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Börsengebäude in Frankfurt : Deutsche Börse plant „Publikumsmagneten“

Ein Mann baut um: Theodor Weimer. Bild: Helmut Fricke

Börsenchef Weimer möchte mit dem neuen Börsengebäude in Frankfurt zeigen, dass die Börse kein Kunstprodukt ist, sondern etwas zum Anfassen. Mehr als 100.000 Besucher im Jahr werden als Ziel gesetzt.

          Frankfurt ist reich an Sehenswürdigkeiten. Nimmt man die Erhebungen des Bewertungsportals Tripadvisor zum Maßstab, kommt die Börse bisher aber nur auf Rang 34. Städel, Palmengarten und Römer liegen vorne. Aber auch Hauptbahnhof, Messe und Commerzbank-Arena werden vom Publikum für deutlich attraktiver befunden. Selbst der Kaufhof und das Einkaufszentrum MyZeil liegen noch vor der Börse.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Das soll sich nun ändern. Die Deutsche Börse will 18,5 Millionen Euro in das historische Gebäude in der Frankfurter Innenstadt investieren. „Wir wollen zeigen, dass die Börse kein Kunstprodukt ist, sondern etwas zum Anfassen“, sagt der neue Börsen-Vorstandsvorsitzende Theodor Weimer bei der Präsentation der Pläne am Montag auf dem Börsenparkett. Besucher sollen sich künftig spontan zu einem Besuch der Börse entscheiden können. Das bisher nötige Anmeldeprozedere fällt weg. Nur ein Personalausweis ist nötig, der Eintritt bleibt frei. Nach einer Sicherheitskontrolle gelangen die Besucher über eine Treppe in den ersten Stock. Dort erwartet sie ein „interaktives museumspädagogisches Konzept“, sagt Börsen-Projektleiterin Nicole Koludrovic. Wie das Konzept genau aussieht, steht noch nicht fest. Im Frühjahr soll unter den Bewerbern eines ausgewählt werden. Klar ist jedoch, dass es nicht wie bisher bei ein paar Infotafeln und im Boden eingelassenen blinkenden Xetra-Kürzeln bleiben soll. „Es wird einen autodidaktischen Parcour geben, und jeder kann in einer Simulation selbst zum Börsenhändler werden“, sagt Koludrovic.

          Der Besucherbereich wird deutlich vergrößert. Die Frontalvorträge vor Schülern und Studenten soll es zwar weiterhin geben. Viel stärker zum Regelfall soll indes der Besuch von börseninteressierten Frankfurtern und Touristen werden. „Die Börse muss leben, sie muss sich weiterentwickeln und gerade für junge Leute interessant sein“, sagt Weimer. „Wir wollen hier einen Publikumsmagneten schaffen.“

          Bisher ist die Börse davon weit entfernt. 35.000 Besucher werden im Jahr gezählt. Zu jedem Bundesligaspiel der Eintracht kommen mehr Leute. Allein die Monet-Ausstellung im Städel lockte 430.000 Menschen an.

          Einen VIP-Bereich soll es geben

          Dabei hat auch die Börse einzigartiges zu bieten. Große Präsenzhandelssäle wie in Frankfurt gibt es kaum noch auf der Welt. „Wir sind eben nicht nur in Eschborn“, spricht Weimer den oft kritisierten Hauptsitz der Börse im Industriegebiet Eschborn-Süd an. Die Investitionsentscheidung für den Standort in der Innenstadt sei aber noch vor seinem Amtsantritt gefallen, räumt Weimer ein. Er hätte die Entscheidung aber genauso getroffen.

          Nach Ansicht von Matthias Gräßle, Hauptgeschäftführer der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, der das Börsengebäude gehört, ist das Herz der Börse auch nach dem Wegzug des Hauptsitzes aus der Frankfurter Innenstadt immer am Börsenplatz 4 geblieben. Nach seinem Eindruck schlägt es dort heute wieder etwas stärker. Ihren Mietvertrag haben Handelskammer und Börse jedenfalls bis 2048 verlängert. „Wir wollen weiter Gutes tun für den Finanzplatz und für Frankfurt“, sagt Weimer und verweist auf die lange Geschichte, die IHK und Börse seit 1879 mit dem Gebäude verbindet.

          In einem Jahr soll der neue Besucherbereich fertig sein. Auch einen VIP-Bereich soll es bis dahin geben, der oberhalb der großen Dax-Tafel mit freiem, unverglastem Blick auf den Handelssaal geplant ist. Unterhalb davon wird die halbrunde Handelsschranke vom Parkett verschwinden und durch eine „flexible Bühne“ ersetzt werden, auf der sich Unternehmen bei ihren Börsengängen besser präsentieren könnten als bisher. Unter der Dax-Tafel soll eine „Multimediawand“ entstehen.

          Auf dem Börsenparkett soll sich ansonsten nichts ändern. Das vor elf Jahren neu verlegte dunkle Eichenparkett bleibt ebenso wie die blau-weiße Optik der kreisförmigen Bereiche für die Händler. Wie es vor dem Umbau vor elf Jahren aussah, kann noch in den Nebenräumen des großen Handelssaal betrachtet werden. Dort wurde offenkundig seit Jahren nichts investiert, und die dunkelroten, rechteckigen Bereiche der Händler werden noch für den Handel mit Anleihen genutzt. Die alten Handelsbereiche wandern künftig ins Museum, der Rentenhandel auch aufs Parkett, und rund um den alten Handelssaal sollen in zwei Jahren fünf moderne Konferenzräume für bis zu 200 Teilnehmer entstanden sein. Die Nachfrage für solche Räume in der Frankfurter Innenstadt sei extrem hoch, heißt es von der Börse.

          Ob sich auch mehr Besucher, Anleger und Unternehmen von der Börse angezogen fühlen? Weimer gibt zu, dass die Börse in Sachen Börsenkultur in Deutschland bislang nicht viel hinbekommen hat. Es kann also fast nur besser werden.

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