf bessere Schaden-Kosten-Quoten zu kommen – so wie er es von seinen skandinavischen Kunden gewohnt ist. „Die sind in der digitalen Transformation schon deutlich weiter und arbeiten schon sehr kundenzentriert“, sagt Reichelt.

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          „Wir gehen von keinen Folgen für die Kfz-Versicherung durch Harvey, Irma und Maria aus“, sagt Andreas Kelb, Autoversicherungsspezialist der Hannover Rück. Dennoch hat er viele gute Gründe dafür gesammelt, dass die Preise für Autopolicen weiter steigen – auch wenn in der Wechselsaison von interessierter Seite gern andere Trends ausgerufen werden. Im Durchschnitt sind die Prämien zum 1. August in der Autohaftpflicht um 1,7 Prozent und in der Vollkaskoversicherung um 2,3 Prozent gestiegen, wie er auf Basis einer Beobachtung von 60 Prozent des Marktes der deutschen Tochtergesellschaft E+S Rück festgestellt hat. „Außerdem wissen wir, dass viele Erstversicherer ihre Prämien zum ersten Januar erhöhen, also wird es auch zum nächsten Jahr ein Plus geben“, sagt Kelb. Was sich für den Kunden im Portemonnaie niederschlägt, entlastet Autoversicherer nur teilweise, denn auch ihre Ausgaben steigen. Kamen sie im Branchendurchschnitt im Jahr 2014 noch auf einen Gewinnanteil von 3,1 Prozent der Beitragseinnahmen, dürfte er in diesem und im kommenden Jahr bei nur noch 1 Prozent liegen.

          „Wichtigster Treiber der Sachschäden sind die höheren Teilekosten“, sagt Kelb. Da Autos immer aufwendiger werden, höherwertige Sensoren und teurere Scheinwerfer haben, fallen auch die Reparaturkosten höher aus. Personenschäden werden zwar glücklicherweise immer seltener, aber wenn sie eintreten, entstehen höhere Pflegekosten. Für eine stark geschädigte Person müsse ein Rückversicherer heute mit 15 Millionen Euro Kosten kalkulieren – auch weil die Lebenserwartung heute genauso hoch sei wie von gesunden Menschen.

          Der unmittelbare Zusammenhang zwischen Versicherungs- und Rückversicherungspreisen sei zwar theoretisch herstellbar, aber nicht genau herunterzubrechen, sagt Jan-Oliver Thofern, Geschäftsführer des Rückversicherungsmaklers Aon Benfield in Deutschland. Naturgefahren hätten in ihrer Frequenz zugenommen, dafür seien die Erstversicherungsprämien nicht auskömmlich – insbesondere in der Wohngebäude- und der angeschlossenen Naturgefahrenversicherung. „Die Schäden in den Vereinigten Staaten zeigen aber die Gefährlichkeit und rücken in Erinnerung, dass es diese Klimawandel-Schäden gibt“, sagt er. Dabei würde auch deutschen Kunden klar, dass es nicht nur Sturm-, sondern auch Flutschäden gebe. „Die Bilder aus Amerika zeigen, welche Ausmaße die Schäden haben können.“

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