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Investmentstrategen : Die blinden Seher der Wall Street

  • -Aktualisiert am

Goldener Schein: Die Prognosen an der Wall Street sind häufig falsch. Bild: AP

Die Investmentstrategen in New York rechnen mit einem moderaten Kursanstieg der amerikanischen Aktienkurse im kommenden Jahr. Auf diese Prognosen kann man nicht viel geben. Seit Jahren liegen die Fachleute daneben.

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          Die Hausse des amerikanischen Aktienmarkts dauert mittlerweile schon fast neun Jahre. Sollte der Aufschwung der Kurse noch ein weiteres Jahr anhalten, wäre es die längste Hausse in der Geschichte der Wall Street – länger noch als die von Internet- und Technologieaktien beflügelte Börsenparty der neunziger Jahre. An der Wall Street ist deswegen zurzeit immer wieder die Rede von einer „Spätphase“ der aktuellen Hausse.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Geschichte zeigt, dass Haussen immer zu Ende gehen. Für diese Erkenntnis muss mal noch nicht einmal alte Historienschinken bemühen. Baissephasen gab es zuletzt in den Jahren 2000 bis 2002 nach dem Platzen der spekulativen Internetblase und im Jahr 2008 während der Finanzkrise. Aber dennoch wagt es derzeit kein Investmentstratege unter den führenden Banken an der Wall Street, das Ende des Aufschwungs zu prognostizieren.

          Die Auguren, die dieser Tage ihre Prognosen für das kommende Jahr veröffentlichen, gehen von weiteren Kursgewinnen im Aktienmarkt aus. Im Durchschnitt rechnen die Strategen für den breitgefassten Aktienindex S&P 500 mit einem Kursgewinn von rund 6 Prozent auf 2800 Punkte bis zum Ende des Jahres 2018. Die Gründe: ein erwartet zweistelliges Wachstum der Unternehmensgewinne, eine weltweite wirtschaftliche Erholung und die erwarteten Steuersenkungen für Unternehmen, die derzeit im amerikanischen Kongress diskutiert werden. „Es ist eine vernünftige Position, weil Märkte historisch parallel zum Wirtschaftswachstum steigen“, sagte Peter Jankovskis, der für die Anlagen des Vermögensverwalters Oakbrook verantwortlich ist. „Die logische Prognose ist es, mit einem weiteren Anhalten dessen zu rechnen, was gerade geschehen ist“, sagte Jankovskis dem Informationsdienst Bloomberg. „Eine Kehrtwende zu prognostizieren ist von Haus aus schwierig.“

          Aufschwung nicht vorhersehbar

          In der Tat haben die Wall-Street-Seher nach Angaben von Bloomberg seit 1999 nie einen Abschwung vorhergesagt. Zu Anfang des Krisenjahres 2008 rechneten die Strategen noch mit durchschnittlichen Kursgewinnen von 11 Prozent für den S&P 500. Am Ende des Jahres hatten sich die Verluste auf 39 Prozent summiert. Die darauf folgende Hausse haben die Strategen auch kräftig unterschätzt–um durchschnittlich knapp 4 Prozentpunkte je Jahr. Selbst Analysten, die den Mut haben, Kursverluste vorherzusagen, erkennen oft nicht das ganze Ausmaß. Nach Berechnungen des Statistikers Salil Metha, der die Analyse für das amerikanische Bankenrettungsprogramm Tarp geleitet hatte, prognostizieren selbst Pessimisten typischerweise nur einen Kursrückgang von 5 Prozent.

          Auch mit den Prognosen für 2017 lagen die Strategen daneben. Wie üblich hatten sie am Anfang des Jahres im Durchschnitt mit moderaten Kursanstiegen für amerikanische Aktien gerechnet. Der S&P 500 liegt in diesem Jahr allerdings mit knapp 18 Prozent im Plus. Viele Auguren glaubten zudem an starke Schwankungen wegen politischer Unsicherheiten sowohl in den Vereinigten Staaten als auch weltweit. Aber weder die Sonderermittlungen des ehemaligen FBI-Chefs wegen möglicher Einflussnahme Russlands auf den amerikanischen Wahlkampf und Mitarbeiter von Präsident Donald Trump noch das nukleare Säbelrasseln mit Nordkorea wirkten sich bislang auf die Volatilität der Aktienkurse aus.

          Prognosen treten nicht ein

          Strategen an der Wall Street rechneten Anfang des Jahres auch mit einer Aufwertung des amerikanischen Dollars – einem Gleichstand von Dollar und Euro. Das Gegenteil trat ein. Der neue amerikanische Präsident hatte Schwierigkeiten, seine wirtschaftlichen Versprechen, darunter staatliche Investitionen in Infrastruktur und Steuersenkungen, rasch einzulösen. Dazu erholte sich die Wirtschaft in der Eurozone.

          Auch die übliche Prognose steigender Renditen amerikanischer Staatsanleihen trat 2017 nicht ein. Nach Erkenntnissen der Analysegesellschaft Consensus Economics rechneten Volkswirte im vergangenen Jahrzehnt Jahr um Jahr mit steigenden Renditen. In der Mehrheit der Fälle stimmt die allgemeine Richtung der Prognosen nicht. Und nur einmal, im Jahr 2009, stimmte sowohl Richtung als auch Ausmaß der Renditeveränderung.

          Für amerikanische Aktien hatten die Strategen auch vor zwei Jahren, also für das Jahr 2016, die üblichen moderaten Kursgewinne prognostiziert. Damit hatten sie sogar richtig gelegen, solange man ignoriert, dass die Prognosen im Laufe des Jahres in Reaktion auf unerwartet heftige Kursschwankungen zweimal verändert wurden. Als die Kurse zu Anfang des Jahres 2016 stark in die Knie gingen, senkten die Strategen ihre Kursziele für die einschlägigen Aktienindizes. Als sich die Aktienkurse wieder erholten, hoben sie die Prognosen wieder an.

          Kritik am latenten Optimismus der Wall Street

          Kritiker führen den latenten Optimismus der Wall-Street-Strategen auf Marketingzwänge zurück und plädieren deshalb für die Abschaffung der jährlichen Prognosen. Positive Vorhersagen bringen Investoren dazu, Geld in den Aktienmarkt zu investieren, wovon die Arbeitgeber der Strategen, die diese Gelder verwalten oder die entsprechenden Wertpapier-Transaktionen ausführen, profitieren. Einige bekannte Investoren wie der mehrfache Milliardär Warren Buffett weigern sich, Vorhersagen für den Aktienmarkt abzugeben, weil das Kalenderjahr ein sehr willkürlicher Zeitraum für oft längerfristige Markttrends ist.

          Buffett ist langfristig ebenfalls optimistisch, weil er an das dynamische Wachstum der amerikanischen Wirtschaft glaubt. Der Mann hält Barmittel vor, um bei einem Rückschlag der Kurse wie im Jahr 2008 günstig einzusteigen. Auch Buffett weiß natürlich nicht, wann die nächste Baisse kommt. Aber der 87 Jahre alte Starinvestor hat lange genug gelebt, um zu wissen, dass sie kommt.

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