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Tinder-Streit : Kabale und Liebe

Smartphone-App Tinder Bild: EPA

Um die Dating-Plattform Tinder ist ein spektakulärer Rechtsstreit entbrannt. Die Gründer und andere Mitarbeiter fühlen sich betrogen – und fordern Milliarden.

          3 Min.

          Die beliebte Dating-Plattform Tinder wird von einem spektakulären Rechtsstreit erschüttert. Eine Gruppe von zehn gegenwärtigen und früheren Mitarbeitern, darunter auch drei der Gründer, hat in New York eine Klage gegen die Tinder-Muttergesellschaft Match Group und deren Mehrheitseigentümer IAC/Interactive eingereicht.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Kläger behaupten, sie seien um ihren rechtmäßigen Anteil an dem Partnervermittler betrogen worden, Match und IAC hätten sie „bestohlen“ und „beraubt“. Sie fordern Schadenersatz von mindestens zwei Milliarden Dollar und eine zusätzliche Strafzahlung („Punitive Damages“) in unbestimmter Höhe. Die Klage hat sich an der Börse bemerkbar gemacht, der Aktienkurs von Match verlor am Dienstag bis zum Handelsschluss mehr drei Prozent an Wert.

          Immer ein Konzernteil

          Im Kern wird den Tinder-Eigentümern vorgeworfen, betrügerisch den Wert des Dienstes möglichst niedrig angesetzt zu haben um Gründern und anderen Mitarbeitern möglichst wenig bezahlen zu müssen.

          Dies wäre möglich, da Tinder nicht als unabhängiges Unternehmen wie Facebook oder Google entstanden ist, sondern immer Teil eines Konzerns war. Der Dating-Dienst hatte seine Anfänge im Jahr 2012 innerhalb eines Gründerlabors von IAC und wurde später mit der Match-Gruppe verschmolzen, zu der noch eine ganze Reihe anderer Partnervermittlungsdienste wie Match.com oder OK Cupid gehören.

          Wie es in der Klage heißt, haben Match und IAC 2014 Vereinbarungen zugestimmt, die den Gründern und einer Reihe anderer Mitarbeiter Aktienoptionen an Tinder gewährten, wobei allein die Optionen der Kläger mehr als 20 Prozent der Anteile an der Plattform ausmachten. Weil Tinder selbst nicht börsennotiert ist, sollten diese Optionen in einem unabhängigen Verfahren bewertet werden, und ihre Inhaber konnten sie dann zum resultierenden Preis an Match und IAC verkaufen. Je höher also die Bewertung, umso mehr hätten die Muttergesellschaften zahlen müssen.

          Match Group

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          Die Kläger behaupten nun, Match und IAC hätten im vergangenen Jahr „aus rechtswidrigen Motiven“ und auf vielfältige Art und Weise versucht, die Bewertung im Rahmen des vereinbarten Verfahrens künstlich niedrig zu halten, darunter auch mittels Manipulation von Finanzdaten. „Sie haben falsche Finanzprojektionen geschaffen, die Kosten von Tinder aufgebläht und ein alternatives Universum erfunden, in dem Tinder stagniert und sich auf einen freien Fall zubewegt hat.“

          Auch hätten sie die Einführung neuer Produkte wie gebührenpflichtiger Angebote verzögert und deren finanzielles Potential unter Verschluss gehalten. Am Ende sei Tinder mit drei Milliarden Dollar bewertet worden – und damit genauso hoch wie zwei Jahre zuvor, obwohl seitdem der Umsatz um 600 Prozent und die Nutzerzahlen um 50 Prozent gestiegen waren.

          Bewertung eine „Farce“

          Während Match und IAC Tinder schlechtgeredet hätten, um zu einer niedrigeren Bewertung zu kommen, hätten sie den Dating-Dienst nach außen hochgejubelt. So hätten sie etwa im Rahmen des Bewertungsverfahrens gesagt, das Umsatzwachstums werde in den kommenden fünf Jahren um 90 Prozent fallen. Nur wenige Monate später sei dann aber bei der Vorlage von Quartalszahlen von einer Beschleunigung des Wachstums die Rede gewesen.

          Während des Bewertungsprozesses sei zudem für 2018 ein Umsatz von 454 Millionen Dollar vorhergesagt worden. Als Match in der vergangenen Woche seinen Quartalsbericht veröffentlichte, sei auf einmal von mehr als 800 Millionen Dollar die Rede gewesen. All das zeige, dass die interne Bewertung eine „Farce“ gewesen sei.

          Tatsächlich scheint Tinder heute das Vorzeigeprodukt von Match zu sein, denn die Plattform wurde bei der Vorlage der Zahlen ein ums andere Mal hervorgehoben. Match-Vorstandschefin Mandy Ginsberg sagte, Tinder sei der „Wachstumstreiber“ des Unternehmens, und die Errungenschaften mit dem Dienst seien „phänomenal“. Der Umsatz habe sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt, die Zahl der Nutzer sei um mehr als 80 Prozent gestiegen.

          Was den Rechtsstreit besonders ungewöhnlich macht, ist der Umstand, dass drei der Kläger noch immer für das Unternehmen arbeiten, darunter auch der Mitgründer Jonathan Badeen. Bemerkenswert ist auch, dass mit der Bewertungsfrage noch ganz andere Vorwürfe in Verbindung gebracht werden. Der frühere Match-Vorstandsvorsitzende Greg Blatt wird beschuldigt, die Marketing- und Kommunikationschefin Rosette Pambakian, die bis heute im Amt ist und jetzt auch zu den Klägern gehört, bei einer Weihnachtsfeier 2016 begrapscht und sexuell belästigt zu haben.

          Und immer wieder sexuelle Belästigung

          In der Klage heißt es nun, Blatts Verhalten sei zwar gemeldet, aber vertuscht worden, damit er das Bewertungsverfahren zu Ende bringen konnte. Diese Vorwürfe der sexuellen Belästigung haben eine gewisse Ironie, denn die beiden Mitgründer Justin Mateen und Sean Rad, die jetzt zu den Klägern gehören, waren 2014 Gegenstand eines Rechtsstreits mit ähnlichen Sachverhalten.

          Eine frühere Tinder-Mitarbeiterin hatte den Männern diskriminierendes Verhalten vorgeworfen, Mateen beschuldigte sie sogar, sie sexuell belästigt zu haben. Der Rechtsstreit wurde am Ende mit einem Vergleich und ohne Schuldeingeständnis aus der Welt geschafft.

          „Neid der Besitzlosen“

          IAC und Match zeigten sich Dienstag von der Klage demonstrativ unbeeindruckt. Die Unternehmen teilten in einer gemeinsamen und mit Sarkasmus gespickten Stellungnahme mit, sich gegen die „gegenstandslosen Vorwürfe“ energisch verteidigen zu wollen und sich auf ein Gerichtsverfahren zu freuen.

          Das Bewertungsverfahren sei gründlich gewesen, zwei unabhängige Investmentbanken hätten daran teilgenommen. Den Klägern habe nur das Ergebnis nicht gefallen. Womöglich störe es Sean Rad und Justin Mateen, dass Tinder nach ihrem Abschied „enormen Erfolg“ habe, hieß es weiter. „Aber Neid der Besitzlosen alleine macht noch keine Klage.“

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