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Börse in Zürich : Partystimmung am Schweizer Aktienmarkt

An der Börse in Zürich erreichte der SMI ein Rekordhoch. Bild: dpa

Der Schweizer Aktienleitindex SMI erreicht ein Rekordhoch. Seit Beginn dieses Jahres ist der Index um fast 16 Prozent gestiegen. Wird die Luft jetzt langsam dünn?

          Am Schweizer Aktienmarkt herrscht Partylaune. Der Swiss Market Index (SMI), der die 20 bedeutendsten Schweizer Unternehmen umfasst, hat im Verlauf des Dienstags die Marke von 9780 Punkten überschritten und damit einen historischen Höchststand erreicht. Seit Beginn dieses Jahres ist der Leitindex um fast 16 Prozent gestiegen.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Damit schnitt er bislang ähnlich gut ab wie Dax und Eurostoxx. Auch die Treiber der Aufwärtsentwicklung sind in der Schweiz dieselben wie Europa: Die Zentralbanken belassen die Zinsen auf niedrigstem Niveau. Daher bleiben Anlagen in Aktien trotz der konjunkturellen Eintrübung attraktiv.

          Die gute Stimmung verhalf auch dem Börsenneuling Alcon zu einem guten Start: Der von Novartis vor drei Wochen abgespaltene Spezialist für die Behandlung von Augenleiden schaffte es aus dem Stand zu einem Marktwert von 28 Milliarden Franken und ergatterte postwendend einen Platz im SMI. Auch Stadler Rail gelang der Sprung an die Börse. Die Aktie des Waggonbauers notiert bei 43 Franken. Erfreulich für Erstzeichner: Der Emissionspreises betrug 38 Franken.

          Nestlé gehört zu den größten Gewinnern

          Zu den größten Gewinnern zählt bisher Nestlé. Seit Jahresbeginn hat der Aktienkurs des größten Nahrungsmittelkonzerns der Welt um 22 Prozent auf fast 98 Franken zugelegt. Dabei spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle: Der von Konzernchef Ulf Mark Schneider eingeleitete Umbau beginnt Früchte zu tragen; der träge gewordene Riese nimmt Tempo auf. Zugleich profitierte Nestlé von dem Drang der Investoren in defensive Titel, also in Unternehmen, die weitgehend unabhängig von konjunkturellen Schwankungen agieren. Im April gab es indes einen Umschwung hin zu zyklischen Aktien. Das dürfte erklären, warum der Aufwind für Nestlé an der Börse im zurückliegenden Monat deutlich abgeflaut ist.

          Für Johan Uttermann, Aktienspezialist bei der Genfer Privatbank Lombard Odier, ist es indes nicht ausgemacht, dass sich die gute Entwicklung zyklischer Werte fortsetzen wird. Schließlich habe sich der Abschwung in Europas Industrie zuletzt verschärft. Bedenken hat Uttermann insbesondere bezüglich Unternehmen, die stark im Automobil- und Halbleitersektor unterwegs sind.

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          Aufwärtspotential sieht er hingegen bei zwei Schweizer Unternehmen aus der zweiten Reihe: Sika und Temenos. Sika ist ein Spezialitätenchemiekonzern, der Autoherstellern mittels innovativer Produkte dabei helfe, die Fahrzeugemissionen zu senken. Temenos habe eine Software entwickelt, welche die IT-Kosten von Banken erheblich verringere.

          Bankenwerte erholen sich

          Stichwort Banken: 2018 gehörten UBS und Credit Suisse zu den größten Verlierern im Schweizer Aktienmarkt. Im laufenden Jahr haben die Kurse der beiden Großbanken hingegen um 12 Prozent und 27 Prozent zugelegt. Lange Zeit hätten unter anderem die niedrigen Zinsen auf die Aktienkurse der Banken gedrückt. „Inzwischen erkennen Investoren aber, dass viele Bankaktien unterhalb ihres Buchwerts gehandelt werden, und greifen zu“, sagt die Lombard-Odier-Analystin Amy Ils. Insgesamt betrachtet, ist die Luft im Schweizer Aktienmarkt ihrer Ansicht nach aber inzwischen ziemlich dünn: „Nach dem starken Start ins Jahr sehen wir jetzt nur noch ein begrenztes Aufwärtspotential im SMI.“

          Die Schweiz ist als offene, exportstarke Volkswirtschaft, die eng mit dem Rest der Welt verbunden ist, besonders abhängig von einem florierenden internationalen Warenaustausch. Von einer dauerhaften Abschwächung des Welthandels wäre das kleine Land also härter betroffen als Staaten mit einem großen Binnenmarkt. Samy Chaar, Chefökonom von Lombard Odier, ist allerdings guter Hoffnung, dass sich die Lage wieder aufhellt: „Sofern der Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China beigelegt wird und es nicht zu einem harten Brexit kommt, wird sich der internationale Handel wieder erholen. Und davon profitieren dann auch die Schweizer Unternehmen.“

          Aber was ist mit den Knüppeln, die sich die Schweiz möglicherweise selbst zwischen die Füße wirft? Die Regierung zögert, den auf dem Tisch liegenden Rahmenvertrag zu unterzeichnen, mit dem die Beziehungen zur EU auf eine solidere und ausbaufähige Basis gestellt werden sollen. Ein Scheitern dieses Abkommens würde die gute Anbindung des Landes an den europäischen Binnenmarkt schleichend verschlechtern und für Rechtsunsicherheit sorgen.

          Das könnte über kurz oder lang auch die Aktienkurse belasten. Chaar ist jedoch davon überzeugt, dass die Schweizer dem Vertrag trotz aller Bedenken am Ende zustimmen: „Die EU ist die größte Handelszone der Welt. Folglich hat die Schweiz gar keine andere Wahl, als möglichst nah an der EU zu bleiben. Zumal die EU im Vergleich zu den beiden anderen großen Handelsblöcken China und Amerika der vermutlich angenehmere Partner ist.“

          Um einen Dauerbrenner in der Schweizer Wirtschaft ist es indes ziemlich ruhig geworden: den Wechselkurs. Mit dem aktuellen Kurs von 1,14 Franken je Euro können die meisten Unternehmen gut leben. Und der Ökonom Chaar glaubt auch nicht, dass der Franken demnächst wieder stärker wird. Da sei die Schweizerische Nationalbank davor. „Sie wird die Zinsen nicht so bald erhöhen, um die Zinsdifferenz zur Eurozone aufrechtzuerhalten und so die Flucht in den Schweizer Währungsraum möglichst unattraktiv zu machen.“

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