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Auslöser der Finanzkrise : Das Ende einer Legende

September 2007: Kunden der Northern Rock Bank drängen in eine Filiale in London. Bild: Reuters

Ein bekanntes Narrativ lautet: Die im Jahre 2007 ausgebrochene Finanzkrise ist hauptsächlich das Ergebnis einer verfehlten Geldpolitik gewesen. Die Fakten sehen anders aus.

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          Als Hort finanzieller Sicherheit erfreut sich in der westlichen Welt Kanada eines hervorragenden Rufes. Viele gut betuchte Anleger auch aus Deutschland haben in den vergangenen Jahren Geld in das nordamerikanische Land gebracht. Denn die Banken in Kanada gelten im internationalen Vergleich als besonders stabil. Im Unterschied zu Banken in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien in Deutschland und in der Schweiz hat die großen kanadischen Banken sogar in der verheerenden Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 nicht der kleinste Hauch des Zweifels an ihrer Solidität umweht. Die Geldhäuser in Toronto und in Montreal galten, völlig zurecht, als bombensicher. Und sie sind es immer noch.

          Aber warum eigentlich galten die kanadischen Banken in der Krise als bombensicher? Einem verbreiteten Narrativ folgend, war die amerikanische Geldpolitik mit einer verfehlten Strategie niedriger Zinsen hauptverantwortlich für die im Jahre 2007 ausgebrochene Finanzkrise, die sich von den Vereinigten Staaten in viele andere Länder ausbreitete. Kanada ist aber nicht nur ein Nachbar der Vereinigten Staaten, der alleine wegen der engen Wirtschaftsbeziehungen von der Finanzkrise hätte erfasst werden sollen. Schlimmer noch: Die kanadische Notenbank, die Bank of Canada, hatte in den Jahren vor dem Ausbruch der Krise eine der Fed ähnliche Niedrigzinspolitik betrieben. Warum blieb es in Kanada ruhig, während in den Vereinigten Staaten eine schwere Krise tobte? Alleine das kanadische Exempel weckt Zweifel an der These, eine Politik zu niedriger Leitzinsen wäre zwingend für den Krisenausbruch hauptverantwortlich gewesen.

          Großbritannien passt nicht in das Narrativ

          Ein zweites Exempel, das ebenso wenig nicht zu dem Narrativ passt, ist Großbritannien. Denn in London hatte sich die Bank of England in den Jahren 2002 bis 2004 nicht der Niedrigzinspolitik der Fed angeschlossen. Während die Fed ihren Leitzins bis auf 1 Prozent und die Bank of Canada immerhin bis auf 2 Prozent senkte, fiel der Leitzins der Bank of England in dieser Zeit niemals unter 3,5 Prozent. Eigentlich hätte Großbritannien daher von der Krise verschont bleiben müssen – oder zumindest hätte die Krise in Großbritannien nicht stark wüten dürfen. Aber sie wütete schrecklich, wie nicht nur die Erinnerung an die Menschenschlangen vor den Filialen der Skandalbank Northern Rock im Herbst 2007 belegt. Später musste der Staat mehrere Großbanken auffangen. Wie in den Vereinigten Staaten war auch in Großbritannien der Immobilienmarkt die Quelle vieler Sorgen.

          Das Narrativ von der Hauptverantwortung der Notenbanken war nie Konsens unter Ökonomen und Finanzmarktteilnehmern. Aber eine auf klarer Schuldzuweisung beruhende Geschichte ist immer eingängiger als eine differenzierte und notwendigerweise komplexe Analyse, in der die Geldpolitik zwar eine Rolle spielen mag, aber neben ihr andere Ursachen Berücksichtigung finden müssen. Die These von einer schlimmstenfalls begrenzten Verantwortung existiert seit langer Zeit, aber eine beeindruckende Zusammenfassung hat sie in diesen Tagen von dem Ökonomen Philip Turner erhalten – und das ist pikant, weil Turner viele Jahre lang leitender Ökonom in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel gewesen ist, die von den Kritikern einer Niedrigzinspolitik häufig als Kronzeugin für ihr Anliegen zitiert wird. Turners Arbeit offenbart, was in der Szene indes seit langem bekannt ist: Auch in der BIZ existieren sehr unterschiedliche Ansichten zur Geldpolitik.

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