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Aktie fällt weiter : Osram zwischen Himmel und Hölle

Die Zukunft des Lichtkonzerns Osram sieht aktuell eher wenig leuchtend aus: CEO Olaf Berlien versucht zuletzt im November mit einer Strategieanpassung, dem Unternehmen wieder Schwung zu verleihen. Bild: Reuters

Der Lichttechnik-Konzern sorgt für feinste Illumination im Vatikan – gerät an der Börse wegen schlechter Geschäfte jedoch immer stärker unter Druck. Auch eine Strategieanpassung konnte bisher wenig helfen.

          Gerne berichtet Osram, wenn es um Flutlichtlösungen geht oder – wie dieser Tage – um die himmlische Illumination des Petersdoms in Rom mit neuster Lichtdioden-Technik des Münchner Lichttechnik-Konzerns. Nebensächlichkeiten wie der missratene Auftakt in das neue Geschäftsjahr mit einem veritablen Gewinneinbruch müssen nicht an die große Glocke im Vatikan gehängt werden; da reicht eine knappe Ad-hoc-Pflichtmitteilung, Mittwoch Nacht um 23.46 Uhr. Der Abbau von 300 Stellen und von 240 Zeitarbeitern im Opto-Halbleiterwerk in Regensburg verdiente aus Unternehmenssicht erst keine Erwähnung.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Dabei hat letztere Nachricht am Donnerstag doch glatt den Kurs des M-Dax-Wertes aus dem Tagestief gerissen. Mit dem Bekanntwerden der vorläufigen Quartalszahlen reagierte die Börse zunächst mit einem Kursminus von 3 Prozent, um mit einem Plus von knapp 3 Prozent zu schließen. Die aus der Betriebsversammlung durchgesickerten Nachrichten untermauerten schließlich die Entschlossenheit, mit einer „Reihe von Gegenmaßnahmen“ als Reaktion auf ein unerwartet schlecht verlaufenes erstes Quartal zu sparen, besonders mit erheblichen Umstrukturierungen im einst hoffnungsvollen Geschäft Opto Semiconductor.

          Kursbeben bleibt aus

          Wobei: Die Kurserholung von bis zu 3 Prozent am Donnerstag ist relativ. Die Osram-Aktie halbierte nahezu ihren Wert von 74 Euro Anfang 2018 auf heute 39 Euro. Sie gehörte damit zu den großen Börsenverlierern des vergangenen Jahres.

          Vorstandschef Olaf Berlien war im Vatikan zugegen, als in München möglichst unauffällig konzediert werden musste, dass es mit der Strategie des Unternehmens nicht gut bestellt ist. In allen drei Konzernbereichen, Speziallicht (Automobil-Beleuchtung), optische Halbleiter sowie der neuen Sparte Digital (intelligente Lichtsysteme etwa für Gebäude) gibt es deutliche Rückgänge. Wie berichtet (F.A.Z. vom 25. Januar), ging der Umsatz aus fortgeführten Geschäften im Konzern im ersten Quartal 2018/2019 (30. September) um 15 Prozent auf 828 Millionen Euro zurück. Die Umsatzrendite bezogen auf das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) brach von 18,5 auf 11,3 Prozent ein. In absoluten Zahlen bedeutet das einen Rückgang von 46 Prozent im operativen Ergebnis auf 94 Millionen Euro. Unter den Umständen sieht das Unternehmen die Jahresprognose „unter dem Vorbehalt einer Belebung des Auftragseingangs“. Das anvisierte Band einer Ebitda-Marge von 12 bis 14 Prozent jedenfalls ist schon in den ersten drei Monaten unterschritten worden; vom erhofften moderaten Umsatzwachstum ganz abgesehen.

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          1 28212180 OSRAM LICHT AG NA O.N.
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          Überraschend kam für Investoren und Analysten die aktuelle Lage nicht. Daher blieb das Kursbeben an der Börse aus. Das erlebte die Aktie schon am 10. Januar mit einem Minus von bis zu 9 Prozent. Es war die harte Reaktion auf ein Interview von Berlien, mit dem er die Märkte auf Ungemach einstimmen wollte. Die damals geäußerte Erkenntnis über einen unerwartet schwachen Jahresauftakt hätte Osram eigentlich, wie die Börsenreaktion zeigte, mit den Investoren per Pflichtmitteilung teilen sollen. Nach wie vor prüft die Finanzaufsicht Bafin den Vorgang.

          Abwarten und beobachten lautet die Devise

          Mehr noch als Anfang November 2018 scheint die Anlegergemeinde alarmiert zu sein. Damals hatte Osram schon sein mittelfristig angestrebtes Umsatzziel von 5 Milliarden Euro (2017/2018: 4,1 Milliarden Euro) um drei Jahre auf 2023 verschoben. Die vorgestellte neue Strategie mit einem breiteren, von den Autoindustrie-Kunden weniger abhängigen Geschäftsmodell sowie einer neuen Organisationsstruktur kam nicht an; zu unkonkret, zu sehr behaftet mit Schlagworten. Damals musste schon ein Strauß von Ursachen zur Begründung für die schwierige Lage herhalten: schwache Auftragslage aus der Autoindustrie (Umsatzanteil von 50 Prozent), zögerliche Nachfrage in der Elektronikindustrie (Smartphones) sowie in der Allgemeinbeleuchtung, Wachstumsschwäche in China, der Handelsstreit und allgemeine politische Unsicherheiten.

          Vergessen waren die einst verkündeten Strategien gewesen, mit einer Investition von bis zu 1 Milliarde Euro in optische Halbleiter inklusive einer neuen Massen-Chipfertigung in Malaysia. Schon im November 2015 schockierte Berlien die Börse mit dieser wenig überzeugenden, nun womöglich fehlschlagenden Neuausrichtung. Die im November präsentierte Strategieanpassung verpuffte als Signal an die Börse.

          Stattdessen trieben Spekulationen den Aktienkurs, wonach aktivistische Hedgefonds billig eingestiegen seien und versuchten, das Ruder zu übernehmen. Berlien sagt dazu nichts. Er kann sich aber vorstellen – und womöglich wünscht er sich derzeit nichts sehnlicher –, dass ein strategisch motivierter Ankerinvestor für mehr Stabilität im breitgestreuten Aktionariat sorgen könnte. Versteht sich von selbst, dass Berlien in derlei Konstruktion das Sagen behalten möchte.

          Abwarten und beobachten, lautet die Devise der meisten Analysten – noch. Die waren ohnedies vorgewarnt und von den Nachrichten nicht überrascht, auch wenn das Ausmaß beträchtlich ist. Nur fünf Beobachter empfehlen laut Bloomberg die Aktie zum Kauf, nicht zuletzt wegen des Potentials aufgrund der Übernahmephantasie und des geringen Kursniveaus. Die große Mehrheit von elf Analysten stellt die Titel auf „halten“ oder „neutral“, nur drei empfehlen den Verkauf. Immerhin, sagt Charlotte Friedrichs von der Berenberg Bank, sei eine Gewinnwarnung nicht ausgesprochen worden, schließt sie im weiteren Verlauf aber nicht aus. Die Ziele seien nun doch sehr ambitioniert.

          Am 7. Februar stellt Osram-Chef Berlien die Zahlen für das erste Quartal vor. Der Druck nimmt zu, schnell Ergebnisse vorzuweisen, um auf den Pfad der Wettbewerbsfähigkeit zurückzukehren. Himmlischer Segen aus dem Vatikan wird ihm da wenig helfen.

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