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Deutsche Konzerne stürzen ab : Microsoft überholt Apple

Satya Nadella ist der Chef des wertvollsten Unternehmens der Welt – Microsoft. Bild: AP

Die wertvollsten Konzerne der Welt kommen aus Amerika, vor allem die Techunternehmen lassen alle hinter sich. Deutschlands Gewicht unter den 100 größten hat jedoch weiter abgenommen. Woran liegt das?

          In diesem Jahr ist das Bild deutlicher denn je: Die amerikanischen Konzerne dominieren die Weltbörsen. Denn die fünf gemessen an der Börsenkapitalisierung größten Unternehmen der Welt kommen aus den Vereinigten Staaten. An der Spitze liegt Microsoft. Der Softwarekonzern hat damit Apple auf den zweiten Platz verdrängt. Zudem haben von den 100 wertvollsten Unternehmen mit 57 mehr als die Hälfte ihren Sitz in Nordamerika. Nur 22 kommen aus Europa sowie 21 Unternehmen aus Asien und dem pazifischen Raum. Dies ergibt eine Analyse des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Demnach vereinen die amerikanischen Unternehmen mit knapp 11,5 Billionen Dollar (rund 10,1 Billionen Euro) 63 Prozent des Gesamtvolumens der Marktkapitalisierung auf sich. Durch die Kursturbulenzen an den Börsen sind das 7 Prozent weniger als im Vorjahr. Die asiatischen Unternehmen stehen derzeit für 19 Prozent der Gesamtmarktkapitalisierung der größten 100. Sie verloren nach einem starken Vorjahr 15 Prozent an Wert. Die europäischen Unternehmen folgen mit 16 Prozent des Gesamtwerts und haben in der Summe 10 Prozent verloren. Insgesamt beträgt der Börsenwert der 100 teuersten Unternehmen der Welt zum Jahresende rund 18,1 Billionen Dollar – das sind 9 Prozent oder 1,8 Billionen Dollar weniger als vor einem Jahr.

          Deutschlands Gewicht unter den 100 größten hat weiter abgenommen. Denn die Zahl der deutschen Unternehmen ist von sechs auf zwei gesunken. Die größte deutsche Aktiengesellschaft ist SAP auf Rang 61 – der IT-Konzern ist derzeit rund 117 Milliarden Dollar wert. Im Vorjahr stand das Unternehmen noch auf Platz 63. Daneben hat sich mit Siemens auf Platz 89 (Vorjahr: 73) noch ein weiteres deutsche Unternehmen plaziert. Der Versicherer Allianz steht auf Rang 101 (92). Zudem hat der Industriegasehersteller Linde durch die Fusion mit Praxair den Sitz von Deutschland nach Irland/Großbritannien verlegt und zählt deshalb nicht mehr zu den deutschen Unternehmen. Das teuerste Unternehmen in Europa ist der Lebensmittelkonzern Nestlé mit einem Börsenwert von 252 Milliarden Dollar auf Platz 15 (18).

          Einen Wechsel gab es an der Spitze der Rangliste: Apple verlor 17 Prozent an Wert und rutschte im Vergleich zum Jahresende 2017 vom ersten auf den zweiten Platz. Microsoft rückte hingegen vom dritten auf den ersten Platz vor, mit einer Marktkapitalisierung von 754 Milliarden Dollar. Der Softwarekonzern hat seinen Börsenwert binnen eines Jahres um 14 Prozent oder 94 Milliarden Dollar erhöht. Apple ist nun 715 Milliarden Dollar wert. Den dritten Platz im Ranking belegt die Google-Muttergesellschaft Alphabet mit einem aktuellen Börsenwert von 685 Milliarden Dollar – 6 Prozent weniger als vor einem Jahr. Die wertvollsten nichtamerikanischen Unternehmen sind die beiden chinesischen Internetkonzerne Tencent und Alibaba, die mit 381 beziehungsweise 339 Milliarden Dollar auf Rang sechs und neun stehen.

          Automobilunternehmen verlieren besonders stark an Wert

          Die insgesamt relativ schwache Entwicklung der deutschen Top-Konzerne führt Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY in Deutschland, auf konjunkturelle Ursachen, aber auch auf den spezifischen Branchenmix in Deutschland zurück: „Das vergangene Jahr war nicht einfach für die deutschen Konzerne. Wegen ihres relativ kleinen Heimatmarkts und der starken Ausrichtung auf ausländische Märkte leiden sie eher unter den aktuellen handelspolitischen Spannungen und Strafzöllen als etwa die amerikanischen Konzerne.“ Zudem verliere derzeit die europäische Wirtschaft insgesamt an Fahrt, während die Konjunktur in den Vereinigten Staaten nach wie vor sehr gut laufe. Hinzu komme, dass gerade die für Deutschland so wichtige Automobilbranche Gegenwind verspüre. Dabei hätten nicht nur deutsche Autokonzerne an Wert verloren – die gesamte Automobilbranche habe an den Börsen ein schwieriges Jahr erlebt, sagt Barth.

          Der Gesamtwert der 15 höchstbewerteten Autohersteller beziehungsweise Zulieferer der Welt sank im Lauf dieses Jahres um 22 Prozent beziehungsweise 212 Milliarden Dollar. Bis auf Tesla konnte keines der Unternehmen seinen Börsenwert steigern. Die Automobilindustrie befinde sich in einer Umbruchphase, sagt Barth. Hohe Investitionen in Zukunftstechnologien schmälerten die Gewinne, und die Digitalisierung sowie der Vormarsch der Elektromobilität stellen bisherige Geschäftsmodelle infrage. Zudem schrumpfe mit China der wichtigste Absatzmarkt erstmals seit mindestens zwei Jahrzehnten. All das verunsichere Investoren, sorge für sinkende Kurse und falle in Deutschland besonders stark ins Gewicht, da Deutschland mit Volkswagen, Daimler, BMW, Audi und Continental immerhin fünf der 15 größten Unternehmen aus der Automobilbranche beheimatet. Hinzu kommt, dass die Autohersteller wegen des Diesel- und Abgasskandals stark unter Druck geraten sind.

          Die Dominanz der amerikanischen Konzerne hat nach Barths Einschätzung mehrere Gründe. Zum einen profitierten die Aktienkurse vieler amerikanischer Unternehmen von der sehr positiven Konjunkturentwicklung auf dem Heimatmarkt und der – nicht zuletzt dank der Steuersenkungen – guten Gewinnentwicklung der Konzerne. Zum anderen stünden Technologieunternehmen bei Investoren besonders hoch im Kurs, und in diesem Bereich seien die Vereinigten Staaten eindeutig besser aufgestellt als Europa. Insgesamt hätten sich 21 amerikanische Internet- und Technologiekonzerne unter den 100 größten Unternehmen der Welt  plaziert und nur zwei europäische. Die Bedeutung klassischer Industrieunternehmen nimmt dagegen weiter ab: Nur noch sechs Industrieunternehmen sind unter den 100 größten zu finden, vor einem Jahr waren es noch 8.

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