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Reaktionen der Finanzmärkte : Die Politik bestimmt über die Börsen

  • -Aktualisiert am

Noch viel zu verhandeln: Chinas Vize-Premier Liu He mit Amerikas Finanzminister Steven Mnuchin Bild: EPA

„Politische Börsen haben kurze Beine“, heißt es. Doch die Börsenweisheit wird gerade auf eine harte Probe gestellt. Höchste Zeit sie einmal genauer einzuordnen.

          Börsenweisheiten sind beliebt. Sie verengen jahrelange Erfahrungen der Anleger auf einen knackigen Satz. „Sell in May and go away“, könnte man gerade sagen. Oder: „Greife nie in ein fallendes Messer“, wenn die Kurse fallen. Oder: „Politische Börsen haben kurze Beine.“ Nicht jede Weisheit stimmt immer, und gerade letztere wird gerade auf eine harte Probe gestellt.

          Da kündigt der amerikanische Präsident Donald Trump an, die Zölle auf Importe aus China zu erhöhen und mehr Waren damit zu erfassen. Eine politische Maßnahme, aber die Börsen reagieren. Die Aktienkurse geben auf der ganzen Welt nach, vor allem natürlich in China. Und das nicht nur einen Tag. Von kurzen Beinen kann nicht die Rede sein.

          Es ist daher an der Zeit, die Börsenweisheit genauer einzuordnen. Sie meint nicht, dass politische Entscheidungen keinen Einfluss auf die Börsenkurse haben. Sie bezog sich vor allem auf Wahlergebnisse. Die verursachen in der Tat keine oder nur kurze Reaktionen der Finanzmärkte. Das sieht man regelmäßig bei Bundestagswahlen. Ob die Union oder die SPD den Kanzler stellen, das ist den Börsen weitgehend egal. Denn eine grundlegende Änderung der Wirtschaftspolitik ist nicht zu erwarten.

          Gewinnentwicklung ist Haupttreiber der Aktienkurse

          Das wäre vielleicht bei einem (derzeit illusorischen) Wahlsieg der Linken anders. Auch Trumps Wahl sorgte nur kurz für eine Börsenreaktion. Das überraschende Votum der Briten im Sommer 2016 für einen Austritt aus der Europäischen Union sorgte immerhin für einen Mini-Crash am Tag danach, weil niemand damit gerechnet hatte. Aber rasch erholten sich die Kurse wieder. So ist es oft nach Abstimmungen: Es ist unklar, ob sie überhaupt Folgen für die Wirtschaftspolitik haben und wenn ja, welche. Dann geben sich Anleger erst einmal gelassen.

          Trumps Zollentscheidung ist hingegen sehr konkret. Denn sie belastet sofort die Ergebnisse der exportierenden Unternehmen, weil sie weniger ihrer Produkte verkaufen können. Und die Gewinnentwicklung ist der Haupttreiber der Aktienkurse. Deswegen war die Börsenreaktion in China auch am heftigsten. In Amerika trifft es Unternehmen, die von den chinesischen Gegenzöllen betroffen sind. Das heißt: Je spürbarer die Folgen einer politischen Entscheidung auf die Firmen, desto eher reagieren die Kurse. Dann haben politische Börsen auch mal lange Beine.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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