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Mehr Aufwand, höhere Kosten : Anlageberater befürchten neue Regulierungswelle

Kunden zu beraten, könnte für Finanzvermittler in Zukunft noch aufwändiger werden. Bild: dpa

Vermittler von Finanzanlagen sollen in Zukunft durch die Bafin beaufsichtigt werden, auch die Archivierungspflicht von Kunden-Telefonaten ist geplant. Die Branche sieht die Maßnahmen kritisch.

          In der Regulierung der Finanzberaterbranche scheint noch lange kein Ende erreicht zu sein. Auf europäischer Ebene gab es mit der Finanzmarktrichtlinie Mifid 2 und der Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD einige Großprojekte, die den Markt nachhaltig verändert haben. Nun müssen die verschiedenen Regulierungsstränge aneinander angepasst werden. Und gleichzeitig hat die Bundesregierung noch eigene Vorhaben, die sie zügig umsetzen will. Nach den genannten Berufsgruppen betrifft das nun die Finanzanlagenvermittler, die Kunden zur Altersvorsorge, zu Versicherungen, Bausparverträgen und Investmentprodukten beraten. In einer eigenen Verordnung sollen Regeln, die zum Beispiel für Banken seit Mifid 2 gelten, auf diese Gruppe übertragen werden. Außerdem beabsichtigt die Bundesregierung, diese Vermittler künftig nicht mehr durch lokale Industrie- und Handelskammern, sondern die Finanzaufsicht Bafin beaufsichtigen zu lassen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ruft die Vertreter der Finanzanlagenvermittler auf den Plan. Beide Vorhaben sehen sie äußerst kritisch. In einer kürzlich erteilten Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion präzisierte das Bundesfinanzministerium, „eine zügige Übertragung der Aufsicht über Finanzanlagevermittler auf die Bafin“ anzustreben. Die Ministerien stimmten sich derzeit dazu ab, wie ein Gesetzentwurf aussehen soll.

          Die Umstellung werde 80 Prozent der Gewerbetreibenden in der Finanzberatung betreffen, die gleichermaßen eine Erlaubnis als Finanzanlagenvermittler (nach dem entsprechenden Paragraphen in der Gewerbeordnung auch als 34f bekannt) und als Versicherungsvermittler (Paragraph 34d) besitzen. Schon weil das Recht durch die Umsetzung der Mifid-2-Richtlinie deutlich umfangreicher sei, ergebe die Übertragung auf die Bafin Sinn, die noch 2017 von der Vorgängerregierung abgelehnt wurde. Der entscheidende Vorteil aus Sicht der Bundesregierung: „Eine Aufsicht durch die Bafin würde eine bundesweite Vereinheitlichung der Aufsichtspraxis fördern“, heißt es in der Antwort. Bislang sei sie zersplittert und nicht homogen. Synergieeffekte seien dadurch zu erwarten, dass die Bafin bei der Überwachung der Wertpapierdienstleister Fachwissen erworben habe.

          Maßnahmen unverhältnismäßig

          Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute lehnt das ab. „Das ist kontraproduktiv und missachtet die bereits seit 2007 bewährte föderale Lösung, die wirtschaftsnah, sachkompetent und unbürokratisch ist“, argumentiert Verbandspräsident Michael Heinz. Er befürchtet deutlich höhere Kosten und rät dringend dazu, an der bestehenden Selbstverwaltungslösung festzuhalten. Die Industrie- und Handelskammern hätten sich bewährt – auch weil sie die Verhältnisse des regionalen, mittelständisch geprägten Vermittlermarktes einschätzen könnten.

          Doch viele Finanzanlagevermittler befürchten noch ganz andere Regeln. Ihre Kritik entzündet sich vor allem daran, dass die Pflicht zur telefonischen Aufzeichnung von Beratungsgesprächen weit gefasst wird. Berater wären gezwungen, Telefonate zu archivieren und zu dokumentieren, was ein Unverhältnis von Aufwand und Ertrag darstelle. Anders als die unter dem Dach eines größeren Instituts agierenden Bankberater unter den Mifid-2-Regeln sind die Finanzanlagenvermittler oft Einzelkämpfer, die sich um die Verwaltung selbst kümmern müssen.

          Nach Darstellung von Branchenvertretern führen sie eine Order zum Verkauf eines Finanzprodukts nicht selbst aus, sondern vermitteln diese an einen Bankberater, so dass es auch nicht zu existentiellen Missverständnissen zwischen Kunde und Anlageberater am Telefon kommen könne. „Das Taping geht deshalb bei Vermittlern ins Leere, und viele würden zukünftig dem Kunden jedwede telefonische Auskunft zur Geldanlage verweigern müssen, da der Aufwand für einen Vermittler als Kleinunternehmer völlig unverhältnismäßig ist“, sagt Helge Lach, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Vermögensberater. In den Banken sieht man das naturgemäß anders. Dass auch Finanzanlagevermittler ihre Telefonate aufzeichnen müssen, sähen Kreditinstitute nur allzu gern – im Sinne gleicher Wettbewerbsbedingungen für alle.

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