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Ein Stück Finanzgeschichte : Paul Volckers Gespür fürs Geld

Paul Volcker war von 1979 bis 1987 Vorsitzender des Federal Reserve System der Vereinigten Staaten. Bild: AFP

Er ist 91 und eine lebende Legende: Notenbanker Paul Volcker hat die Inflation besiegt und die Banken gezähmt.

          Berufswünsche haben oftmals eine eigenwillige Entstehungsgeschichte. Paul Adolph Volcker, als Nachfahre deutscher Einwanderer in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in einem Städtchen in New Jersey aufgewachsen, erinnert sich noch heute genau daran, wie sich die Sache bei ihm zugetragen hat.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dank guter Noten hatte es der jüngste Bruder dreier Schwestern geschafft, einen College-Platz in Princeton zu ergattern, in einer der besten Universitäten der Vereinigten Staaten. Volcker war sich noch nicht wirklich sicher, was genau er dort studieren würde, als ihn seine Mutter vor vollendete Tatsachen stellte. 25 Dollar pro Monat würde der junge Mann von seinen Eltern zum Leben erhalten, genau so viel wie alle seine teilweise deutlich älteren Schwestern während ihrer Studienzeit auch.

          Volcker protestierte. Er suchte Hilfe bei seinen Schwestern, doch die Entscheidung der Mutter stand fest: 25 Dollar, mehr nicht. Dabei hatten sich die Preise in Amerika seit der Studienzeit der Schwestern verdoppelt. „Ich lernte so, was es mit dem Begriff der Geldwertillusion auf sich hat“, schreibt Volcker in seinen Memoiren, die in diesen Tagen in den Vereinigten Staaten erschienen sind (Keeping at it: The Quest for Sound Money and Good Government; Public Affairs; 22 Dollar). Auch wenn er den Begriff damals noch nicht kannte, stand seine Studienentscheidung fest: Er wollte über Geld nachdenken und natürlich auch ein bisschen Geld verdienen.

          Es war damals noch nicht abzusehen, dass Volcker es Jahre später tatsächlich zu einer Position bringen würde, in der dieses Nachdenken über Geld das Wohl und Wehe der ganzen Nation beeinflusst: Acht Jahre lang, von 1979 bis 1987, war der großgewachsene Mann aus New Jersey Präsident der mächtigsten Zentralbank der Welt – der amerikanischen Fed. Dies ist lange her, trotzdem gibt es Gründe, warum man Volcker auch heute noch zuhören sollte.

          Volckers Lebensthema

          Denn zum einen lässt sich von ihm lernen, wie sich eine der größten finanziellen Ängste der Deutschen in Schach halten lässt – die Rede ist von der Inflation, die zuletzt auch in Deutschland wieder auf einen beachtlichen Wert von 2,5 Prozent gestiegen ist. Und zum anderen zeigt Volckers Wirken exemplarisch, wie schwierig es ist, unser Finanzsystem wirklich sicherer zu machen, weniger anfällig gegen Krisen. Dies ist Volckers Lebensthema: Mit Ausnahme Donald Trumps hat er alle amerikanischen Präsidenten seit Lyndon B. Johnson, der 1963 ins Amt kam, darin beraten.

          Darüber hinaus lernt man in seinem Buch viele spannende Figuren der jüngeren Weltgeschichte aus nächster Nähe kennen: Staatspräsidenten, Kanzler und Banker. Fast jeden, der in der Welt des Geldes und in der Politik etwas zu sagen hat oder zu sagen hatte, hat Volcker in seinem langen Leben schon einmal getroffen. Er schildert mit trockenem Humor, ist dabei aber nie verletzend und zeigt viel Selbstironie.

          Für jeden Notenbank-Chef ist der Moment seiner Berufung ein besonderer, im Falle Volckers fand er aber unter eher ungewöhnlichen Umständen statt. Volcker hatte abends zuvor lange mit Freunden zusammengesessen und lag darum am nächsten Morgen noch im Bett, als um 7.30 Uhr das Telefon klingelte. Am Apparat war Jimmy Carter, im Jahr 1979 Präsident der Vereinigten Staaten. „Wollen Sie Präsident der Fed werden?“ Mehr als ein schlaftrunkenes „Ja“ sei ihm nicht über die Lippen gekommen, erzählt Volcker.

          Zum damaligen Zeitpunkt war er Chef der regionalen New Yorker Notenbank. Er hatte eigentlich nicht mehr damit gerechnet, noch eine Chance auf das Amt zu haben. In einer Art Bewerbungsgespräch hatte er Carter tags zuvor seine Vorhaben präsentiert. Die Liste war denkbar kurz, Volcker brauchte nicht einmal eine Minute, um sie vorzutragen. Erstens: die Unabhängigkeit der Zentralbank verteidigen. Zweitens: die Inflation stärker bekämpfen.

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