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Private Altersvorsorge : Union Investment schlägt Riester-Reform vor

Mehr Eigenverantwortung wagen: Gerhard Schröder (links) hörte vier Jahre lang auf Walter Riesters ministerlichen Rat. Bild: ddp Images

Der Marktführer bei der Riester-Rente regt eine einfachere Zulage an. Dabei soll nicht das Produkt, sondern die Förderung simpler werden. Können so bürokratische Hürden abgebaut werden?

          Nach der lauten Kritik aus Wissenschaft und Politik an der Riester-Rente gab die Koalition aus Union und SPD im Februar ein klares Bekenntnis ab: Sie wolle das Drei-Säulen-Modell weiterentwickeln und im Dialog mit der Versicherungswirtschaft zügig ein attraktives standardisiertes Riester-Produkt schaffen. So legte die Regierung die Marschroute im Koalitionsvertrag fest. Doch vieles ist noch offen. Etwa: Warum nur im Dialog mit Versicherern, nicht aber mit anderen Finanzunternehmen? Was heißt attraktiv, was heißt standardisiert?

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese Fragen hat sich auch der Marktführer im Riester-Markt gestellt: die Union Investment. Sie stammt bemerkenswerterweise nicht aus dem Lager der Versicherer, sondern aus dem der Fondsgesellschaften. Ihre Überlegungen dazu hat die Investmentgesellschaft in das Papier „Die Zulagenrente“ gegossen, im Untertitel empfiehlt sie: „Evolution statt Revolution in der privaten Altersvorsorge“. Es liegt der F.A.Z. exklusiv vor.

          Anders als von manchen Vertretern aus der Politik verlangt, will die Union Investment die Standardisierung und Attraktivität nicht durch ein simpleres Altersvorsorgeprodukt erreichen, sondern durch eine radikale Vereinfachung des Zulagensystems. Gerade die Unübersichtlichkeit, wer förderberechtigt ist, der wechselnde Förderstatus je nach Berufstätigkeit oder Erziehungssituation und die unter anderem daraus resultierenden Rückforderungen von Zulagen seien abschreckend, sagt Björn Deyer, Leiter der Altersvorsorge von Union Investment. „Der Markt stagniert, einige Anbieter haben sich inzwischen verabschiedet“, erklärt er.

          Riester soll entbürokratisiert werden

          Trotz aller öffentlichen Kritik sei die Riester-Rente, die seit 2002 rund 16,6 Millionen Sparer abgeschlossen haben, die erfolgreichste freiwillige Altersvorsorge in Europa. Es sei nicht nötig, das Produkt zu standardisieren, indem man etwa die Kapitalanlage stärker vorgibt. „Durch das Produktinformationsblatt haben wir schon eine stärkere Vereinheitlichung erreicht, dadurch werden Fonds, Versicherungen und Bausparverträge vergleichbar“, sagt Deyer. Auch das Zusammenspiel von Zulagen- und Steuerförderung suche in Europa seinesgleichen. „Wir haben die privaten Vorsorgesysteme verschiedener Nationen analysiert. Kein System ist fairer als unser Riester-System“, sagt er.

          Union Investment hat ihren Bestand mit 1,9 Millionen Verträgen auf die häufigsten Ärgernisse der Sparer hin analysiert. An erster Stelle stünden Zulagenrückforderungen, die sich ergeben, weil die Zulagenstelle die Förderung auszahlt, aber erst nachträglich prüfen kann, ob der Anspruch berechtigt war. Hier lasse sich leicht eine Entbürokratisierung erzielen. Überdies verunsichere es viele Sparer, wenn sich ihre Förderberechtigung je nach Lebenssituation ändere. Deshalb sollten alle Bürger förderberechtigt sein und nicht nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Auch Ehe- oder Lebenspartner sollen einen Anspruch auf die Förderung haben. „Warum macht man diese Einschränkung? Anders wäre es viel leichter erklärbar“, sagt Deyer.

          Im zweiten Schritt soll, geht es nach der Union Investment, die Förderung entbürokratisiert werden. Das Finanzamt soll für die Zulagenförderung zuständig sein, weil es alle Daten besitzt. So kann es automatisch den Anspruch prüfen, Zulagenrückforderungen entfallen. Im dritten Schritt soll die Fördersystematik einfacher werden. Statt 4 Prozent der Beitragsbemessungsgrenze sollen 40 Prozent des eingezahlten Beitrags zulagenfähig sein. Dadurch würden regelmäßige Gehaltsabfragen durch die Anbieter unnötig.

          Im vierten Schritt soll die Höhe der Riester-Förderung an heutige Bedürfnisse angepasst werden. Das ist seit dem Jahr 2002 nicht erfolgt. Als Förderhöchstbetrag könnte der Gesetzgeber 3050 Euro festsetzen. „Es wäre gut, wenn das ein glatter Betrag wäre, damit sich der Sparer nicht jährlich an neue krumme Beträge gewöhnen muss“, sagt Deyer.

          Ziel ist es, den Verbreitungsgrad von Riester zu erhöhen

          So würden Dreyer zufolge gutverdienende Sparer, die bisher von einer Steuergutschrift profitieren, deutlicher sehen, welchen finanziellen Vorteil sie durch die Riester-Förderung haben. „Heute fließt die Steuererstattung aufs Girokonto. Das stärkt nicht gerade das Bewusstsein der Wirksamkeit von Riester“, sagt Deyer. „Es ist auch kein Steuerberater notwendig, um den Vorteil zu berechnen.“

          Durch ihren Vorschlag glaubt die Union Investment den Verbreitungsgrad von Riester erhöhen zu können. Kritiker monieren, dass nur knapp die Hälfte der Förderberechtigten bislang einen Vertrag abgeschlossen hat. Linke Politiker plädieren, Verbraucher sollten durch Zuzahlungen in die gesetzliche Rente weitere Rentenansprüche erwerben. Die Hessische Landesregierung will ein kollektives Aktiensparen in Form einer Deutschlandrente. Neben der Verbreitung, so glaubt Deyer, werde sich im neuen Zuschnitt die Wirksamkeit der Riester-Förderung verbessern. „Dann wird die Zulage über die derzeit 2,7 Milliarden Euro im Jahr steigen, weil viel mehr Kunden ihre Förderung abrufen“, sagt Deyer.

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          Mit ihrer Simplifizierung werde die staatlich geförderte Rente zu einem einfachen Standardprodukt, aber nicht etwa, indem es vereinheitlicht werde. Weiterhin könnten Versicherer Produkte mit Deckungsstock anbieten, Fondsgesellschaften könnten in unterschiedlichem Umfang Renten- und Aktienfonds einsetzen. „Die Politik spiegelt uns wider, dass durch Komplexität Vertrauen der Kunden verlorengeht. Deshalb ist das Ziel, Komplexität herauszunehmen“, sagt Deyer.

          Es könne dagegen nicht das Ziel sein, ein Produkt ganz ohne Abschlusskosten zu kreieren. „In Großbritannien erhalten seit dem Provisionsverbot untere Einkommensschichten gar keine Beratung mehr“, sagt er. Und sehr niedrige Kosten werde man nur durch weniger Beratung erreichen. Das aber könne nicht das Ziel einer Reform sein.

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