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Ökonomischer Berater warnt : „In Italien droht eine Parallelwährung“

Giuseppe Conte ist der neue Ministerpräsident von Italien. Sein Land gilt in der EU als Sorgenkind und die Pläne der neuen Regierung bestärken die Ängste der Ökonomen. Bild: AP

Die Ankündigen der neuen italienischen Regierung sind brandgefährlich. Sollte man von europäischen Anleihen lieber die Finger lassen?

          Der politische Wandel in Italien wird in der Finanzwelt mit Sorge beobachtet. „Italien ist das große Thema an den Anleihemärkten“, sagte Jürgen Odenius, ökonomischer Berater des großen amerikanischen Vermögensverwalters PGIM, im Gespräch mit der F.A.Z. „Würde alles umgesetzt, was im Koalitionsvertrag steht, würde das das Defizit noch einmal um fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausweiten.“ Die große Frage sei nun allerdings, was davon umgesetzt werde – schließlich sei nicht alles finanzierbar.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor allem die Andeutungen der neuen Regierung, dass öffentliche Rechnungen künftig mittels kurzlaufender Schuldverschreibungen beglichen werden könnten, sieht Odenius als gefährlich an. „Mit solchen Finanzinstrumenten könnten Privatleute dann ihre Steuerschulden begleichen. Diese Instrumente könnten dann auch als Parallelwährung gehandelt werden.“ Er vergleicht diese Instrumente mit den IOUs, die Kalifornien eine Zeitlang begeben hat. Im Grunde seien das Mini-Anleihen, die das Finanzamt begebe. Der entscheidende Unterschied sei aber, dass Kalifornien wachse

          Italien sei dagegen neben Griechenland das einzige Land im Euroraum, in dem das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit Einführung der Gemeinschaftswährung nicht gestiegen sei. Vor dem Hintergrund dieser Einkommensstagnation von vielen Italienern vor allem im Süden sei der Wahlerfolg von Populisten, die sich für ein Mindesteinkommen aussprächen, gut nachvollziehbar. „Der Populismus wird überall belächelt, ich würde ihn aber sehr ernst nehmen. Schließlich sind die Wahlerfolge Ausdruck ökonomischer Fehlentwicklungen.“ Sollte sich tatsächlich eine Art Parallelwährung in Italien etablieren, würde das zur Zerreißprobe für den Euroraum.

          Sollte man sich aus dem Euroraum zurückziehen?

          Aus seiner Sicht führt für die Staaten mit der Gemeinschaftswährung kein Weg an stärkerer politischer Kooperation vorbei. Er gibt aber zu, dass sich die Ausgangslage in den vergangenen Jahren verschlechtert hat – und zwar auf allen Seiten, wie Odenius betont. „Die Deutschen denken inzwischen ja vor allem, dass sie viel Geld nach Athen schicken und nie etwas dafür zurückbekommen. Dabei ist das Projekt Euro für Deutschland ja ausgesprochen sinnvoll.“ PGIM gehört zum amerikanischen Versicherungskonzern Prudential und ist mit einem verwalteten Vermögen von mehr als einer Billion Dollar einer der zehn größten Vermögensverwalter der Welt. Allein an den Anleihemärkten ist PGIM aktuell mit 709 Milliarden Dollar investiert.

          Trotz der Unsicherheiten in Südeuropa sieht Odenius keinen Grund, sich komplett aus dem Euroraum zurückzuziehen. „Ich glaube schon, dass griechische Anleihen derzeit ein gutes Investment sind. Zumindest auf mittlere Sicht dürften sie mit Hilfe der Finanzpolster des ESM auch bedient werden“, sagt Odenius. „Italienische Anleihen sollten mittelfristig bedient werden, die langfristigen Aussichten hängen allerdings auch von der fiskalpolitischen Weichenstellung der neuen Regierung ab. Die jüngsten Marktentwicklungen haben die Nervosität der Investoren in diesem Zusammenhang klar unterstrichen.“ Insgesamt gehe er davon aus, dass die Liquidität an den Märkten zurückgehen wird, weil die großen Zentralbanken ihre lockere Geldpolitik weiter zurückfahren dürften.

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