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Referenzindizes : Mit Anleihen gegen den Strom schwimmen

Sonniger Frühling in Belgrad: Die wirtschaftliche Entwicklung Serbiens stimmt Investoren zuversichtlich. Bild: EPA

Anleger orientieren sich gerne an Indizes, die stellvertretend für den Markt stehen. Im Anleihemarkt führt das aber dazu, dass Staaten mit einer hohen Verschuldung auch das höchste Gewicht haben.

          Ein ungünstiger Cocktail aus schwächeren Wachstumsaussichten vieler Industrieländer und Nullzinsen bringt besonders Anleihe-Anleger dazu, ihren Investitionshorizont auch in Richtung Schwellenländer zu erweitern. Außer nach China locken hohe Wachstumsraten von jährlich bis zu 7 Prozent auch in vielen andere Schwellenländer. Viele Investoren orientieren sich dabei an sogenannten Benchmarks, also bestimmten Referenzindizes. Einer der bekanntesten für Anleihen in Schwellenländern ist der JP Morgan Emerging Markets Bond Index, auch EMBI genannt. Anleger, die ihr Risiko möglichst streuen und in einer Vielzahl von Schwellenländern investiert sein wollen, legen ihr Geld oft in börsennotierte Indexfonds (Exchange Traded Funds; ETF) an, die solche Indizes abbilden.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Von Benchmark-Indizes hält Matthew Murphy, Fondsmanager von Eaton Vance, jedoch nicht viel. Er rät von einer Fokussierung auf diese ab und bevorzugt Schwellenländer, die hauptsächlich in ihrer eigenen Währung verschuldet sind. Viele dieser Länder befänden sich aber nicht in der Benchmark. Auch Jean-Jacques Durand, Fondsmanager von Edmond de Rothschild Asset Management, schaut nicht auf die Benchmark. Einigen Investoren sei gerade eine geringe Korrelation zu ihr wichtig.

          Indizes wie der EMBI werden ähnlich wie Aktienindizes konstruiert. Je größer die Marktkapitalisierung eines Unternehmens ist, desto größer ist dessen Gewichtung im Aktienindex. Für Anleiheindizes gilt ein ähnliches Prinzip. Je höher die Schulden eines Staates oder Unternehmens sind, desto größer ist dessen Gewicht im Index. David Hauner, Fachmann für Schwellenländer bei der Bank of America, sieht das kritisch: Je mehr Schulden ein Land habe, desto größer sei ihr Gewicht im Index – das sei pervers, sagt Hauner und sieht darin einen problematischen Effekt von ETF.

          Dass Unternehmen mit einer höheren Marktkapitalisierung stärker gewichtet werden, ergibt Sinn, wenn die Größe eines Unternehmens mit seinem Erfolg gleichgestellt wird. Diese Logik gilt jedoch nur bedingt für den Anleihemarkt. Eine höhere Verschuldung ist zwar nicht per se problematisch – so wie die Größe eines Unternehmens nicht zwingend heißt, dass es erfolgreich ist. Eine höhere Verschuldung erhöht dennoch das Risiko eines Zahlungsausfalls.

          Der Blick auf Länder außerhalb der Benchmark

          Die Referenzindizes, also die Benchmarks, werden von privaten wie institutionellen Investoren als Orientierung herangezogen, um beispielsweise die Wertentwicklung aktiv verwalteter Anleihefonds zu bewerten. Der „Tracking-Error“ eines Fonds zeigt, wie stark die Rendite des Portfolios über einen bestimmten Zeitraum von der Benchmark abweicht. Benchmarks gelten dabei oft als Äquivalent zum Markt. Das Problem besteht jedoch darin, dass Indizes wie der EMBI oder andere Anleiheindizes keinen perfekt diversifizierten Markt abbilden.

          In vielen Indizes werden etwa Staatsanleihen gegenüber Unternehmensanleihen favorisiert und damit übergewichtet – auch weil letztere oftmals kleiner und illiquider sind. Mehr als 70 Prozent der im EMBI enthaltenen Titel sind Staatsanleihen. Zudem ist die Preisfestlegung von Anleihen komplexer als die von Aktien, nicht zuletzt weil ihre Liquidität geringer ist. Anleihen werden häufig  außerbörslich gehandelt, was die Liquidität des börslichen Handels verringert, so dass dieser oft genug nicht repräsentativ ist. Nicht im Sinne vieler Investoren ist auch, dass die größten Emittenten von Anleihen nicht unbedingt die beste Verzinsung bieten. Wer sich etwa an dem World Government Bond Index (WGBI) orientiert, hält neben amerikanischen vor allem japanische Staatsanleihen – mit einer negativen Verzinsung, zumindest nach Abzug der Inflation.

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