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Scherbaums Börse : Medios – Abseits der großen Pharma-Aktien

  • -Aktualisiert am

Gute Besserung: Manchmal kommt es weniger auf standardisierte als vielmehr auf individuelle Medikamente an Bild: dpa

Unter Anlegern zählen Pharma-Aktien selten zu den großen Geheimtipps. Ein Blick in die zweite Reihe der deutschen Branchenvertreter ist aber spannend, wenn es um lukrative „Specialty Pharmazeutika“ geht.

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          In Zeiten der weltweiten Corona-Pandemie scheint der Kampf gegen andere Krankheiten ein bisschen in den Hintergrund gerückt zu sein. Dies heißt jedoch nicht, dass er nicht weitergeführt wird. Das Berliner Unternehmen Medios, ein Anbieter von „Specialty Pharmazeutika“, ist zum Beispiel am Kampf gegen seltene oder chronische Erkrankungen wie Krebs, HIV und Hepatitis beteiligt.

          Bei „Specialty Pharmazeutika“ handelt es sich um Medikamente für eben solche Patienten mit seltenen oder chronischen Erkrankungen. Deren oft personalisierte Therapie ist wegen der individuellen Anforderungen langwierig und kostenintensiv. Medikamente können schon einmal Stückpreise von mehr als 1000 Euro aufweisen. Die Kombination von Großhändler und Hersteller macht Medios in der Pharmaindustrie einzigartig. Daher dürften die Berliner auch nach COVID-19 einiges zu tun haben.

          Wichtige Übernahme vollzogen

          Um sich für die Zukunft zu wappnen, hat Medios jüngst die NewCo Pharma Gruppe übernommen. Die zu diesem Zweck durchgeführte Kapitalerhöhung schmeckte Anlegern zwar nicht, langfristig sollte die Übernahme jedoch einiges an Potential bereithalten. Am 11. Januar 2022 wurde nun der erfolgreiche Abschluss der Akquisition vermeldet.

          Christoph Scherbaum
          Christoph Scherbaum : Bild: Christoph Scherbaum

          Mit der Übernahme geht für Medios ein deutlicher Ausbau der Marktposition im Segment patientenindividuelle Therapien einher. Dies ist besonders erfreulich, da dieser Geschäftsbereich von Medios in der Vergangenheit ohnehin besonders margenstark war. Laut Medios-Vorstandschef Matthias Gärtner wird das attraktive Geschäft mit patientenindividuellen Therapien zur Behandlung von seltenen und chronischen Krankheiten mit der Übernahme von NewCo Pharma sogar verdreifacht. Denn Medios erhöht mit dem Deal die Zahl der Partnerapotheken und erreicht eine bessere regionale Abdeckung.

          Die NewCo Pharma Gruppe ist ein nationales Netzwerk mit fünf regionalen Herstellbetrieben und Großhandel, der regionale Schwerpunkt liegt in Nord-, West- und Süddeutschland. In der Regel werden patientenindividuelle Infusionslösungen im Auftrag spezialisierter Apotheken hergestellt. Mit der Übernahme wächst das Partnernetzwerk von Medios von derzeit 550 auf dann rund 600 spezialisierte Apotheken.

          Ambitionierte Ziele

          Die höhere Anzahl von Herstellbetrieben sorgt unter anderem dafür, dass die Belieferung von Apotheken mit patientenindividuellen Infusionslösungen in ganz Deutschland noch sehr viel schneller erfolgen kann, was letztlich auch für die Patienten von großem Vorteil ist. Anvisiert wird für das Jahr 2022 konzernweit in etwa eine Verdreifachung der Produktion auf mehr als 300.000.

          Die jüngste Übernahme hat auch dafür gesorgt, dass sich Medios bei Umsatz und Ergebnis ambitionierte Ziele gesetzt hat. Im Geschäftsjahr 2022 soll die 1,5-Milliarden-Euro-Umsatzmarke geknackt werden. Darüber hinaus soll die um Sonderaufwendungen für Aktienoptionen, M&A-Aktivitäten und Abschreibungen auf den Kundenstamm bereinigte EBITDA-Marge auf deutlich mehr als 3 Prozent gesteigert werden.

          Für Anleger mit einem Fokus auf den Pharma- und Biotech-Bereich könnte die Medios-Aktie interessant sein – auch wenn bei der Aktie zwischenzeitliche, kräftige Rückschläge einkalkuliert werden müssen. Das zeigt zumindest die jüngste Historie.

          Volatile, aber steile Aufwärtsbewegung

          Nach dem sogenannten Reverse IPO zum Jahresende 2016, bei dem das operative Geschäft der Medios Gruppe in einen schon vorhandenen Börsenmantel eingebracht wurde, startete die Medios-Aktie eine volatile, aber steile Aufwärtsbewegung. Dabei konnte sich der Kurs in den folgenden dreieinhalb Jahren mehr als verfünffachen und erreichte im Mai 2020 den bisherigen Höchststand bei 42 Euro. Im Anschluss folgte ein scharfer Kurseinbruch bis zum Oktober 2020 auf 23,70 Euro.

          MEDIOS AG O.N.

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          Nach einem abermaligen steilen Anstieg bis zum Januar 2021 auf rund 41 Euro ging die Medios-Aktie in einen Seitwärtslauf über, der bis heute andauert. Charttechnisch wird es wieder spannend, wenn das Hoch aus dem Mai des vergangenen Jahres bei 42 Euro überwunden wird. Mittelfristig beträgt das nächste Etappenziel dann 50 Euro.

          Trotz der besagten zwischenzeitlichen Kursvolatilität fällt die Bilanz der zurückliegenden Jahre insgesamt sehr positiv aus. Seit dem Börsengang im Jahr 2016 errechnet sich bei dem Nebenwert ein Kursgewinn von durchschnittlich 37 Prozent im Jahr, womit sich ein Investment beinahe verfünffacht hätte. Eine nicht vorhandene Dividendenrendite und ein doch recht hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) dürfte da für die wenigsten pharma-affinen Anleger Gründe sein, die Aktie der Berliner nicht näher in den Fokus zu nehmen.

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