https://www.faz.net/-gv6-9dv25

Absturz der Lira : Wie die Schwellenländer in die Krise rutschen

In der Krise: Nicht nur der türkischen Lira geht es in diesen Tagen immer schlechter. Bild: Reuters

Immer mehr Schwellenländer scheinen in die Krise zu rutschen. Trotz Donald Trump und steigenden Dollarzinsen sind die Ursachen häufig national. Doch es gibt einen gemeinsamen Nenner.

          Die Währungskrise in der Türkei droht in eine veritable Schwellenländerkrise zu münden. Auch am Donnerstag wertet die Lira weiter ab: Bei 6,66 Lira für den Dollar kostet dieser abermals 20 Kuruş mehr als am Vorabend. Damit steuert die Lira weiter auf ihr Allzeittief von 6,93 Lira für den Dollar zu, das sie vor rund zwei Wochen erreicht hatte, bevor das islamische Opferfest dem Devisenhandel in der Türkei eine Zwangspause verpasste.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Problem der Ansteckung ist dabei nicht, dass die Türkei für die heterogene Gruppe der Schwellenländer von so großer Bedeutung wäre. Vielmehr ist es die Risikoreduzierung der Anleger – nicht nur in den Industrieländern –, die auf schwere Politikfehler trifft.

          Macris großer Fehler

          Den vielleicht schwersten Fehler beging am Vortag der argentinische Präsident Macri. Dieser hatte in einer im Fernsehen übertragenen Rede verkündet, dass das Land den Internationalen Währungsfonds (IWF) gebeten habe, eine ohnehin vereinbarte Kreditlinie von 50 Milliarden Dollar rascher auszuzahlen.

          Macri hatte damit Zahlungsfähigkeit demonstrieren wollen. Doch was bei den Investoren ankam, war die Assoziation: Wenn Argentinien etwas vom IWF erbittet, so droht ein Zahlungsausfall. Es sei ein gutes Beispiel dafür wie Dinge, die helfen sollen, nach hinten losgehen, sagt Tania Escobedo Jacob, Strategin bei RBC Capital Markets der Nachrichtenagentur Bloomberg, und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Der Peso hat seit Mittwochabend von knapp 31,50 Peso für den Dollar auf knapp 34 Peso abgewertet, mithin also um 6 Prozent. Das ist ein massiver Wertverlust für eine Devise.

          USD/ARS

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Dabei muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass die Probleme der Türkei in erster Linie an ihrer eigenen Politik liegen. Der weitere Verfall der Lira kommt daher, dass die Anleger auf eine Zinserhöhung warten. Nicht so sehr, weil sie sich von dieser eine Wunderheilung versprechen, sondern weil dies ein Signal wäre, dass die Nationalbank noch zu einem eigenständigen Handeln in der Lage ist und sich nicht auf weniger augenfällige Maßnahmen wie Grenzen für die Kreditaufnahme am Interbankenmarkt beschränken muss. Je mehr die Anleger den Eindruck gewinnen, Präsident Erdogan, zu dessen Wirtschaftspolitik kein Vertrauen herrscht, bestimme über die Geldpolitik, desto stärker wird die Lira fallen.

          Das hat mit Argentinien überhaupt nichts zu tun – und auch nicht mit dem südafrikanischen Rand, dessen Dollarkurs am Donnerstag abermals von 14,35 auf 14,61 Rand gestiegen ist. Damit hat die Devise seit Februar um 20 Prozent abgewertet. Dabei gibt es keinen aktuellen Anlass.

          USD/TRY

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Doch Südafrika hat viel Glaubwürdigkeit verspielt: Die Korruptionsaffäre um den zurückgetreten Präsidenten Jacob Zuma und die Industriellenfamilie Gupta hat den ANC den Nimbus der Nelson-Mandela-Partei gekostet. Die wirtschaftliche Lage ist gemischt. In dieser Situation aber und angesichts der Krisenszenarien in der Türkei und jetzt auch in Argentinien, belastet die Politik des ANC mehr als sie es zu einer anderen Zeit würde. Die Diskussion um Enteignungen von Agrarland ohne Entschädigung schädigt das angeknackste Vertrauen stärker als es dem ANC bewusst sein mag.

          Auch in anderen Ländern gibt es isolierte Krisenzeichen. Brasilien hat sich aus einer schweren Rezession mühsam heraus gearbeitet. Die anstehende Präsidentschaftswahl im Oktober sorgt für Nervosität. Die Arbeiterpartei PT hat sich als Kandidaten den umstrittenen, wegen Korruptionsvorwürfen inhaftierten Ex-Präsidenten Lula auserkoren. Just diesem trauen aber viele Brasilianer nicht. Die trotzige Wagenburgmentalität seiner Partei trägt dazu bei, das Land zu spalten.

          USD/ZAR

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Auch wenn die Gründe in allen Ländern nicht direkt miteinander in Beziehung stehen, so verbindet sie doch ein Muster. Die Länder schaden sich selbst durch eine trotzige, auf sich selbst gerichtete Politik. Verteilungswohltaten, die nicht zuletzt dem Machterhalt dienen sollen, haben Vorrang vor der Stabilität. Hoffnung ist, das Land zu befrieden, um dann wieder so weiter machen zu können wie früher.

          Just das aber war der grundsätzliche Fehler, der in fast allen Ländern in den frühen 2000er Jahren begangen worden ist, und der in die Situation von heute geführt hat. Der Boom wurde nicht genutzt, um die Länder krisenfester zu machen. Stattdessen hat sich etwa in dieser Zeit die Abhängigkeit der rohstoffexportierenden Länder von diesen vergrößert. Korruption wurde nicht bekämpft, sondern der Reichtum hat diese oft eher befeuert. Politische Reformen unterblieben, weil sie nicht notwendig erschienen. Denn im Boom blieb vom Reichtum für die ärmeren Bevölkerungsschichten noch genug übrig.

          Doch gerade in den vier erwähnten Ländern ist die Arbeitslosigkeit deutlich gestiegen. In der Türkei und in Argentinien hat sich die Inflationsrate in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt und auch in Brasilien und Südafrika ist sie jüngst angestiegen. Beides geht zu Lasten gerade der ärmeren Bevölkerung. Das führt zu kurzsichtigem und kurzfristigem, bisweilen panischem Agieren der Eliten und mehrt eher die Instabilität als es hilft.

          Je mehr Schwellenländer in diesen Strudel geraten, desto mehr werden in diesen hineingezogen, weil die Investoren immer mehr Geld abziehen. So kann aus der Krise eines Landes rasch eine globale werden, ohne dass es letztlich dazu hätte kommen müssen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch neue Ideen legte er in Luxemburg wieder nicht vor. Sein Gespräch mit EU-Kommissionschef Juncker blieb ohne Durchbruch.
          Haus an Haus: Bisweilen liegen Wunsch und Wirklichkeit zumindest räumlich sehr nah.

          Hohe Immobilienpreise : Vom Traumhaus zur Realität

          Die Suche nach Immobilien bringt immer mehr Stress mit sich. Doch vom freistehenden Einfamilienhaus träumen die meisten Deutschen. Und ein Eigenheim hat viele Vorteile.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.