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Österreichs Wirtschaft : Anleger hofieren Wiener Börse

Die Wiener Börse erlebt erfolgreiche Wochen. Bild: Reuters

Zykliker befeuern das Wiener Parkett: Gerade Zentral- und Osteuropa treiben dabei die Wirtschaft der Alpenrepublik an. So verzeichnet Österreichs Leitindex ATX seit Jahresbeginn einen beachtlichen Zuwachs von mehr als einem Drittel.

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          Anleger hofieren derzeit den Randmarkt Wien. Seit Jahresbeginn hat der österreichische Leitindex ATX mit einem Zuwachs von mehr als einem Drittel andere europäische Barometer deutlich abgehängt. Der ATX einschließlich Dividenden (ATX Total Return) ist um rund 34 Prozent gestiegen und damit dreimal mehr als der Dax. Auch der ATX – als Preisindex berechnet – legte um mehr als ein Drittel zu. Hingegen hat der Austro-Börsenindex im vergangenen ersten Jahr der Corona-Pandemie stark eingebüßt.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Dass die Börsianer derzeit Titel aus dem kleinen mitteleuropäischen Land so nachfragen, hängt mit der Zusammensetzung des Leitindex zusammen. Dort sind Banken und Versicherungen stark vertreten sowie zyklisch ausgerichtete Unternehmen. „In konjunkturellen Abschwungphasen wie 2020 verliert der ATX stärker, in Aufschwungphasen kann er infolge der zyklischen Komponente stärker zulegen“, erklärt der Chefanalyst der Erste Group, Fritz Mostböck.

          Österreichischer Leitindex ATX
          Österreichischer Leitindex ATX : Bild: F.A.Z.-Grafik

          Vor allem die Finanzlastigkeit macht den Markt derzeit sehr attraktiv, findet Roland Neuwirth, Fondsmanager von Advisory Invest. Die Banken profitieren von tendenziell steigenden Zinsen in ihrem erweiterten Heimatmarkt, wie die Straffung der Geldpolitik in Zentral- und Osteuropa zeigt. Zugleich gibt es bislang kaum Risikokosten seit Ausbruch der Krise. Das werde auch der vierte Lockdown nicht dramatisch ändern, in dem sich Österreich seit einer Woche bis etwa Mitte Dezember wegen seiner rasant angestiegenen Infektionsentwicklung befindet, glaubt Neuwirth.

          Nur mühsam erreicht die Immunisierung der Bevölkerung die Schwelle von zwei Dritteln. Damit ist sie noch weit entfernt von der Marke von vier Fünfteln, ab der die Ausbreitung in Zaum gehalten werden kann. Auf diese Impfskepsis hat die Regierung von Konservativen und Grünen mit einer Impfpflicht reagiert, die allerdings erst im Februar in Kraft tritt.

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          Markt wird zudem vergleichsweise günstig bewertet

          Neben der Dominanz von Finanzinstituten macht auch die Energielastigkeit einen Teil der Attraktivität aus. Der Pe­trochemiespezialist OMV profitiert von hohen Preisen für Erdöl und Erdgas sowie dem sehr gut laufenden Chemiegeschäft. Auch bei Erdölfeldausstatter SBO ist das Geschäft wieder angesprungen und scheint die Trendwende hinter sich zu haben. Zudem reiten die Energieversorger Verbund und EVN die Strompreisrally, über Kohle und Erdgas und höherem CO2-Preis. Die Post profitiert von zunehmend mehr Paketlieferungen. „Die Versicherer profitieren davon, dass die Leute weniger Auto fahren, aber offensichtlich viel mehr davon, dass sie weniger betrunken fahren“, sagt Neuwirth. Telekom Austria wiederum hat Rückenwind vom vermehrten Arbeiten von zu Hause, wenngleich gleichzeitig jedoch die Einnahmen durch Touristen-Roaming wegfallen.

          Der Markt gilt noch als vergleichsweise günstig bewertet. Erste Group sieht für das laufende Jahr ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10,5 und 10,0 im kommenden Jahr. Als ebenfalls attraktiv bewertet Chefanalyst Mostböck die Dividendenrendite mit 3,6 Prozent und 3,8 Prozent für 2022. Nach dem scharfen Knick im vergangenen Jahr ist das Gewinnwachstum mit fast 150 Prozent nach Einschätzung der Erste Group wieder extrem stark im Anziehen begriffen und dürfte auch im kommenden Jahr leicht anziehen. Wegen des Infektionsgeschehens sind die Wachstumsaussichten aber schwächer als noch im Spätsommer gedacht.

          Konjunktur in Mittel- und Osteuropa schafft gute Aussichten

          Ein bisher vorhergesehener Fünfer vor dem Komma im nächsten Jahr werde es nicht mehr werden, prognostiziert das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Grund dafür ist, dass die Ökonomen mit einem noch schwächeren Jahresstart rechnen, als sie es bisher taten. Für die Wachstumsprognose für dieses Jahr wird sich nicht mehr viel ändern aufgrund des gegenwärtigen Stillstands, meint das WIFO. Die 4,4 Prozent könnten bestehen bleiben, wenn der Lockdown nicht noch strenger oder länger werde.

          Für den Aktienmarkt gibt es weiter positive Aussichten, da die Konjunktur vor allem in Mittel- und Osteuropa wieder im Anziehen begriffen ist und nach wie vor Aufholpotential besteht. „Die Aktie ist infolge der Niedrigstzinsen ohnehin vielfach alternativlos“, argumentiert Mostböck. Österreich könnte sich aufgrund der guten Gewinn-Entwicklung und als Nachzügler auch 2022 ganz gut schlagen, findet Fondsmanager Neuwirth. „4000 Punkte im ATX sind nicht unmöglich.“

          In diesem Umfeld empfiehlt Raiffeisen Bank International Telekom Austria, zudem die Assekuranz Uniqa, den Leuchtenspezialisten Zumtobel sowie den Faserhersteller Lenzing und den Baustoffkonzern Wienerberger.

          Bei Neuwirth steht der Zuckerproduzent Agrana hoch im Kurs wegen der aktuellen Zuckerpreishausse, außerdem der Leiterplattenspezialist AT&S, die Banken Erste Group und Raiffeisen Bank International und den Ölfeldausstatter SBO. Erste Group bevorzugt den Maschinenbauer Andritz mit einem Kursziel von 60 Euro.

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