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New Yorker Börse : Hurrikan in Texas wirbelt auch die Wall Street auf

„Harvey“ und seine Folgen: Verwüstete Tankstelle in Texas Bild: AP

Die Naturkatastrophe im Zentrum der amerikanischen Ölindustrie setzt an der New Yorker Börse Aktien von Energiefirmen und Versicherern unter Druck. Es gibt aber auch Profiteure.

          3 Min.

          Die katastrophalen Folgen des Wirbelsturms „Harvey“, darunter die schweren Überschwemmungen in der viertgrößten amerikanischen Metropole Houston, reichen bis an die New Yorker Börse. Houston ist das Zentrum der amerikanischen Öl- und Gasindustrie, und die Aktienkurse zahlreicher Energieunternehmen gerieten angesichts der Produktionsausfälle am Anfang der Woche unter Druck. Eine Ausnahme bildeten allerdings Aktien von Raffineriebetreibern, die ihren Schwerpunkt außerhalb von Texas haben. Deren Aktienkurse verbuchten Aufschläge, da angesichts der erwarteten Verknappung die Preise für Benzin-Kontrakte am Terminmarkt gestiegen waren.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Zu den Verlierern an der Börse gehörten auch die Aktien von Schadens- und Sachversicherern. Analysten kalkulieren mit Verlusten in Höhe von bis zu 20 Milliarden Dollar. Damit wäre „Harvey“ für Versicherer einer der teuersten Stürme der Geschichte. Fachleute rechnen aber damit, dass Versicherer längerfristig davon profitieren könnten, weil es ihnen erlaubt, die Versicherungsprämien anzuheben.

          „Versicherungsschäden von 10 Milliarden bis zu 20 Milliarden Dollar“

          Die Energiebranche gehörte zum Wochenanfang zu den schwächsten Segmenten des Aktienmarktes. Während sich die Kursverluste bei globalen Konzernen wie Exxon Mobil oder Chevron in Grenzen hielten, fielen die Kurse kleinerer texanischer Öl- und Gasproduzenten wie Carrizo oder Denbury Resources um fast 7 Prozent. Zu den Gewinnern gehörten die Aktienkurse von Raffineriekonzernen, die ihr Geschäft vor allem außerhalb des amerikanischen Südostens betreiben. Der Aktienkurs von PBF Energy, einer im Bundesstaat New Jersey ansässigen Raffineriegesellschaft, kletterte am Montag um mehr als 8 Prozent und gab am Dienstag im frühen Handel nur wenige dieser Kursgewinne wieder ab. „Wenn der Produktfluss von der Golfküste zur Ostküste unterbrochen ist, könnte PBF Energy von seiner vergleichsweise stärkeren Marktposition im Nordosten profitieren“, kommentierten Analysten des Wertpapierhauses Raymond James. Der September-Kontrakt für Benzin stieg am Montag um 2,7 Prozent. Gleichzeitig fiel der Preis für amerikanisches Rohöl der Sorte WTI angesichts der wegen der Ausfälle texanischer Raffinerien erwartet schwächeren Nachfrage um 2,7 Prozent.

          PBF Energy betreibt außer in New Jersey auch Raffinerien in Delaware, Ohio und in Kalifornien, also weit entfernt von Houston. Der Aktienkurs des Konkurrenten Holly Frontier, dessen Raffinerien vor allem im Mittleren Westen stehen, kletterte am Montag um fast 7 Prozent und legte am Dienstag zunächst weiter zu. Selbst die Kurse größerer Raffinerieunternehmen, deren Produktion vom Hurrikan beeinträchtigt wurde – darunter Valero Energy, Marathon Petroleum und Phillips 66 – legten in Folge steigender Benzinpreise zu. „Generell wird jedes Raffinerieunternehmen in Bezug auf Gewinnmargen und Aktienkurse von solchen Störungsphasen profitieren, selbst wenn Teile des Geschäfts davon betroffen sind“, so Raymond James. Im Assekuranzsegment gaben die Kurse der großen Versicherer Travellers und Allstate, zwei der größten Anbieter von Hausratsversicherungen in Texas, zu Wochenbeginn um 2,6 Prozent und 1,5 Prozent nach. Der Aktienkurs des Autoversicherers Progressive, der in Texas einen großen Marktanteil hat, sank um 2,3 Prozent. Die Titel des Konglomerats Berkshire Hathaway, zu dem die Rückversicherung General Re und der Autoversicherer Geico gehört, ermäßigten sich um knapp 1 Prozent. „Wir schätzen derzeit, dass Harvey zu Versicherungsschäden von 10 Milliarden bis zu 20 Milliarden Dollar führen könnte, was ihn zu einem der zehn kostspieligsten Wirbelstürme der Vereinigten Staaten machen würde“, kommentierte Analystin Sarah DeWitt von der Bank JP Morgan.

          Zwar werden Überschwemmungen von regulären Hausratversicherungen nicht abgedeckt. Derartige Schäden werden von einer Bundesbehörde versichert. Allerdings sind Flutschäden nach Angaben von DeWitt durchaus Teil von gewerblichen Versicherungspolicen, was für Versicherer und Rückversicherer zu „bedeutsamen Verlusten“ führen könnte. Die Schätzungen liegen derzeit noch deutlich unter den 75 Milliarden Dollar Versicherungsschäden des Hurrikans „Katrina“, der 2005 auf die Region um New Orleans getroffen war.

          Da an der Börse Zukunftserwartungen gehandelt werden, profitierten auch Aktien von Unternehmen, deren Produkte beim Wiederaufbau der Region Houston gebraucht werden. Die Aktien der großen Baumarktketten Home Depot und Lowe’s verzeichneten Kursgewinne. Auch die Kurse von Speditionen wie Knight Transportation reagierten trotz überfluteter Autobahnen im Süden von Texas mit Aufschlägen, weil die Nachfrage nach Lastwagen im Rahmen des Wiederaufbaus steigen dürfte. „Historisch betrachtet, haben Naturkatastrophen aber nur begrenzte Auswirkungen auf den Gesamtmarkt. Obwohl bestimmte Industriezweige stark betroffen sind, sind wirtschaftliche Folgen insgesamt kurzlebig“, sagte Bruce Bittles, Chefanlagestratege des Vermögensverwalters Baird.

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