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Erste Verluste seit 2011 : Die Lust auf Aktien könnte den Deutschen bald vergehen

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Die Deutschen sind bei der Geldanlage nicht für ihre besondere Risikofreude bekannt. Bild: dpa

Erst kürzlich haben die Menschen hierzulande wieder mehr Geld in Aktien gesteckt. Doch schwächere Märkte und eine hohe Inflation führen zu negativen Renditen und vielleicht auch bald dazu, dass mehr Anleger wieder auf Nummer sicher gehen.

          Die Deutschen, die seit langem für ihre konservative Geldanlage und ihre Vorliebe für Bargeld bekannt sind, haben in den vergangenen Jahren heimlich, still und leise immer mehr Geld von ihren Giro- und Tagesgeldkonten in Aktien und Fonds gesteckt. Doch nun könnte sich der Trend wieder umkehren. Denn die Kombination aus schwächeren Märkten und höheren Verbraucherpreisen führt dazu, dass die inflationsbereinigten Renditen in diesem Jahr nach Angaben der Deutschen Bundesbank erstmals seit 2011 wieder negativ sind.

          Es wird erwartet, dass die Europäische Zentralbank voraussichtlich Ende 2019 mit einer Zinserhöhung beginnt. Nach Ansicht einiger Analysten dürfte das die Märkte weiter belasten und wieder mehr Haushalte dazu bewegen, bei ihrer Geldanlage auf Nummer sicher zu gehen.

          Deutsche haben schon immer prozyklisch investiert

          Wie in vielen anderen Ländern haben die deutschen Privatanleger in der Vergangenheit den Fehler begangen, mit der Herde zu laufen: Sie haben Aktien gekauft, als sie gehyped und teuer waren, und sie zu spät verkauft, nachdem sie schon billig geworden sind. Auf diese Weise wurden Aktien nie vollständig in den Vermögensaufbau integriert, man warf die Flinte schnell ins Korn und stieß die Titel wieder ab, wenn die Verluste überhandnahmen.

          „Das Problem ist, dass die Deutschen schon immer sehr prozyklisch investiert haben“, sagt Franz-Josef Leven, stellvertretender Geschäftsführer des Interessenverbandes Deutsches Aktieninstitut (DAI), gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Ich kann mir vorstellen, dass viele Privatanleger wieder aus Aktien aussteigen werden, sobald die Zinsen steigen. Nicht alle, aber ein großer Teil.“ Bundesbankpräsident Jens Weidmann betonte in einer Rede in der vergangenen Woche, dass die „eher konservativen“ Deutschen im vergangenen Jahr mehr als 26 Prozent ihres gesamten Geldvermögens in Aktien und Investmentfonds anlegten. Das sind nur 6 Prozent mehr als vier Jahre zuvor.

          Davon profitiert unter anderem die Frankfurter Dekabank, der Vermögensverwalter der Sparkassen. Das Unternehmen verzeichnete im vergangenen Jahr Rekordzuflüsse, wobei Privatkunden 12,3 Milliarden Euro in Fonds investierten, fast so viel wie institutionelle Kunden. Der Vorstandsvorsitzende Michael Rüdiger sagte, dies sei als positives Signal für die Einstellung zu Investitionen in Wertpapiere zu werten.

          Mit Aktien am Frühstückstisch

          Ein Abschwung könnte diesen Trend jedoch umkehren, und die Investitionsverluste könnten die Kaufkraft der schnell wachsenden Zahl der Rentner schwächen, die auf wenig zurückgreifen können. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Nettovermögen des Landes liegt im europäischen Vergleich aufgrund des geringen Investitionsvolumens und wenig Wohneigentum am unteren Ende der Skala. Menschen, die in Aktien investieren, beziehen meist ein überdurchschnittliches Einkommen, haben einen hohen Bildungsstand und sind laut DAI älter als 50 Jahre. Zwischen 14 und 39 Jahren partizipiert nur etwa jeder Zehnte an der Börse.

          Neben der traditionell skeptischen Haltung der Deutschen (“Börsenscheu“) trägt laut DAI auch eine unzureichende finanzielle Bildung zur vorherrschenden Meinung gegenüber Aktiengeschäften bei. „In den Vereinigten Staaten sprechen Familien über Aktieninvestitionen am Frühstückstisch, Kinder wachsen damit auf und bekommen solche Gespräche mit", sagte Leven vom DAI. „In Deutschland gibt es das so nicht.“

          Schon der Zusammenbruch des Neuen Marktes mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 führte dazu, dass sich viele Anleger von ihren Aktien- und Fondsbeständen trennten, zwischen 2003 und 2007 übertrafen die Verkäufe dieser Anlagen die Käufe bei weitem. Während die Finanzkrise 2008 etwas weniger prozyklisch verlief, verpassten die Anleger im Zeitraum von 2012 bis 2014 laut DAI gute Einstiegsmöglichkeiten.

          Nach den jüngsten kräftigen Zuwächsen ist der Dax in diesem Jahr schon um 3 Prozent gesunken. Die Frage ist, wie Anlageneulinge diesmal auf rückläufige Aktienmärkte reagieren werden.

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