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Gute Zeiten, schlechte Zeiten : Jeder Kreditboom endet in einer Finanzkrise? Von wegen!

„Eccles Building“, Hauptsitz der amerikanischen Notenbank Federal Reserve in Washington D.C. Bild: dapd

Schweren Finanzkrisen geht meist ein starkes Wachstum der Kredite voraus. Aber nicht jedes Wachstum der Kredite ist schädlich. Im Gegenteil.

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          Seit der Finanzkrise schauen viele Beobachter mit Argusaugen auf das Kreditwachstum auf der Welt. Denn ein starkes Wachstum der Kredite gilt seit der vor rund zehn Jahren ausgebrochenen Krise als ein Vorbote für eine anschließende Finanzkrise. Und das ist kein Einzelfall: Historische Untersuchungen zeigen, dass den meisten schweren Finanzkrisen ein starkes Kreditwachstum vorausgegangen war, das dann zur Krise führte, wenn die Kredite platzten und die Kreditgeber, nicht zuletzt Banken, darüber in Schwierigkeiten gerieten.

          Die Entwicklung seit der Krise zeigt in den Industrienationen, anders als in China, kein sehr kräftiges Kreditwachstum, obgleich die Zinsen sehr niedrig sind. Das widerspricht der Sorge, die nächste Finanzkrise stehe vor der Tür. Ein Ökonomenteam um den bekannten Bonner Professor Moritz Schularick präsentiert nun auf der Jahrestagung der amerikanischen Ökonomenvereinigung eine weitere Botschaft, die nicht ins Kalkül notorischer Schwarzmaler passen dürfte.

          Sie zeigen: Auch wenn den meisten Finanzkrisen ein starkes Wachstum der Kredite vorausgegangen ist, so ist der Umkehrschluss, dass ein starkes Kreditwachstum üblicherweise zu einer Krise führt, nicht zulässig. Im Gegenteil zeigt eine internationale Analyse der Finanzmärkte aus den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten, dass in drei von vier Fällen ein kräftiges Wachstum der Kredite gut war, weil es zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand beitrug, ohne dass sich eine Krise anschloss. Nur in etwa jedem vierten Fall folgte dem Kreditboom eine Krise.

          Gute und schlechte Booms und ihre Folgen

          Schularick & Co. unterscheiden daher zwischen „guten“ und „schlechten“ Kreditbooms. Die guten Kreditbooms tragen zum Wirtschaftswachstum bei, weil sie nicht zuletzt die Finanzierung sinnvoller Investitionen erlauben. An sie schließt sich keine Krise an. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es widersinnig, einen solchen „guten“ Kreditboom bremsen zu wollen – sei es durch eine besonders straffe Geldpolitik, sei es durch schärfere Regulierungen der Banken, die Kredite vergeben.

          Ganz anders sieht es mit „schlechten Kreditbooms“ aus. Sie entstehen häufig, wenn mit den Krediten zu hohe Konsumausgaben finanziert werden oder Investitionen, die sich als nicht nachhaltig erweisen. In der Praxis handelt es sich nicht selten um zu hohe Investitionen in Immobilien. Diese Kreditbooms führen häufig zu Finanzkrisen, die mit hohen Kosten für die Gesamtwirtschaft einhergehen. Es wäre sinnvoll, solche „schlechten“ Kreditbooms frühzeitig zu bekämpfen. Dies ist im Grundsatz heute kaum umstritten. Der Streit der Fachleute dreht sich um die Frage, wie am besten frühzeitig gegen einen „schlechten“ Kreditboom vorgegangen werden sollte. Die Mehrheit der Fachleute optiert für Regulierungen, zum Beispiel hohe Eigenkapitalquoten der Banken oder Beschränkungen der Kreditvergabe an Schuldner, die sich zu übernehmen drohen. Eine Minderheit will einen „schlechten“ Kreditboom in erster Linie durch eine straffere Geldpolitik, also durch steigende Leitzinsen bekämpfen.

          Doch vor die Entscheidung über eine Behandlung gehört eine ordentliche Diagnose. Und das führt zur Frage: Lassen sich „gute“ und „schlechte“ Kreditbooms überhaupt frühzeitig voneinander unterscheiden? Schularick und seine Mitstreiter sagen: Ja. Und diese Erkenntnis könnte einer angemessenen rechtzeitigen Bekämpfung von Krisen neue Wege zeigen.

          Drei Kriterien sind es, die für viele „schlechte“ Booms typisch sind, aber bei „guten“ Kreditbooms kaum beobachtbar sind. Erstens finden „schlechte“ Kreditbooms ihren Ausdruck meist am Immobilienmarkt und nicht in der Industrie. Typisch sind Baubooms mit steigenden Immobilienpreisen. Der Wertzuwachs der Immobilien erleichtert dann die Aufnahme weiterer Kredite, da die bestehenden Immobilien als Kreditsicherheit verwendet werden können. Das Erbe einer solchen Krise besteht in schwer beschädigten Bankbilanzen und zahlreichen ungenutzten, zum Teil nicht einmal fertig gebauten Immobilien, wie sie vor knapp zehn Jahren unter anderem in den Vereinigten Staaten, in Irland und in Spanien beobachtet werden konnten.

          Der zweite Indikator ist ein Anstieg des Verhältnisses der Kredite zu den meist langfristig zur Verfügung stehenden Kundeneinlagen in den Bankbilanzen. Dies ist eine Erfahrung der jüngsten Krise, als viele Banken zur Finanzierung ihres Kreditwachstums auf häufig kurzfristiges Geld vom Kapitalmarkt zurückgriffen, das nach Ausbruch der Krise nicht verlängert wurde. Der dritte Indikator sind Veränderungen in der Zahlungsbilanz von Boomländern als Folge starker Zuflüsse von Auslandskapital, das vom Boom auf dem Immobilienmarkt profitieren will. „Diese Charakteristiken haben eine hohe Prognosegüte“, schreiben Schularick & Co. „Und sie lassen sich von Zentralbanken ohne Zeitverzögerung erkennen.“

          Die Autoren haben für 17 Länder Kreditbooms zwischen 1870 und 2013 analysiert. Interessant ist die Häufung der Booms nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei in den ersten Jahrzehnten, als die Finanzmärkte segmentierter und höher reguliert waren, die „guten“ Booms eindeutig dominierten. Ab 1980, also ab den Deregulierungswellen an den Finanzmärkten und, etwas später, dem Beginn des säkularen Zinsrückgangs, nimmt die Zahl der „schlechten“ Kreditbooms dramatisch zu. Aber das Bild ist nicht eindeutig und erlaubt keine simplen Schlussfolgerungen: Seit 1980 fanden auch zahlreiche „gute“ Kreditbooms statt.

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