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Westwing-Börsengang : Das aufgemöbelte Depot

Stefan Smalla und Delia Fischer, die Gründer des Internet-Einrichtungshauses Westwing. 90 Prozent der Kunden sind Frauen. Bild: Tobias Schmitt

Der Online-Möbelhändler Westwing geht diese Woche an die Börse. Vieles spricht dafür, dass er erfolgreicher wird als der Konkurrent Home24.

          Einkaufen im Internet ist in. Ob Kleidung, Elektronik oder Lebensmittel: Alle lieben es, ihre Einkäufe online zu erledigen. Die riesige Auswahl und der schnelle Preisvergleich treiben das Wachstum. Zwar liegen Möbel im Vergleich zu anderen Konsumgütern noch weit hinten, doch die Entwicklung zeigt: Das Interesse daran steigt. Wer könnte es dem Kunden verdenken, ist es doch schlicht bequem, die Couch, von der sonst die Kleider geshoppt werden, auch gleich zu ersetzen.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Auch Westwing, ein 2011 gegründetes Start-up aus München, verkauft Möbel im Internet. Es gehört zur Gruppe der Unternehmen von Rocket Internet, das 32 Prozent der Anteile hält. Von seinen Konkurrenten wie Home24 und den großen Mitspielern um Ikea grenzt sich Westwing aber ab. Die Münchner bieten ihren Kunden nicht nur einen Online-Shop mit kurzen Lieferzeiten und konstanten Preisen. Sie veröffentlichen zudem jeden Tag eine Art kleines Online-Magazin, in dem die neuesten Trends der Inneneinrichtung vorgestellt werden.

          Dahinter steht eine Plattform: Je nach Kundeninteresse an den vorgestellten Produkten kauft Westwing die Möbel dann von den Unternehmen auf der ganzen Welt ein und liefert sie an die Kunden aus. Da kann es schon mal drei Wochen dauern, bis der Wandschmuck aus Kenia endlich das heimische Wohnzimmer verschönert. Am Umsatz des Unternehmens machen die eigentlichen Möbel nur 30 Prozent aus. Die Kunden, bei Westwing zu 90 Prozent weiblich, suchen vor allem nach Vorhängen, Teppichen, Küchenartikeln, Leuchten und „Stehrümchen“, die zwar schön anzusehen sind, aber keinen Zweck erfüllen.

          Das Umsatzwachstum von Home24 bleibt hinter den Prognosen zurück

          Der wirtschaftliche Erfolg von Westwing kann sich sehen lassen: In den ersten sechs Monaten machten die Münchner einen Umsatz von 120 Millionen Euro, was einem Wachstum von 22 Prozent entspricht. Die Umsatzrendite lag bei zwei Prozent. Bis zum Jahresende will das Möbel-Unternehmen 250 Millionen Euro umsetzen. Die Chancen dafür stehen gut: Der Online-Markt wächst, auch im Möbel-Segment. Einer Studie zufolge bevorzugen 34 Prozent der Befragten inzwischen den Möbelkauf im Internet. Hinzu kommt, dass Westwing neben Möbeln aus aller Welt inzwischen auch verstärkt Eigenmarken im Sortiment hat. Und die sind ein Plus für die Profitabilität des Unternehmens. Eine gute Basis für Westwing, das seit drei Quartalen schwarze Zahlen schreibt.

          HOME24 SE INH O.N.

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          Der nun geplante Börsengang könnte zum Erfolg werden. Schon jetzt zeichnet sich ein großes Interesse der Anleger ab: Ursprünglich sollte die Angebotsfrist am 10. Oktober enden. Durch die hohe Nachfrage hat Westwing den Gang aufs Parkett nun beschleunigt. Die Frist endet nun bereits am morgigen Montag, erster Handelstag ist der Dienstag. Bis zu 147 Millionen Euro soll der Börsengang einbringen – überwiegend für die weitere Expansion im Ausland und die Tilgung der Schulden. Die begleitenden Banken, Berenberg und Citigroup, äußerten sich am Freitag zuversichtlich, dass die Aktien in der oberen Hälfte der Preisspanne von 23 bis 29 Euro verkauft werden. Plaziert werden sollen fünf Millionen Aktien. Bis zu 25 Prozent des Eigenkapitals würden sich so nach dem Börsengang in Streubesitz befinden.

          Dass Eigentümer wie Rocket Internet keine Aktien abgeben, wird als positives Zeichen gewertet. Offenbar glauben die bisherigen Investoren an das Geschäftskonzept von Westwing. Das allerdings glaubten sie auch beim Börsengang des anderen Rocket-Möbelhändlers Home24. Und dessen Börsenkarriere ist alles andere als beeindruckend. Seit dem Börsenstart im Juni hat der Kurs 21 Prozent eingebüßt. Analysten passten das Kursziel inzwischen an. Die Investmentbank Goldman Sachs senkte das Kursziel von 30 auf 26 Euro.

          Im Juli trennte sich Westwing von drei Märkten

          Der Grund: Das Umsatzwachstum von Home24 bleibt hinter den Prognosen zurück, der Verlust wurde vergrößert, und obendrein kassierten die Geschäftsführer auch noch das Profitabilitätsziel für 2018. Zwar gebe es kurzfristig ordentlich Gegenwind für Home24, schreibt Tushar Jain von Goldman Sachs in seiner jüngsten Analyse, jedoch sei langfristig mit einem attraktiven Wachstumspotential zu rechnen. Wenn Start-ups an die Börse gehen, dann erwarten die Anleger genau das: starkes Wachstum. Home24 erreichte zwar im ersten Halbjahr 2018 ein Wachstum von 14 Prozent, wird das für das Gesamtjahr ausgegebene Ziel von 30 Prozent jedoch deutlich verfehlen. Derzeit sieht es da für Westwing besser aus.

          Einen ersten Börsengang musste Westwing vor zwei Jahren bereits wegen schlechter Geschäftszahlen verschieben. Im Juli trennte sich das Unternehmen von drei Märkten. Die Geschäfte in Russland, Brasilien und Kasachstan wurden verkauft. Man wolle sich auf das Europa-Geschäft konzentrieren, hieß es damals. Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz erwirtschaftet Westwing die Hälfte seiner Erlöse. Der Schritt erscheint demnach zunächst nachvollziehbar. Überzeugen dürfte die Analysten daneben auch das Bestreben der Münchner, Personalkosten zu sparen, Stellen abzubauen und effizienter zu wirtschaften.

          Aus der zwar kurzen, aber enttäuschenden Börsengeschichte seines Rocket-Bruders Home24 dürften die Verantwortlichen gelernt haben. Es spricht vieles für einen Börsenerfolg des Neulings: starkes Wachstum, Konzentration auf die Kernmärkte und das hohe Interesse der Investoren im Vorfeld. Über den langfristigen Erfolg an der Börse werden am Ende die kommenden Geschäftszahlen entscheiden.

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