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Radikale Krisenlösung : „Schulden ohne Tilgung“

Christian von Bechtolsheim, Gründer des Vermögensverwalters Focam Bild: Stefan Freund

Die Lasten der Corona-Pandemie sollten durch Staatsschulden bei der Notenbank bewältigt werden, und zwar ohne Tilgung. Der Vermögensverwalter Focam fordert damit radikales Umdenken.

          3 Min.

          Als vor gut zwölf Jahren die Finanzkrise die Welt erschütterte und die Notenbanken ihr Füllhorn öffneten, waren die Inflationssorgen groß - sogar die Angst vor einer Hyperinflation machte die Runde, die dann nicht kam. Auch jetzt, derweil die Corona-Krise noch nicht überstanden ist, tauchen die Sorgen wieder auf. Christian von Bechtolsheim, Vorstandssprecher der Vermögensverwaltung Focam, glaubt – im Unterschied zum Jahr 2008 – aber diesmal nicht an eine höhere Inflation. „Auch wenn die Geldmenge im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung deutlich steigt, haben wir kein klassisches Inflationsszenario. Der Anstieg kommt beim Einzelnen nicht an.“ Zwar bestehe Unsicherheit bezüglich des Geldwerts, aber genau deswegen werde ja so viel investiert. „Die Geldmengenausweitung trifft alles, was Rendite bringt oder als sicherere Hafen gilt: Immobilien, Beteiligungen an Unternehmen, land- und forstwirtschaftliche Fläche.“ Gerade im letzteren Bereich hätten die Preise enorm zugelegt und die laufenden Erträge in den Promille-Bereich gedrückt

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Außerordentlich sei aber auch der Anstieg der Immobilienpreise. Bei Preisen vom 50fachen der Nettokaltmiete wie in München könnten sich Normalverdiener Immobilien in guten Lagen kaum leisten. Und weil diese so teuer seien, mache das Aktien immer noch vergleichsweise attraktiv. Die Papiere böten vergleichsweise mehr Sicherheit und Ertrag: „Der Technologie-Index Nasdaq-100 hat aufgrund der vielen Krisen-Profiteure im Index zuletzt einen Allzeithochbereich erreicht und weiteres Wachstum ist hier möglich.“

          Das System mit der Droge funktioniert

          Auch das vom manchen befürchtete andere Extrem einer Deflation sieht von Bechtolsheim nicht. Dem stünden die massiven Ausgaben der Staaten und Notenbanken entgegen. Es gibt anderes, was er eher fürchtet und das ist die Idee, Staatshaushalte und Wirtschaft auf Entzug von der Droge Liquidität zu setzen.„Das System mit der Droge Liquidität funktioniert bisher. Das muss man am Leben erhalten. Eine Rückführung wäre unkontrollierbar.“ Als Erstes, sagt von Bechtolsheim, würde dies zu einem Zusammenbruch der Schwellenländer führen. Denn wenn das Geld zur Schuldentilgung verwendet würde und nicht zum Kauf von Gütern und Dienstleistungen, fehle die Nachfrage, Das aber würde Millionen kleiner Produzenten in diesen Staaten in ihrer Existenz bedrohen.

          Eine Tilgung der aufgehäuften Schulden wäre fatal, sagt der Vermögensverwalter, auch für die sparenden Länder. Die Geldmenge M3 würde massiv schrumpfen, die Arbeitslosigkeit im Gegenzug deutlich steigen. Doch er setzt auf die Einsichts- und Lernfähigkeit der Politik: „Nach den Erfahrungen aus dem 20. Jahrhundert, in der eine vordergründig stabilitätsorientierte Politik zur Radikalisierung der Gesellschaft beigetragen hat, ist diese konstruktiver geworden.“

          Eine weiter expansive Geldpolitik sei so lange kein Problem, solange es nicht zu einer Unwucht zwischen den Währungsräumen komme. Dies sei aber nicht zu erwarten: „Die Geldpolitik ist in den Vereinigten Staaten noch lockerer; und China will Amerika schwächen und zieht deswegen mit. So lange der Euro glaubwürdig bleibt, gibt es kein Problem. Und so lange Steuern in Euro bezahlt werden, bleibt dessen große Rolle im Binnenverhältnis erhalten.“

          Die tilgungslose Corona-Anleihe als Krisenlöser

          Der Weg aus der aktuellen Krise führe eigentlich über globales Gelddrucken, sagt von Bechtolsheim. „Die Staaten könnten Anleihen auflegen, die komplett von den Notenbanken übernommen und später ersatzlos ausgebucht werden. Alternativ würde das auch mit einer ewigen oder hundertjährigen Anleihe gehen. Auf die Steuerzahler hätte das keine Auswirkungen, weil man eine Notenbank, welche die Geldmenge steuert, nicht rekapitalisieren muss.“

          Von zentraler Bedeutung seien dabei Gläubiger und Laufzeit. Werde die Anleihe an den Kapitalmarkt verkauft, könnten die Inhaber der Papiere im Fall steigender Zinsen ein massives Bewertungsproblem bekommen. Eine Anleihe mit kurzer Laufzeit ohne Tilgung könne dagegen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Notenbank hervorrufen. „Aber eine ‚Corona-Anleihe‘ im Portfolio der Notenbank, die 2120 ersatzlos ausgebucht wird, würde dann niemand stören.“

          Nur hinsichtlich der Durchsetzbarkeit ist von Bechtolsheim weniger zuversichtlich – Deutschland und andere der Sparsamkeit verschriebene Euro-Länder, die “Sparsamen Vier“ wären wohl dagegen. „Im aktuellen pandemischen Umfeld wäre aber vielleicht etwas möglich. Die Politik muss dazu lernen. Wir haben alle etwas anderes gelernt, aber man muss neue Wege gehen, weil sich die Welt verändert.“

          Das betreffe auch die Vermögensbildung. „Die ungleiche Vermögensverteilung ist ein gesellschaftliches Problem, das sich auf Dauer nicht durchhalten lässt. Deswegen sollte der Staat Unternehmensbeteiligungen von Arbeitnehmern stärker fördern, als Mitarbeiteraktien wäre dies politisch wohl am ehesten durchsetzbar.“ Aber auch dies sei angesichts des Vertrauens in eine gesetzliche Rentenversicherung, die rechtlich immer gut funktioniert habe und der Angst vor zwischenzeitlichen Kursschwankungen ein kaum zu lösendes Dilemma – auch wenn die Rationalität in jedem Fall für einen langfristigen Aktiensparplan spreche.

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