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Nachhaltiges Investieren : Die Finanzmärkte als Weltretter?

Aich in der Finanzbranche nimmt man „Fridays for Future“ ernst. Bild: dpa

Der Klimawandel ist ein weltbewegendes Thema. ist er noch aufzuhalten. Und kann ihn die Finanzbranche aufhalten? Zumindest können Investoren und Zentralbanken zum Klimaschutz beitragen.

          Als Steffen Hörter vor etwa einem Jahrzehnt begann, Nachhaltigkeitskriterien für die Kapitalanlage zu entwickeln, war die Reaktion meist belustigt. „Wenn ich den Klimawandel erwähnte, lachten die Leute darüber“, heute sind die Zeitungen voll davon“, sagte Hörter auf einer Veranstaltung seines Arbeitgebers Allianz Global Investors am Montag. Sie trug den Titel „Können Finanzmärkte die Welt retten?“ Hörter leitet in der Fondsgesellschaft die Abteilung ESG, was der englischen Abkürzung für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung entspricht. „Noch haben wir keine Klimakrise erlebt, das macht es schwierig, ihre Folgen zu bewerten“, sagte er auf der Veranstaltung, die Allianz Global Investors zusammen mit der European Association for Banking and Financial History ausgerichtet hat.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch in den Notenbanken wird der Klimawandel inzwischen als ein wichtiges Risiko für die Finanzmärkte angesehen. Dazu hat der britische Notenbankpräsident Mark Carney viel beigetragen, der das Thema auf die Agenda für Geldpolitiker gesetzt hat. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) nimmt das Risiko ernst.

          Neue makroökonomische Schocks könnten in Folge des Klimawandels entstehen, die Wahrscheinlichkeit extremer Ereignisse zunehmen, die zum Beispiel umfangreiche Wanderungsbewegungen auslösen können. „Das könnte den Raum der konventionelle Geldpolitik häufiger aushöhlen“, sagte der EZB-Ökonom Fabio Tamburrini von der technischen Expertengruppe für nachhaltige Finanzen. Durch klimapolitische Notwendigkeiten könne sich auch der Zielkonflikt von wirtschaftlicher Produktionsmaximierung und der Finanzstabilität in einem Währungsraum wandeln.

          Auch die Geldpolitik ist betroffen

          Als ein Beispiel nannte Tamburrini die fallenden Pegelstände des Rheins infolge der Dürre im vergangenen Jahr. Dabei hätten die Daten eine Korrelation des Wasserstandes mit dem Preis für Brennstoffe gezeigt. „Das war nicht einfach vorherzusehen, hat aber eine Änderung der Outputfunktion bewirkt“, sagte er. Zentralbanken müssten bei gravierenden Veränderungen dieser Art überlegen, ob sie gar nicht reagierten, die Geldpolitik lockerten oder anzögen. Im Endeffekt führten diese Ereignisse damit stets entweder zu mehr Inflation, weniger Wachstum oder einer Mischung von beidem.

          Führe eine Regierung eine Kohlendioxidsteuer ein, verändere dies dauerhaft die Inflationserwartung der Unternehmen und Marktteilnehmer. Kreditinstitute müssten sich über ihre individuellen Risiken klar werden, wenn zum Beispiel Immobilien unterhalb des Meeresspiegels in den Niederlanden durch die Erderwärmung in Gefahr seien. In Kalifornien habe schon im vergangenen Jahr angesichts der verheerenden, auf den Klimawandel zurückgehenden Waldbrände ein Versorgerunternehmen Insolvenz anmelden müssen.

          Autohersteller weit entfernt von 2021er Grenzwerten

          In dieser Frage teilte er die Sicht mit Fondsspezialist Hörter. Der Klimawandel beinhalte zwei Arten von Risiko: direkte physische Schäden durch Extremwetterereignisse wie Wirbelstürme oder Fluten und Risiken durch die Anpassung an die Klimaveränderung. „Wir bewerten immer, ob Unternehmen sich schnell genug in Richtung einer kohlendioxid-neutralen Welt bewegen“, sagte er. Derzeit hätten Kunden 6,4 Milliarden Euro direkt in den ESG-Fonds von Allianz Global Investors angelegt – ein kleines, aber stark wachsendes Volumen.

          Kein gutes Zeichen sei es zum Beispiel, dass alle großen Autohersteller in der durchschnittlichen CO2-Erzeugung der eigenen Flotte noch weit oberhalb der von 2021 an in Europa erlaubten 95 Gramm je Kilometer liegen, die deutschen übrigens besonders deutlich. Um die Tauglichkeit eines börsennotierten Unternehmens für diese Portfolios zu beurteilen, analysiere sein Team sie über die gesamte Wertschöpfungskette, was auch die Zulieferer beinhaltet. „Wir wählen die Unternehmen mit den besten profitablen Lösungen aus“, sagte Hörter. „Wer sein Geschäftsmodell schneller wandelt, ist für uns der Sieger.“ Zulieferer zum Beispiel müssten schon jetzt Antworten darauf liefern, welche Komponenten sie zu Elektroautos beisteuern könnten.

          Angesichts der geringen Volumina von ESG-gerechter Kapitalanlage und der mittelbaren Wirkung auf die CO2-Erzeugung fällt die Frage nach der Rolle der Finanzmärkte uneindeutig aus. „Die Finanzmärkte können die Welt nicht allein retten“, sagte EZB-Ökonom Tamburrini. „Aber sie spielen eine entscheidende Rolle darin, dem Kapital eine andere Richtung zu geben.

          Die Hauptverantwortung liegt bei den Regierungen.“ Die Finanzmärkte müssten durch geschickte Anreize Geld effizient umschichten. „Jeder Sektor muss seinen eigenen Anteil finden, das bezieht auch Zentralbanken ein“, sagte Tamburrini. Werde eine Volkswirtschaft auf eine nachhaltigere Wirtschaftsweise umgestellt, profitierten die meisten Menschen davon: „Wenn man eine nachhaltigere Wirtschaft erschafft, verbessert das den Wohlstand und die Gesundheit einer Gesellschaft“, sagte er.

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