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Zu selbstsicher : Märkte verlassen sich zu sehr auf die Notenbanken

Das Gebäude der Federal Reserve in Washington Bild: AP

Die Notenbanken werden die Märkte bald nicht mehr unterstützen, meinen Manager alternativer Investmentfonds. Die Geldpolitik werde restriktiver werden. Doch die Märkte seien auf die Veränderungen nicht vorbereitet.

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          Die Finanzkrise oder die „GFC“ (Great Financial Crisis), wie sie im Börsenjargon mittlerweile genannt wird, ist nunmehr bald zehn Jahre her. Seitdem haben sich (nicht nur) die Finanzmärkte an eine Welt gewöhnt, die von den Notenbanken zumindest zu wesentlichen Teilen bestimmt wird. Doch genau das liegt einigen Managern alternativer Investmentfonds, sogenannter Liquid Alts, auf dem Magen.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Märkte sind sehr selbstsicher geworden“, sagt Jonathan Xiong, der bei Goldman Sachs Asset Management die Abteilung für alternative Rentenportfolios leitet. „Sie haben sich an die Unterstützung der Notenbanken gewöhnt.“ Viele Anleger extrapolierten die Erfahrung der vergangenen drei bis fünf Jahre auf die Zukunft. „Sie erwarten weiter steigende Vermögenspreise und eine niedrige Volatilität, weil sie in den großen Volkswirtschaften weiter von einem synchronen Wachstum mit niedriger Arbeitslosigkeit ausgehen“, sagt Fadi Fattouh, in leitender Position im Investment Research von En-Trust Permal tätig, dem Hedgefonds-Arm der Investmentgesellschaft Legg Mason.

          Inflation als Knackpunkt

          Doch schon seit 15 Monaten laufe die Notenbankpolitik in die andere Richtung, meint Xiong. „Die Bank of Canada, aber vor allem die amerikanische Fed sind schon restriktiv geworden.“ Die Fed werde 2018 diesen Kurs beschleunigen und auch die Bank of England und die Europäische Zentralbank (EZB) würden diesen Weg einschlagen – wenn auch nicht mit der gleichen Geschwindigkeit oder zur gleichen Zeit. „Die Zeit der lockeren Geldpolitik geht vorbei.“

          Die Anleger verließen sich auch viel zu sehr darauf, dass die Notenbanken auf die Märkte Rücksicht nehmen, und gingen auch hier von den Erfahrungen der vergangenen Jahre aus. „Es ist immer die Frage: Treibt die Notenbankpolitik die Märkte oder treiben die Märkte die Notenbankpolitik“, überlegt Xiong. „Seit 2007 jedenfalls hatten Marktentwicklungen einen starken Einfluss auf die Entscheidungen der Zentralbank.“ Es sei nicht auszuschließen, dass die Notenbanken dabei blieben, ein Gesetz sei das aber nicht.

          Für Fattouh ist die Inflation der entscheidende Punkt. Solange diese nicht anziehe, werde es beim graduellen Rückzug der Zentralbanken bleiben. „Aber die Inflation wird auf Dauer unterschätzt. Derzeit ist der Lohndruck noch gering, weil viele ältere Arbeitnehmer in Rente gehen und durch jüngere mit niedrigeren Gehältern ersetzt werden. Doch dieser Prozess wird in absehbarer Zeit zu Ende gehen, und dann wird der Lohndruck deutlich steigen.“

          Kassenhaltung könnte attraktiver sein als Kurzläufer

          Xiong warnt auch davor, die Risiken aus der falschen Richtung zu erwarten. „Alle erwarten mehr Volatilität am Aktienmarkt. Wir erwarten aber, dass sie zunächst am Rentenmarkt entsteht.“ Denn angesichts der niedrigen Renditen und der geringen Unterschiede zwischen den Laufzeiten, auch als flache Zinsstrukturkurve bezeichnet, genüge schon jegliche Zinsanhebung, um ganze Marktsegmente über Nacht unattraktiv zu machen.

          „Denn wenn höhere Risiken gegenüber Bargeldhaltung nicht mehr vergütet werden, dann will sie auch niemand mehr nehmen.“ Xiong verweist auf das Jahr 2006. Auch damals hätten die Renditen eng beieinandergelegen, habe der Aktienmarkt auf Rekordniveau notiert und sei die Volatilität gering gewesen. „Auch dann kamen die Zinserhöhungen, und sie kamen nicht unerwartet. Und dennoch zeigten sich alsbald Mängel im System.“ Das müsse sich zwar nicht wiederholen. „Aber wer Liquidität halten will, muss auch verkaufen. Wenn das in großem Umfang passiert, entsteht automatisch höhere Volatilität.“

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