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Wiener Börse : Österreichs Unternehmen trotzen dem Blues

Wien ist nur nicht für Touristen interessant. Bild: dpa

Auf dem Wiener Börsenparkett profitieren die Anleger wieder von den besseren Aussichten in Osteuropa. Analysten empfehlen diverse ATX-Unternehmen zum Kauf.

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          Wien ist anders. Mit dieser Touristenwerbung machen seit Jahrzehnten die Fremdenverkehrsmanager der Donaumetropole Besucher auf die Stadt aufmerksam. Das Motto gilt auch für das Börsenparkett. Die Wiener Börse kommt in Gang, wenn das Beste an anderen Börsen schon passiert ist. Das ist typisch für Randmärkte. Sie profitieren in Hochphasen der Konjunktur.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Deswegen hat sich der Leitindex ATX von 2015 an relativ gut geschlagen. Dennoch ist er von seinem Allzeithoch von 5000 Punkten im Sommer 2007 weit entfernt. Seit Jahresbeginn liegt der ATX mit gut 11 Prozent im Einklang mit den anderen Indizes in Europa. Vor allem seine Finanzlastigkeit, die starke Ausrichtung der Unternehmen auf Osteuropa und eine Dominanz von kleinen und mittleren Werten bestimmen die Entwicklung des österreichischen Aktienindexes.

          Dass die Eintrübung der Konjunktur in Deutschland Österreich treffen wird, steht außer Zweifel. Die beiden Länder sind wirtschaftlich eng miteinander verbunden, unter anderem in der für Deutschland konjunkturell wichtigen Autobranche. Zwingend sei dies zwar nicht, aber als Daumenregel gelte, dass ein Wachstumsrückgang von einem Prozentpunkt in Deutschland ein Minus von einem Viertel-Prozentpunkt in Österreich zur Folge habe, erklärte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, vor kurzem.

          ATX AUSTRIAN TRADED EUR

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          Trotzdem sind Beobachter zuversichtlich. „Ich hätte mir verhaltenere Aussichten der Unternehmen in der Berichtssaison erwartet“, sagt Bernd Maurer, Chefanalyst der Raiffeisen Centrobank (RCB). Die Ausblicke hätten Konsensus-Erwartungen getroffen. Das seien gute Nachrichten. Maurer geht daher von steigenden Aktienkursen aus. Ähnlich sieht es die Erste Group. Deren Chefanalyst Fritz Mostböck erkennt für den ATX wegen erwarteter besserer Rahmenbedingungen weiterhin moderates Aufholpotential.

          Zum einen spiele eine relativ attraktive Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von elf in diesem Jahr eine Rolle. Vor allem argumentiert Mostböck mit einer durchschnittlich besseren wirtschaftlichen Entwicklung in Zentral- und Osteuropa: Das bedeute einen intakten Unterschied im Wirtschaftswachstum zum Euroraum. Für dieses Jahr sieht Erste Group 3,3 Prozent in Osteuropa und 1,3 Prozent im Euroraum und damit eine Abschwächung gegenüber 2018. Gut eineinhalb Prozentpunkte Unterschied seien auch 2020 realistisch. Zugute kommt österreichischen Unternehmen außerdem die Absicht der konservativen Regierung aus ÖVP und FPÖ, die Körperschaftsteuer zu senken. Ob dies im kommenden Jahr umgesetzt wird, ist unklar. Darüber hinaus zeigt sich die Kapitalmarktfreundlichkeit im Ausbau von Mitarbeiterbeteiligungsmodellen.

          Neues Marktsegment an der Wiener Börse

          Belebend könnte mittelfristig die Einführung eines neuen Marktsegments an der Wiener Börse wirken. „Manche Unternehmen kommen dadurch früher an die Börse. Wenn sie dann nach Wachstum in das erste Segment aufsteigen, beflügelt das den ATX“, sagt der Chefanalyst der RCB, Maurer. Seit Ende Januar werden im neuen Marktsegment „direct market plus“ Aktien von gut einem halben Dutzend kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) gehandelt. Darunter befinden sich auch vier Gesellschaften, die erstmals in Wien gelistet sind. Die restlichen Titel wurden aus dem „mid market“ umgeschichtet, der aufgelöst wurde. Mit dem KMU-Segment will die Wiener Börse Unternehmen einen einfachen und kostengünstigen Börsenzugang bieten.

          Eine Auffrischung des Börsenzettels hat das Wiener Parkett notwendig. Schließlich gab es in den zurückliegenden Jahren eine Reihe von Abgängen und nur wenig Emissionen. Dazu trägt in Österreich – neben der Mischung aus Konjunktursorgen, Handelskonflikten und politischen Unsicherheiten wie dem Brexit – die Tradition der bankendominanten Finanzierung bei. Die letzte große Aktienneuemission war die Bank Bawag im Herbst 2017. Dabei hätte die Alpenrepublik an Privatisierungspotential noch einiges zu bieten. Indes sieht es derzeit nicht nach großen Neuzugängen auf dem Wiener Parkett aus. Auch auf einen größeren Streubesitz durch Beteiligungen, die bereits gelistet sind, warten Investoren wohl noch länger.

          OMV AG

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          Erste Group empfiehlt derzeit CA Immo mit einem Kursziel von 38 Euro. Der Immobiliendienstleister kombiniert ein attraktives Portfolio mit einer gutgefüllten Entwicklungspipeline in Österreich, Deutschland und Osteuropa. Zudem wird der Weltmarktführer für Zellulosefaser Lenzing mit einem Kursziel von 115,50 Euro angepriesen. Der Petrochemiekonzern OMV mit 62 Euro Kursziel wird wegen seiner günstigen Bewertung und eines erfahrenen Managements mit glaubwürdiger Strategie gekauft. Ebenso sind der Kranproduzent Palfinger, der Baukonzern Strabag sowie die Assekuranz VIG für Erste Group interessant.

          Auf der Kaufliste von Raiffeisen stehen neben OMV und VIG der Anlagenbauer Andritz wegen seiner günstigen Bewertung und eines guten Auftragseingangs mit Kursziel von 51 Euro sowie der Stahlverarbeiter Voestalpine aus Bewertungsgründen mit Kursziel von 33 Euro. Zudem werden der Zuckerverarbeitungskonzern Agrana und der Kartonhersteller Mayr-Melnhof empfohlen.

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