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Nach Dax-Einbruch : Die Börse im Auge des Hurrikans

Überstanden? Verschnaufen an der Frankfurter Börse Bild: dpa

Die Aktienmärkte stehen am Dienstag nach einem Schwarzen Montag solide im Plus. Doch der Schein trügt, denn sie befinden sich nur im Auge des Hurrikans.

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          Wenn, wie am Montag, die Aktienmärkte rekordhohe Kursverluste einfahren, an der Wall Street der Handel ausgesetzt wird und zu allem Überfluss der Ölpreis auch noch um 20 Prozent in die Tiefe rauscht, wirkt es schon so, als ob die Welt zusammenbricht. Dabei muss man natürlich stets bedenken, dass es immer noch einen nächsten Tag gibt, an dem alles schon wieder ganz anders sein kann.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dieser Tag ist am Dienstag und siehe da, der F.A.Z.-Index steht 3,6 Prozent im Plus, wieder über 200 Punkten und das Barrel Öl der Sorte Brent kostet mit mehr als 36 Dollar auch wieder 6 Prozent mehr als am Vorabend.

          Das ist allerdings kein Grund, sich zurückzulehnen, tief durchzuatmen und zu denken: Puh, überstanden. Denn alles, was am Dienstag zu sehen ist, ist das was man so schön als „technische Erholung“ bezeichnet: Der unmittelbare Abwärtsdruck von Seiten der Panik-Schiebenden und Vorsichtigen ist erst einmal raus, sie haben sich vom Markt vorläufig zurückgezogen und lassen Raum für diejenigen, die entweder sehr kurz- oder sehr langfristig anlegen und nun die niedrigen Kurse nutzen.

          F.A.Z.-Index

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          Dass hat sich im Prinzip schon am Montag gezeigt. Nach dem starken Sturz zur Eröffnung erholten sich die Kurse zunächst, bevor dann ein länger anhaltender Verkaufstrend folgte, im Zuge dessen sich am Ende aber die Kurse stabilisierten. Ganz ähnlich war der Verlauf auch an der amerikanischen Börse. Dass der S&P-500 wie der F.A.Z.-Index und der Dax am Ende des Handelstages noch einmal nach unten gingen, ist wohl Marktteilnehmern geschuldet, die den kommenden Tag nicht mehr abwarten wollten.

          Wer aber nur auf die deutlichen Kursgewinne des Dienstags blickt, täuscht sich über den Nettoeffekt hinweg. Mit einem Plus von 3,6 Prozent sind zum einen nur 44 Prozent der Vortagesverluste aufgeholt. Zum anderen hat sich ja die Nachrichtenlage nicht wesentlich verändert. Nur die unmittelbare Reaktion ist durch.

          Tatsächlich aber handelt der F.A.Z.-Index auch nach den Kursgewinnen immer noch an der Grenze zum offiziellen Bärenmarkt, der mit einem Minus von 20 Prozent seit dem jüngsten Hoch definiert wird – ein phänomenaler Umschwung innerhalb von noch nicht einmal drei Wochen. Und der könnte eine Menge Zweit- und Drittrundeneffekte nach sich ziehen.

          Sollten etwa Amerikas Verbraucher im zweiten Quartal ihre Ausgaben um ein Viertel senken, könnte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Zeitraum allein deswegen um rund ein Prozent sinken. Präsident Trump kündigte am Montag an, mit dem Kongress ein Hilfspaket zu verhandeln, um die Auswirkungen auf den Verbrauch zu dämpfen.

          Diese Hoffnung gibt der ohnehin vorhandenen auf eine technische Erholung gepolten Stimmung die Nahrung. Betrachtet man die beiden Handelstage nach starken Kursverlusten, so ist eine deutliche Erholung am kommenden Tag typisch. Bisweilen verzögern sie sich etwas. Wie es längerfristig weitergeht, ist vom auslösenden Ereignis, vor allem aber vom übergeordneten Trend abhängig.

          Die Kursverluste des 11. September 2001 etwa wurden an den Folgetagen an der deutschen Börse etwas eingeholt (die amerikanische blieb geschlossen). Das änderte aber nichts daran, dass sich der Aktienmarkt in einem Baisse-Trend befand. Ähnlich war es während der Finanzkrise im Jahr 2008. Dagegen fand der Markt 1987 schon sechs Wochen nach dem Jahrhundert-Absturz vom 19. Oktober in den anhaltenden Bullen-Trend zurück.

          Derzeit aber ist aufgrund des Coronavirus und der latent schon vorher vorhandenen Konjunktursorgen und den Dominanzkämpfen zwischen den Vereinigten Staaten und China einerseits und nun Russland und Saudi-Arabien andererseits sowie weiteren Sorgen die Stimmung eher weniger gut. Insofern befinden sich die Aktienmärkte am Dienstag im Auge des Hurrikans. Wie lange die Ruhe anhalten wird, vermag man jetzt noch nicht zu sagen. Möglicherweise schwächt sich die Gewalt des Sturmes sogar ab, das darf man hoffen – und dennoch nicht vergessen, dass er auch noch an Intensität zunehmen könnte.

          Einen „Dead Cat Bounce“, den „Sprung einer toten Katze“ nennt man diese Marktbewegungen im Englischen - und genau danach rieche es, meint auch Neil Wilson, leitender Marktanalyst von Markets.com. Es sei ein kurzfristiger Rückprall von einem überverkauften Niveau.

          Es habe sich gerächt, dass die Aktienmärkte lange Zeit die Risiken ignoriert hätten und von Höchststand zu Höchststand geeilt seien, heißt es von der Fondsgesellschaft Swisscanto. Die Bewertungen, gemessen an den Kurs-Gewinn-Verhältnissen, hätten sich vielerorts deutlich von ihren langfristigen Durchschnittswerten gelöst. „In einer solchen Situation braucht es wenig, um eine Korrektur auszulösen.“

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