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Nervöse Börsen : Die Furcht vor der zweiten Welle

Gleich zwei Bullen im Kampf vor der Börse Shenzhen: Stoppt die Furcht vor einer zweiten Infektionswelle die Börsenrally? Bild: Bloomberg

Erst legen die Märkte eine fulminante Rally hin, dann fallen die Kurse wieder. Ist der Rücksetzer nur ein kurzer Dämpfer oder folgt nun eine heftige Abwärtsbewegung?

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          Auch dem besten Sprinter geht irgendwann die Puste aus, vor allem, nach einen besonders steilen Aufstieg. In den Wochen nach dem Börsen-Crash im März dieses Jahres hechteten die Aktienmärkte in einer rasanten Geschwindigkeit auf immer höhere Kurse zu, und ließen viele Beobachter staunend zurück. Schließlich ließ sich die Aufholjagd des Marktes nicht auf fundamentale Daten stützen.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Stattdessen: Hunderttausende Tote infolge des Coronavirus, Millionen von Arbeitslosen und der Einbruch der Wirtschaft weltweit. Und die Märkte? In Amerika, einem der von dem Virus am härtesten getroffenen Ländern, schaffte es der Leitindex S&P 500 in der vergangenen Woche, seine gesamten, in diesem Jahr erlittenen Verluste wieder wettzumachen. Auch der deutsche Aktienindex Dax entfernte sich immer schneller und weiter von seinem Tiefpunkt im März.

          Doch die scheinbar unaufhaltsame Rally wurde abrupt gestoppt. Seit dem vergangenen Donnerstag verloren die Indizes in Amerika bis zu 7 Prozent, und auch der Dax fiel um mehr als 5 Prozent auf 11.853 Punkte, und damit wieder unter die Marke von 12.000 Punkten. In Asien gaben sowohl der japanische Leitindex Nikkei als auch der CSI 300, der die Kursentwicklung der 300 größten und meistgehandelten Aktien an den beiden Börsen des Festlandes China in Schanghai und Shenzhen abbildet, seit vergangenem Donnerstag um jeweils mehr als 6 und 2 Prozent ab. Auch zum Wochenauftakt sind die Märkte noch nicht wieder zu Atem gekommen. Erholt sich die Börse doch nicht V-förmig, sondern W-förmig, und wie kommt es zu der längsten Verlustserie seit März?

          Dow Jones

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          DAX ®

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          Ein Hauptgrund für den Rücksetzer dürften die steigenden Infektionszahlen in Amerika, Japan und China sein, die Anleger nervös stimmen. Sorge bereiten die Neuinfektionen im amerikanischen Sonnengürtel, zu dem die Bundesstaaten Texas, Florida und Arizona zählen. In Japan liegt die Zahl der Neuinfizierten nun zwei Tage in Folge bei mehr als 40. Derzeit schauen aber alle genau nach China, sagt Thomas Meier, Portfoliomanager bei Mainfirst. „Wenn wir in China sehen, dass es zu einer zweiten Welle kommt, die außer Kontrolle gerät, wäre das ein sehr negatives Zeichen.“ In der Volksrepublik war es in der vergangenen Woche zu einem neuen Ausbruch von Covid-19 auf einem Großmarkt gekommen, bei dem sich Dutzende angesteckt hatten.

          Übertreibung nach oben und unten

          Dass die Indizes in den vergangenen Wochen so stark stiegen, habe aber auch daran gelegen, dass der Markt sich auch ein Stück weit korrigiert habe, sagt Thomas Lehr, Kapitalmarktstratege von Flossbach von Storch. Die extreme Abwärtsbewegung im März sei eine Übertreibung nach unten gewesen, genauso wie die darauf folgende Erholung eine Übertreibung nach oben. Dabei zieht er den Vergleich zu einem Flummi, der beim zweiten Aufprall fast genauso hoch springt wie beim ersten Mal, dann aber immer niedriger. Der Markt habe seine Mitte noch nicht gefunden – werde dies aber noch tun.

          S&P 500

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          NIKKEI

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          Zudem seien sehr viele Anleger derzeit prozyklisch getrieben und „verschärfen“ die Kursentwicklungen, sagt Meier. Das liege primär an mechanischen Anlagestrategien, also Algorithmen. In Amerika stehen diese inzwischen hinter neun von zehn Orders, sagt Lehr. Da gehe es weniger um Makro-Daten, die zudem mehr dem Blick in den Rückspiegel glichen. Ob ein „Trade“ makroökonomisch sinnvoll sei, spiele für viele Algorithmen nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen suchten sie nach Mustern: In einem Markt, in dem sich ein Großteil der Anleger an der Preisentwicklung orientiere, agiere zudem nicht selten der am „rationalsten“, der das irrationale Handeln der Mehrheit möglichst früh antizipiere. Bewegungen dynamisierten sich dann gewissermaßen durch sich selbst, so Lehr.

          Untersuchung der vergangenen Baissen

          Die französische Bank Société Générale hatte erst vor kurzem die Baissen des S&P 500 der vergangenen 150 Jahre untersucht. Dazu mussten die Kurse von ihren Hochs um mindestens 20 Prozent fallen. Im Mittel, so die Beobachtung, fiel die Erholung graduell aus: Im ersten Monat nach dem Tiefpunkt stieg der Index um 4 Prozent, innerhalb von einem Vierteljahr um 13 Prozent und innerhalb eines Jahres um 27 Prozent.

          Allein von Mitte März bis noch zur vergangenen Woche stieg der amerikanische Aktienmarkt um mehr als 40 Prozent. Die aktuelle Rally sei daher so sonderbar, weil sie nicht durch das makroökonomische Umfeld gestützt werde. Die Autoren gehen anhand der historischen Daten davon aus, dass der S&P 500 das Jahr mit einem Stand zwischen 2660 und 2772 Punkten beenden würde, derzeit steht er noch bei 3009 Punkten.

          „Wir werden uns noch an eine höhere Schwankungsbreite gewöhnen müssen“, sagt Thomas Meier von Mainfirst dazu und nimmt Bezug auf ein Zitat des Börsenaltmeisters André Kostolany, wonach man Aktien kaufen, Schlaftabletten nehmen, aufwachen und bemerken solle, dass man reich sei. „Aktuell brauchen wir viele Schlaftabletten, um ruhig zu bleiben“, sagt Meier. Denn mit den Öffnungstendenzen kämen die zweiten Krankheits-Wellen. „Das gehört einfach dazu.“

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