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Auf das Wahlergebnis : Wie werden die Märkte reagieren?

Eine Regierungsbeteiligung der wirtschaftsliberalen FDP könnte an den Aktienmärkten für Hoffnung sorgen. Bild: TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Zumindest kurzfristig sind keine allzu großen Kursausschläge zu erwarten. Je nach Koalition profitieren aber die Aktien unterschiedlicher Branchen.

          Besonders starke kurzfristige Auswirkungen der Bundestagswahl auf die Finanzmärkte erwarten die meisten Fondsmanager und Analysten nicht – auch wenn sie die langfristige Bedeutung der Wahl für die Wirtschaft in Deutschland und sogar Europa diesmal durchaus als hoch einschätzen. Unmittelbar werde nur eine handfeste Überraschung im Wahlausgang die Märkte bewegen, sagen die meisten.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Adrian Day von der amerikanischen Fondsgesellschaft Adrian Day Asset Management hat dieses Szenario beim Edelmetall-Gipfel „Precious Metals Summit“ in Colorado einmal durchgespielt: Wenn die Alternative für Deutschland (AfD) bei der Wahl überraschend stark abschneiden sollte, könnte der Goldpreis mit einem „Satz nach oben“ reagieren, meinte er. Ansonsten sei Bundeskanzlerin Angela Merkel als klare Wahlsiegerin „eingepreist“ – deshalb seien für die meisten denkbaren Wahlergebnisse zumindest keine dramatischen Marktreaktionen zu erwarten.

          Regierungsbeteiligung der FDP könnte Einfluss haben

          Es geht also eher um gewisse Tendenzen. Für deutsche Dividendentitel beispielsweise hält Oliver Maslowski, Portfoliomanager der Fondsgesellschaft Global Asset Management (GAM), Reaktionen für möglich. Wenn es zu einer Regierungsbeteiligung der FDP komme, könnte sich beispielsweise bei der Mietpreisbremse etwas tun. Davon könnten große Wohnungsunternehmen wie Vonovia, LEG oder Deutsche Wohnen profitieren.

          Sollte es hingegen zu einer Regierungskoalition kommen, die sich besonders die Förderung der Elektromobilität auf die Fahnen schreibt, könnten wegen des dann wahrscheinlichen hohen künftigen Strombedarfs deutsche Versorgeraktien profitieren. Mehrere Regierungskoalitionen seien zudem denkbar, in denen die Digitalisierung stärker gefördert werden soll. Davon könnten dann Unternehmen mit einer starken Digitalisierungsstrategie und Telekommunikationstitel profitieren.

          Nur eine Änderung bringt Bewegung

          „Eine Fortsetzung der jetzigen Koalition wäre für die Märkte vermutlich so unspektakulär, dass ein entsprechendes Ergebnis die Kurse kaum bewegen dürfte“, meinen Martin Lück und Felix Herrmann vom Vermögensverwalter Blackrock. Ausschläge seien allenfalls zu erwarten, wenn sich an Merkels Regierungskoalition etwas ändere. So könnte beispielsweise ein Wahlergebnis, das ein Bündnis aus Union und FDP rechnerisch möglich mache, an den Aktienmärkten für Hoffnung sorgen, da die FDP als wirtschaftsfreundlich gelte, Steuersenkungen und Deregulierung offener gegenüberstehe und somit Optimismus bezüglich höherer Unternehmensgewinne befördern könnte, meint Blackrock.

          Dagegen dürften die Akteure an den Anleihemärkten, insbesondere für südeuropäische Staatsanleihen, eine Regierungsbeteiligung der FDP mit Skepsis sehen, meint Blackrock – hätten sich doch führende FDP-Vertreter für eine sehr harte Auslegung des Fiskalpaktes und sogar ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone ausgesprochen: „Die südeuropäischen Renditeaufschläge könnten somit ansteigen“, glauben die Analysten.

          Deutsche Post profitiert von Briefwahl

          Zuletzt habe die Aussicht auf andauernde Stabilität in Deutschland durch eine Neuauflage der großen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel die Aktienmärkte gestützt, heißt es von der Privatbank Julius Bär. Mit Blick auf die nächsten drei bis vier Jahre könnte sich hingegen eine Politik des „Einschläferns“ auch als Gefahr für die Börse erweisen – falls Deutschland wichtige Zukunftschancen beispielsweise mit Blick auf die Neuausrichtung der Automobilindustrie verpassen sollte.

          Das Bankhaus Metzler merkte an, eine Aktie, die tatsächlich von der Bundestagswahl profitieren könnte, sei die Deutsche Post: Die Zustellung der Wahlbescheinigungen an rund 61 Millionen Wahlberechtigte dürfte dem Unternehmen einen Zusatzertrag von geschätzt mehr als 20 Millionen Euro einbringen, schreiben die Metzler-Analysten Guido Hoymann und Hendrik König. Außerdem könnte der Baustoffkonzern Heidelberg-Cement davon profitieren, wenn die Politiker vor der Wahl Investitionen in die deutsche Infrastruktur versprechen – und sich nach der Wahl auch daran halten sollten.

          Auch Euro würde kaum erschüttert

          Mit der Frage, was die Wahl für die Währungsunion bedeute, hat sich Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, am Freitag in einem Papier auseinandergesetzt. Er hält es für wahrscheinlich, dass die große Koalition weiterregiert. Auch in dem Fall werde Berlin die europapolitischen Ideen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron aber „nicht einfach durchwinken“. So gebe es Vorbehalte gegen einen Machtzuwachs der EU-Kommission. Als Kompromiss könnte der ESM-Rettungsfonds zu einem Europäischen Währungsfonds weiterentwickelt werden.

          Mit eher symbolischen Europa-Schritten rechne er hingegen, sollte die Union mit der FDP regieren, die an den ursprünglichen Ideen des Maastricht-Vertrages festhalte: „Aber anders als von manchen angelsächsischen Analysten befürchtet, dürfte dieses Szenario die Währungsunion nicht destabilisieren.“ Mit Verwerfungen an den Finanzmärkten rechne er auch für diesen Fall nicht – kurzfristig könnte der Euro allerdings abwerten.

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