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Börse in Frankreich : Der französische Präsident macht den Kursen Beine

Analysten zufolge könnten Macrons Reformen der französischen Börse helfen. Bild: Imago

Die Reformen des Emmanuel Macron sorgen momentan für einen Impuls, der, nach Ansicht von Analysten, der französischen Börse und deren Aktien helfen könnte.

          Der unmittelbare Macron-Effekt an der Pariser Börse war nur von kurzer Dauer, doch ein mittelbarer Impuls durch die Reformen des französischen Präsidenten ist nach Ansicht von Analysten möglich. Zwischen dem 17. April und dem 1. Mai war der französische Index CAC-40 um gut 7 Prozent gestiegen. Die Sorgen um einen Wahlsieg von Marine Le Pen verflüchtigten sich zunehmend. Am 8. Mai setzte sich Emmanuel Macron im zweiten Wahlgang der Präsidentenwahl den Umfragen gemäß deutlich durch. So zog rasch wieder der Alltag ein: Paris schloss sich den Bewegungen anderer europäischer Börsen an, erlebte über den Sommer ein Zwischentief und seit Anfang September wieder einen Aufschwung.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          All das vollzog sich freilich oberhalb des Vorjahresniveaus. Die Aktionäre dürfen sich freuen, dass die Pariser Börse dieses Jahr seit April stabil über der 5.000-Punkte-Grenze liegt. Der CAC-40 notiert heute bei rund 5.370 Punkten knapp 9 Prozent oberhalb des Jahresbeginns. Man muss zehn Jahre zurückgehen, um in den Archiven solche Hochstände zu finden. Viele Faktoren wirken auf den CAC-40 ein, darunter vor allem ausländische. Doch die französische Börse lässt sich auch innenpolitisch interpretieren. Der Herbstaufschwung wird von den Reformen mit gestützt, die Macron ohne große Abstriche durchsetzt.

          Nicht alles ist golden, was daran glänzt, daher meckern die Arbeitgeber, dass die Arbeitsrechtsreform weitergehen müsste und manche versteckte Steuerbelastung geblieben ist. Doch insgesamt können sich jene Franzosen, die das „angebotsorientierte Frankreich“ vertreten, nicht beklagen. Die Besteuerung von Kapitalgewinnen sinkt auf den Pauschbesteuerungssatz von 30 Prozent. Zuvor notierte sie oft – abhängig unter anderem vom persönlichen Einkommensteuersatz und der Haltedauer der Papiere – bei 60 oder 70 Prozent. Die in Frankreich als Umverteilungsinstrument beliebte Vermögensteuer konzentriert sich künftig zudem allein auf die Immobilien, wodurch auch hier Aktienbesitzer freigestellt werden. Von seinen linken Gegnern wird Macron als „Präsident der Reichen“ angegriffen, doch das war noch nie ein Vorwurf, der die Börse störte.

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          Die Aufhellung der Stimmung in Frankreich ist unverkennbar. Sie reiht sich in allgemein freundlicheres europäisches Umfeld ein. Der Arbeitsrechtsreform Macrons geben die Analysten weitgehend gute Noten. Felix Hüfner, früher bei der OECD, heute bei UBS, lobt, dass kleinere Unternehmen künftig Lohnfragen direkt mit ihren Beschäftigten ohne Gewerkschaftsfunktionäre klären können. Anders als früher seien Abweichungen von den Branchenvereinbarungen und damit Lohnanpassungen nach unten zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit möglich. „Als in Deutschland und Spanien die Reformen zur Verlagerung von Verhandlungskompetenzen auf die Unternehmensebene umgesetzt wurden, trug dies zur Lohndämpfung bei. Wir erwarten einen ähnlichen Effekt in Frankreich, wo sich die Lohnstückkosten weniger angepasst haben als anderswo“, meint Hüfner. Dem Abbau der Arbeitslosigkeit werde das guttun. Auch der zweite Block der Arbeitsrechtsreform, die Deckelung der oft überraschend hohen Kündigungskosten für die Arbeitgeber, erhält Beifall von Analysten. „Der Kündigungsschutz in Frankreich ist vergleichbar mit dem in Deutschland, doch strenger als in anderen OECD-Ländern“, sagt Hüfner. Weniger Kündigungsschutz werde nach den bisherigen Erfahrungen nicht automatisch zu mehr Beschäftigung führen, „doch das trägt zu mehr Wechsel auf den Arbeitsplätzen bei und steigert damit die Produktivität einer Volkswirtschaft“.

          Als Plus gilt die allgemeine Stoßrichtung der Macronschen Reformen, sie ist überwiegend wirtschaftsfreundlich. „Sein Ehrgeiz ist unbestreitbar größer als der seiner Vorgänger, von denen man besonders die Erstarrung unter Chirac und die Misserfolge unter Hollande in Erinnerung hat“, meint Bruno Cavalier, Analyst beim Bankhaus Oddo. Macron setze ein kohärentes Programm und nicht nur ein Ensemble von Einzelpunkten um. Neben den Kündigungskosten und den Verhandlungen in den Unternehmen gehören dazu die Verbesserung der Berufsausbildung sowie die Kostenkontrolle im Sozialsystem, darunter der staatliche Aufwand für die Wohnungspolitik. Die Jahresend-Prognose für den CAC-40 hat kaum ein Analyst infolge der neuen französischen Politik erhöht. Denn so eng sind die Zusammenhänge nicht. Doch mittelfristig hat der Optimismus Oberhand gewonnen. Das arbeitgebernahe Institut COE-Rexecode glaubt an eine Erhöhung des Potentialwachstums um 0,5 Prozentpunkte. 2022 werde die Wachstumsrate um 1 bis 1,5 Prozent höher liegen als ohne Reformen. Dadurch würden 250.000 bis 300.000 Arbeitsplätze geschaffen.

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