https://www.faz.net/-gv6-9n5t2

Österreich : Börsianer von Politikfiasko unbeeindruckt

Die Wiener Börse: Mehr Luft als Bulle? Bild: dpa

In Österreich überschlagen sich die Ereignisse. Doch während es im politischen Wien turbulent zugeht, zeigt sich die Börse weitgehend unbeeindruckt.

          Die politischen Turbulenzen und der Zusammenbruch der österreichischen Koalitionsregierung aus ÖVP und FPÖ lassen die Anleger offenbar kalt. Weder auf Festverzinsliche noch auf Aktien haben sich die Ereignisse merklich ausgewirkt. Der österreichische Leitindex ATX büßte zwar bis zum Nachmittag 1,6 Prozent ein. Doch lagen auch der Dax und andere Barometer im Minus.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Denn nicht nur, dass politische Börsen meist kurze Beine haben. Österreich ist als Markt klein. Der Großteil der österreichischen Unternehmen ist nach wie vor stark von Zentral- und Osteuropa abhängig und erwirtschaftet in den postkommunistischen Nachbarländern wesentliche Umsätze und Erträge.

          Bis zur Wahl im September sei Aufrechterhaltung von Stabilität oberstes Gebot und Ziel von Bundespräsident und Bundeskanzler, sagt Fritz Mostböck, Chefanalyst der Erste Group und weist damit  auf den für Anleger klaren Zeithorizont hin. Die amtierende Regierung habe vom starken Wirtschaftsaufschwung in den beiden zurückliegenden Jahren sowie von der Steuerreform der Vorgängerregierung im Jahr 2016 profitiert.

          ATX AUSTRIAN TRADED EUR

          -- -- (--)
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Von einer neuen Regierung erwartet Erste Group eine Fortsetzung der Budgetkonsolidierung. Immerhin erzielte die von dem christlich-konservativen Kanzler Sebastian Kurz geführte bisherige Regierung 2018 erstmals seit 1974 einen Haushaltsüberschuss. Das im vergangenen Monat veröffentlichte Stabilitätsprogramm umfasst weitere ehrgeizige Pläne, die den positiven Haushaltssaldo und einen starken Abbau der Staatsverschuldung auf unter 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beinhalten.

          "Wir glauben nicht, dass die Ereignisse unsere makroökonomischen Prognosen beeinflussen werden", heißt es in der Schnellanalyse. Mostböck erwartet weiter, dass Österreichs Wirtschaft in diesem Jahr um 1,7 Prozent wachsen wird, nach einem Plus von 2,7 Prozent im Vorjahr. Die Wachstumsverlangsamung sei vor allem auf die globale Konjunkturabkühlung zurückzuführen, von der auch Österreichs wichtigste Handelspartner betroffen seien.

          „Ein ziemliches Non-event“

          Roland Neuwirth, Fondsmanager der Liechtensteiner Gesellschaft Salus Alpha Capital, hält das Ereignis für ein ziemliches Non-event. „Einzig die geplante Steuerreform, die der Markt im positiven aber auch nicht eingepreist hat, wird halt jetzt auch nicht ausgepreist“. Diese Reform mit Wirkung ab 2022 sei noch in Ferne, heißt es.

          Wien ist ein Randmarkt, der in Hochphasen der Konjunktur profitiert. Deswegen hat sich der Leitindex ATX seit 2015 im Vergleich gut geschlagen. Dennoch ist er von seinem Allzeithoch von 5000 Punkten im Sommer 2007 weit entfernt. Seit Jahresbeginn schneidet der ATX fast 10 Prozent schwächer ab als die anderen Indizes in Europa. Vor allem seine Finanzlastigkeit und eine Dominanz von kleinen und mittleren Werten bestimmen neben der starken Ausrichtung der Unternehmen auf Osteuropa die Entwicklung.

          Eine Auffrischung des Börsezettels hat das Wiener Parkett notwendig. Schließlich gab es in den zurückliegenden Jahre eine Reihe von Abgängen und nur wenig Emissionen. Dazu trägt in Österreich - neben der Mischung aus Konjunktursorgen, Handelskonflikten und politischen Unsicherheiten wie dem Brexit - die lange Tradition der bankendominanten Finanzierung bei. Die letzte große Neuemission war die Bank Bawag im Herbst 2017.

          Vorige Woche kam die Wiener Technikschmiede Frequentis auf den Markt, die bei ihrem Handelsdebut aber auf Skepsis stieß. Die Weltmarktführer von Sprachkommunikationssystemen für die Flugsicherung ist am Dienstag in Wien und Frankfurt mit einem Dual-Listing verlustreich an die Börse gegangen. Erst am Freitag hat sich der Kurs oberhalb des Ausgabepreises von 18 Euro erholt und ist am Montag wieder daruntergefallen.

          Dabei hätte die Alpenrepublik an Privatisierungspotential noch einiges zu bieten. Indes sieht es derzeit nicht nach großen Neuzugängen auf dem Wiener Parkett aus. Auch auf einen größeren Streubesitz durch Beteiligungen, die bereits gelistet sind, warten Investoren wohl noch länger.

          Weitere Themen

          Volksbank sperrt Zahlungen an N26

          Nach Betrugsfällen : Volksbank sperrt Zahlungen an N26

          Nutzen Betrüger Sicherheitslücken bei Finanz-Start-ups aus, um Geld von Bankkonten zu ergaunern? Einige Volksbanken haben dazu eine klare Meinung – und gehen lieber auf Nummer sicher.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.