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Traditionsmarke verschwindet : Das späte Ende von Merrill Lynch

  • -Aktualisiert am

Abschied von einem Namen: Die traditionsreiche Marke Merrill Lynch soll nun endgültig verschwinden. Bild: AFP

Der Name Merrill Lynch verschwindet endgültig aus der Welt des Investmentbankings. Zehn Jahre nach der krisenbedingten Übernahme streicht die Bank of America jetzt den Namen der traditionsreichen New Yorker Bank.

          Bear Stearns, Lehman Brothers, Merrill Lynch: Vor der Finanzkrise waren das traditionsreiche, unabhängige Investmentbanken an der Wall Street. Bear Stearns wurde im März des Krisenjahres 2008 schwer angeschlagen vom größeren Konkurrenten JP Morgan Chase geschluckt. Lehman wurde Mitte September des gleichen Jahres insolvent und ging in der britischen Barclays auf. Merrill, damals die drittgrößte amerikanische Investmentbank nach Goldman Sachs und Morgan Stanley, war der nächste Pleitekandidat und flüchtete am Tag der Lehman-Pleite per Notverkauf in die Arme der Bank of America.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Im Gegensatz zu Bear Stearns und Lehman hatte der Name Merrill Lynch zunächst Bestand. Die Bank of America, die bis dahin nur wenig Investmentbanking gemacht hatte, führte die Sparte unter dem Doppelnamen Bank of America Merrill Lynch weiter. Damit ist jetzt Schluss. Die Bank streicht nach eigenen Angaben den Markennamen Merrill Lynch für die Sparten Wertpapierhandel und Investmentbanking, also das Geschäft mit der Beratung von Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen sowie Börsengängen.

          Die Sparte wird künftig als BofA Securities firmieren. Nur die Wertpapiersparte für Privatkunden wird weiter Merrill heißen – ein Zugeständnis an die Wurzeln von Merrill Lynch, die lange vor allem für Anlageberatung bekannt war. Mit dem Bullen als Symbol führten die Tausende Anlageberater (Broker) von Merrill Lynch – die „donnernde Herde“ – im 20. Jahrhundert Massen amerikanischer Familien zur Börse.

          Merrill Lynch, im Jahr 1915 von den Aktienbrokern Charles Merrill und Edmund Lynch gegründet, war wegen ihrer fürsorglichen Unternehmenskultur als „Mutter Merrill“ bekannt – was einen Beigeschmack von Nepotismus hatte. Nach der Jahrtausendwende wurde dieser Begriff unter dem damaligen Vorstandschef Stan O’Neal, dem ersten Afroamerikaner an der Spitze einer Wall-Street-Bank, verpönt. „Die Vorstellung, dass Merrill ein positives Image als ,Mutter Merrill‘ hatte, halte ich für bizarr. So ist man nicht erfolgreich“, sagte im Jahr 2006 ein damaliger Spitzenmanager der Investmentbank in einem Interview.

          Die Mentalität sei nunmehr bestimmt von Verantwortlichkeit, Meritokratie und Belohnung für Erfolg. Merrill Lynch eiferte damals dem Wall-Street-Primus Goldman Sachs nach, drehte ein großes Rad mit zweitklassigen Hypothekenanleihen und geriet schließlich in Schieflage, weil das Risikomanagement im Gegensatz zu dem von Goldman Sachs zu wünschen übrig ließ.

          Ein waghalsiges Unterfangen

          Die Bank of America stieß mit der Übernahme von Merrill Lynch ihrerseits in ein traditionell schwankungsanfälliges Geschäft vor, dass sie bis dahin vermieden hatte. Die jetzt zweitgrößte Bank der Vereinigten Staaten hat im Gegensatz etwa zu JP Morgan Chase keine Wurzeln an der Wall Street. Die Ursprünge der Bank liegen in den Südstaaten. Kern der heutigen Großbank ist die regionale North Carolina National Bank aus Charlotte, die im Laufe der großen Konsolidierungswelle in den drei Jahrzehnten vor der Finanzkrise zu einem der führenden amerikanischen Kreditinstitute wurde.

          Vom Ende der neunziger Jahre an kam es nach dem Wegfall des bis dato geltenden Trennbankengesetzes auch zu großen Fusionen von Investmentbanken und Kreditinstituten. Damit entstanden in Amerika erstmals große Universalbanken europäischen Zuschnitts, die alle Geschäfte unter einem Dach anboten. Den Auftakt machte die Citigroup, ein Zusammenschluss der Citibank und des Finanzkonglomerats Travelers, zu dem damals die Investmentbank Salomon Brothers und das Brokerhaus Smith Barney gehörte; ebenfalls traditionsreiche Namen, die mittlerweile verschwunden sind.

          Die Übernahme von Merrill war ein waghalsiges Unterfangen, weil der damalige Vorstandsvorsitzende der Bank of America, Kenneth Lewis, bis dahin betont Distanz zur Wall Street gehalten hatte. „Die Wall Street ist nicht Amerika“, sagte Lewis gerne und konzentrierte sich lieber auf den Mittelstand und die privaten Haushalte. Als die Baisse der Technologieaktien und die Skandale um Interessenkonflikte von Aktienanalysten Anfang des Jahrtausends die New Yorker Konkurrenten unter Druck setzte, kletterte der Gewinn des Südstaateninstituts stetig weiter.

          Die Bank of America und Lewis zahlten nach der Übernahme von Merrill viel Lehrgeld. Sie zahlten Milliardenstrafen, die auf fragwürdige Geschäfte von Merrill und den auch von der Bank übernommenen Hypothekenanbieter Countrywide zurückgingen. Lewis verlor am Ende wegen umstrittener Bonuszahlungen an Merrill-Manager seinen Posten. Nachfolger Brian Moynihan versucht die Sparten nach dem Ende der juristischen Aufarbeitung jetzt enger zusammenzuführen. Teil davon ist offenbar die neue Markenstrategie.

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