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Aktie im Blick: Boeing : Negative Schlagzeilen drücken den Aktienkurs des Flugzeugherstellers

  • -Aktualisiert am

Das Unglücks-Modell von Boieng: die 737 Max. Bild: AFP

Seit Monaten häufen sich die Negativ-Schlagzeilen über das mit einem Flugverbot belegte Boeing 737 Max-Modell und auch die Führung des Unternehmen könnte nun in Bedrängnis kommen. Den Aktienkurs setzt das unter Druck.

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          Analysten an der Wall Street sorgen sich zunehmend um die geschäftlichen Aussichten des amerikanischen Flugzeugherstellers Boeing. Angesichts anhaltend negativer Schlagzeilen zum seit Monaten mit einem Flugverbot belegten Modell 737-Max geriet der Aktienkurs zuletzt wieder stark unter Druck. In den vergangenen fünf Handelstagen summierten sich die Kursverluste trotz einer leichten Erholung in der Wochenmitte auf fast 7 Prozent.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Vor einer Woche waren kritische Anmerkungen eines an der Entwicklung des Flugzeugmodells beteiligten Piloten bekannt geworden. Er hatte nach einem Simulatortest im Jahr 2016 Kritik an dem Softwaresystem geäußert, das nun für zwei Flugzeugabstürze mitverantwortlich gemacht wird. Bei den beiden Abstürzen im Oktober des vergangenen Jahres und im März dieses Jahres waren in Indonesien und Äthiopien 346 Menschen ums Leben gekommen.

          Dazu wächst wegen der Ermittlungen zu den Absturzursachen der Druck auf die Führung des Unternehmens. Boeing-Vorstandschef Dennis Muilenburg muss in der kommenden Woche in einer Anhörung des Repräsentantenhauses aussagen. Der zuständige Ausschussvorsitzende Peter DeFazio hatte kürzlich auf neue interne Dokumente verwiesen, aus denen hervorginge, das der Konzern der Flugaufsicht FAA Informationen vorenthalten habe. DeFazio sprach von einem Versagen der Sicherheitskultur bei Boeing.

          Darum hat die Boeing-Aktie im Dow ein so hohes Gewicht

          Der Analyst Myles Walton der Schweizer Bank UBS hat aufgrund dieser Meldungen seine Kaufempfehlung für Boeing-Aktien zurückgenommen. An der hatte er – trotz der Abstürze und des Flugverbots – seit August 2018 festgehalten hatte. Er rechnet jetzt nur noch mit einer marktneutralen Kursentwicklung. Seit Kursziel senkte er von 470 Dollar auf 375 Dollar. Bisher war Walton mit der Bewertung der Aktien nach eigenen Angaben davon ausgegangen, dass die Abstürze auf eine geringe Fehlertoleranz im Design der Software zurückgingen, die von einer falschen Reaktion der Piloten verstärkt wurden.

          Die neuen internen Boeing-Dokumente verstärkten nun die Wahrnehmung, dass es sich „potentiell um unvollständige Angaben“ handele. „Damit steht mehr Geld, Vertrauen und Zeit auf dem Spiel“, kommentierte der Analyst. Die Boeing-Baureihe 737 ist das meistverkaufte Verkehrsflugzeug der Welt, die jüngste Version 737-Max spielt eine entsprechend große Rolle für die geschäftliche Entwicklung des Konzerns.

          Boeing-Aktie

          BOEING

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          Die Boeing-Aktie hatte in den vergangenen Jahren zu den größten Börsenlieblingen an der Wall Street gehört. Seit dem zweiten Flugzeugabsturz im März und einem darauf folgenden Flugverbot ist er aber um rund 22 Prozent gefallen. Die Schwäche der Aktie belastet auch den Dow-Jones-Index, in dem 30 bedeutende amerikanische Standardwerte abgebildet sind. Der Dow ist seit Anfang des Jahres zwar um 15 Prozent gestiegen.

          Der S&P500, das zweite vielbeachtete amerikanische Standardwertebarometer, legte jedoch um rund 20 Prozent zu. Boeing ist ein wichtiger Grund für die vergleichsweise schwächere Tendenz des Dow, da die Aktie aufgrund ihres hohen absoluten Aktienkurses von zuletzt als 345 Dollar das relativ stärkste Gewicht im Dow besitzt. Der Dow-Jones-Index ist im Gegensatz zu den meisten anderen Aktienindizes preisgewichtet. Beim S&P 500 wird der Einfluss einzelner Aktien auf die gesamte Indexentwicklung dagegen nicht vom Kurs, sondern vom Börsenwert bestimmt. Daher hat Boeing im Dow ein mehr als doppelt so hohes Gewicht wie der Softwarekonzern Microsoft, dessen Aktienkurs um 140 Dollar pendelt. Der Börsenwert von Microsoft ist mit mehr als einer Billion Dollar aber mehr als fünfmal so hoch wie der von Boeing, der zuletzt bei etwas unter 200 Milliarden Dollar lag.

          Die 737 Max soll schleunigst zurück in den Betrieb

          Trotz der deutlichen Kursverluste seit März liegen die Boeing-Aktien in diesem Jahr aber immer noch um rund 7 Prozent im Plus. Diese Widerstandsfähigkeit unterstreicht das Gewinn- und Kurspotential, das Investoren dem Airbus-Konkurrenten einst unterstellten. In den fünf Jahren vor der Katastrophe in Äthiopien hatte sich der Aktienkurs mehr als verdreifacht. Boeing war damit neben Technologiewerten wie Apple eine der wichtigsten Triebfedern der Hausse am amerikanischen Aktienmarkt. Zwischenzeitliche Lichtblicke im Geschäft mit der 737 Max haben bereits für starke, gleichwohl kurzfristige, Kurssprünge gesorgt. Im Juni hatte der British-Airways-Mutterkonzern IAG eine Absichtserklärung zum Kauf von bis zu 200 Boeing-737-Max-Fliegern unterzeichnet. Das war die erste derartige Vertrauenserklärung einer Fluggesellschaft seit dem Absturz im März. Der Boeing-Aktienkurs stieg daraufhin an nur einen Tag um mehr als 5 Prozent.

          Auf die in dieser Woche vorgelegten Quartalsergebnisse reagierte die Börse mit einer leichten Kurserholung – obwohl neben den Folgen des 737-Max-Flugverbots Boeing auch Schwierigkeiten mit anderen Modellen in seiner Passagiersparte zu schaffen machen. Boeing meldete für das dritte Quartal einen deutlichen Gewinnrückgang. Auf die Ergebnisrechnung des Konzerns schlagen Rückstellungen in Milliardenhöhe sowie herbe Umsatzrückgänge durch, die durch den Auslieferungsstopp für die 737 Max und Verzögerungen in der Produktion anderer Passagierjets verursacht wurden.

          Boeing meldete einen Nettogewinn von knapp 1,2 Milliarden Dollar, etwa halb so viel wie im Vorjahreszeitraum. Besonders spürbar war der Geschäftsausfall der Kurzstreckenjets, die traditionell das Gros der Erlöse und bis zu zwei Drittel des Konzerngewinns beisteuerten. Die „sichere Rückkehr der 737 Max in den Flugbetrieb habe oberste Priorität“, sagte Boeing-Vorstandschef Muilenburg. Er zeigte sich zuversichtlich, die 737 Max im vierten Quartal wieder in Betrieb zu nehmen und ausliefern zu können. Analysten sind skeptisch. „Boeing ist noch nicht aus dem Gröbsten raus“, resümierte Gina Sanchez, Vorstandschefin des Wertpapierhauses Chantico Global.

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