https://www.faz.net/-gv6-9l275

Niedrigzinsen : Am Ende trifft es die Falschen

  • Aktualisiert am

Das Palais Brongniart, den Sitz der Pariser Börse, wollten Anarchisten schon vor 133 Jahren springen, Bild: AFP

Das niedrige Zinsniveau in Europa schade den deutschen Sparern, heißt es. Aber es sind nicht nur die Deutschen, die zu leiden haben. Fondsmanager haben noch eine andere Befürchtung.

          1 Min.

          Igor de Maack ist Fondsmanager bei DNCA Investments. DNCA ist eine französische Gesellschaft, die sich der defensiven Geldanlage verschrieben hat und über die Investmentbank Natixis letztlich zu den französischen Sparkassen und Volksbanken gehört.

          Was er über die Zinspolitik der EZB sagt, klingt zwar nicht ganz so unfreundlich wie das Urteil so manches deutschen Finanzfachmanns. Doch auch er konstatiert angesichts der jüngsten Ankündigungen der EZB, die europäischen Volkswirtschaften steuerten wohl schier unaufhaltsam auf das „Syndrom der Japanisierung und damit auf die finanzielle Repression zu“. Mit diesem Fachbegriff wird eine Politik bezeichnet, die durch das Niedrighalten der Zinssätze für Sparer zu einem schleichenden Vermögensverlust zugunsten des Staates führt.

          Diese Umverteilung sei von den Regierungen unter dem Druck populistischer Parteien oder den Drohungen quasi-aufständischer Bewegungen angestoßen worden – ein Seitenhieb wohl auf die französischen „Gelbwesten“.

          Sparen zur Staatsfinanzierung

          Allein in Frankreich, schreibt de Maack seien derzeit 1.700 Milliarden Euro im System der Euro-Fonds angelegt. Diese hätten ja ihre Vorzüge, weil sie eine Alternative zu aktuell unrentablen Geldmarktanlagen darstellen und eine gesetzlich festgeschriebene Kapitalgarantie böten. Jedoch gelte das vor allem für Zeiten höherer Zinsen. Aktuell würfen sie weniger ab als die Inflation.

          Denn der Löwenanteil fließe eben in (meist französische) Staatsanleihen. Da stelle sich doch die Frage nach der Zukunft eines Sparsystems, das im Grunde nur einen klammen Staat finanziere und der die Rente zum Dreh- und Angelpunkt für die Schaffung des Wohlstands der Nation erhebe.

          Das Verhalten des französischen Sparers offenbare eine wunderliche Form von Patriotismus und eine gewisse Schizophrenie in Vermögensfragen, stehe das treue Sparverhalten doch in starkem Kontrast zur allgemeinen Meinung der Franzosen über ihre Regierenden.

          Am Ende ist die Börse schuld

          Am Ende sei aber stets die Börse das erste Opfer einer aus Unzufriedenheit geborenen panischen und paradoxen Bewegung. Auch wenn verständlich sei, dass die mitunter extremen Visionen eines Donald Trump oder Xi Jinpings auf die Sparer erschreckend wirkten, so gäbe doch die überwältigende Mehrheit der Geschäftszahlen keinen Anlass, von einer baldigen Rezession auszugehen.

          Doch es werde immer mehr Geld von der Börse abgezogen, schreibt de Maack. Und erinnert daran, dass es der französische Anarchist Charles Gallo gewesen sei, der vor fast genau 133 Jahren versuchte, den Sitz der Pariser Börse mit einer selbstgebastelten Bombe in die Luft zu sprengen.

          Weitere Themen

          Überwach mich!

          FAZ Plus Artikel: Autoversicherung : Überwach mich!

          Autofahrer können bei der Versicherung sparen, wenn eine Box ihre Fahrweise beobachtet. Gerade für Fahranfänger sind solche „Telematik-Tarife“ attraktiv. Nur: Lohnt sich das auch?

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.